Reich werden mit Lügen, Empörung und Emotionen: Kandidatinnen für den Nationalrat diskutieren in Gossau über Fake News

Kandidatinnen für die Nationalratswahlen stellten sich beim Frauennetz Gossau im Marktstübli vor.

Melissa Müller
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Helen Alder Frey, Selina Grass und Judith Scherzinger sind die einzigen Nationalratskandidatinnen aus Gossau. (Bild: Urs Bucher)

Helen Alder Frey, Selina Grass und Judith Scherzinger sind die einzigen Nationalratskandidatinnen aus Gossau. (Bild: Urs Bucher)

12 Frauen zeigen sich im Gossauer Marktstübli von ihrer Schokoladenseite: Studentinnen, Bäuerinnen, eine Schulbusfahrerin, eine Firmenchefin, eine Gemeindepräsidentin. Die eine trägt Trainerhose und Turnschuhe, die andere Pumps und Hosenanzug. Was ihnen gemeinsam ist: Sie alle wollen am 20.Oktober für den Kanton St.Gallen in den Nationalrat. Die ehemalige St.Galler FDP-Stadtparlamentarierin Jennifer Deuel moderiert und stellt den Kandidatinnen Fragen wie: Würdest du bei einer Home­story mitmachen? In welcher Pose gefällst du dir am besten? Wie beschaffst du das Geld für deinen Wahlkampf?

Das Frauennetz Gossau hat am Montag eingeladen, um Frauen eine politische Plattform zu bieten. Zum Auftakt hält «Republik»-Journalistin und Politologin Adrienne Fichter einen packenden Vortrag über Fake News. Früher habe man bei Hackern noch an «böse Buben mit Kapuzen» gedacht, die ganze Infrastrukturen lahmlegten, sagt die 35-Jährige. Der Begriff Hacking habe sich ausgeweitet. Das vorsätzliche Streuen von Falschinformationen sei eines der grössten Probleme.

Ungehindert rassistische Botschaften verbreiten

«Es ist einfacher, mit Fake News Geld zu verdienen als mit seriösen Nachrichten», sagt Adrienne Fichtner. Fake News arbeiteten mit Empörung und Emotionen. Immer mehr Menschen kommunizierten via Whatsapp und Facebook in geschlossenen Gruppen. Das mache es einfacher, diffamierende und rassistische Botschaften zu verbreiten. In Indien und Brasilien sei Whatsapp für viele Menschen die einzige Informationsquelle. So seien Personen im Netz etwa als Kinderschänder verunglimpft worden. «Aufgrund solcher Fake News wurden in Indien schon 35 Menschen ermordet», sagt die Journalistin.

Sie zeigt auf, wie es so weit kommen konnte, dass ein Grossteil der Werbegelder zu Google und Facebook fliesst und klassische Zeitungen an Bedeutung verlieren. Das sei eine Gefahr für die Demokratie: «So hat man keine gemeinsame Basis für Diskussionen mehr.» FDP-Kandidatin Karin Weigelt sieht soziale Medien dennoch als «Riesenchance»: «Dadurch bin ich nicht auf Zeitungen angewiesen und kann mich selber präsentieren», sagt die Ex-Handballerin.

12 Kandidatinnen jeglicher Couleur stehen im Marktstübli Gossau im Rampenlicht. (Bild: Urs Bucher)

12 Kandidatinnen jeglicher Couleur stehen im Marktstübli Gossau im Rampenlicht. (Bild: Urs Bucher)

«Ich habe beim Vortrag fast nur Bahnhof verstanden», gibt Monika Scherrer (CVP), die Gemeindepräsidentin von Degersheim, zu. Sie sei nicht auf Facebook, habe nicht einmal einen Fernseher. «Ich habe dazu keine Zeit und Lust.» Sie gehöre eben der Ü-50-Generation an. Auch Susanne Vincenz-Stauffer sagt, sie sei «recht analog» unterwegs und verschicke gern Postkarten. Ihre Töchter hätten sie aber auf den Geschmack von Instagram & Co. gebracht.

Das urmenschliche ­Bedürfnis zu lästern

Die Gamser Bäuerin und Kantonsrätin Barbara Dürr (CVP) fühlt sich bei Fake News an die «Gerüchteküche in unserem Dorfladen» erinnert. Tratschen sei doch ein urmenschliches Bedürfnis, meint die Grossmutter. «Aber Hey! Jetzt haben wir doch gerade gehört, dass Falschnachrichten in Indien 35 Menschen das Leben gekostet haben», protestiert die 18-jährige Studentin Darja Meisterhans (FDP). Man müsse Fake News mit der gebotenen Vorsicht begegnen.

Drei Gossauerinnen wollen nach Bern

Auch die drei Gossauer Kandidatinnen präsentierten sich beim Frauennetz im Marktstübli. Unternehmerin Judith Scherzinger Gehrer führt mit ihrer Schwester Marion das Scherzinger Baby Center & Schlaf Center in Gossau. Die CVP-Frau wohnt mit ihrem Mann und ihrer Schwester über dem Laden. «Ich stehe für Frauen, Familien und KMU ein», sagt die politische Neueinsteigerin und Schwiegertochter von alt Regierungsrat Martin Gehrer. Sie nennt als Stärken «Multitasking und Sozialkompetenz». Und sie suche unkonventionelle Lösungen: Als sie heiratete, konnte sie sich mit ihrem Mann nicht auf einen Nach­namen einigen. Scherzinger warf eine Münze – jetzt trägt auch der Mann ihren Namen.

Helen Alder Frey (CVP) ist als Gossauer Stadträtin bereits bestens bekannt. «Oft muss ich Entscheide von Bund und Kantonen durchsetzen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich gern schon auf Bundesebene Einfluss nehmen würde», sagt die Juristin und Mutter dreier Kinder (20, 16 und 12 Jahre alt).

Juristin Selina Grass, 27, kandidiert für die Jungen Grünliberalen, weil ein Kollege sie dazu ermuntert habe. Erst kämpfte die Tochter eines Logistikers und einer Kauffrau mit Selbstzweifeln. «Doch Greta Thunberg hat mir bewusst gemacht, dass wir Jungen eine Stimme haben.»