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Regisseurin Barbara Miller im Interview: «Die Lust der Frau ist ein Tabu»

Die weibliche Sexualität wird weltweit unterdrückt. Auch in der Schweiz, sagt Barbara Miller. Im Interview spricht die Regisseurin über vorgetäuschte Orgasmen und die fehlende Klitoris in Schulbüchern.
Seraina Hess
Barbara Miller hat mit #Female Pleasure eine Bewegung ins Rollen gebracht. (Bild: PD)

Barbara Miller hat mit #Female Pleasure eine Bewegung ins Rollen gebracht. (Bild: PD)

«#Female Pleasure» hat ein Feuer entfacht. In der Schweiz gilt der Kino-Dokumentarfilm mit 65000 Eintritten als erfolgreichster des Landes. Die Zürcher Regisseurin zeigt in ihrem Werk die sexuelle Unterdrückung der Frau anhand von fünf Protagonistinnen aus verschiedenen Grossstädten der Welt. Kommenden Dienstag ist sie in St.Gallen zu Gast und steht dem Publikum Red und Antwort.

Am Freitag sind Sie aus Frankreich heimgekehrt, wo der Film Anfang Mai Premiere feierte. Fand er auch im Nachbarland Anklang?

Barbara Miller: Der Zuspruch war riesig. Am Kinostart beteiligten sich über 400 feministische Organisationen, die ein neues Filmplakat lancierten. Es zeigt eine selbstbewusste Frau mit einem Klitoris-Tattoo und geballter Faust. Nach dem Film ist der gesamte Saal mit gehobener Faust aufgestanden: Eine regelrechte Bewegung ist ins Rollen geraten.

Haben Sie mit dem Erfolg gerechnet?

Nein, er ist überwältigend. Letzten Sommer zitterten wir am Filmfestival in Locarno, weil wir nicht wussten, wie das Publikum reagieren würde. Auch später, als der Film in kirchlichen Kreisen gezeigt wurde, war ich gespannt auf die Reaktionen. Aber der Zeitgeist scheint heute reif für Tabuthemen.

In Ihrem Werk stellen Sie sexuelle Unterdrückung anhand von extremen Beispielen dar: Es geht um Vergewaltigung, Zwangsheirat und weibliche Beschneidung. Wie aber steht es um die Lust der Frauen in der Schweiz?

Die zugespitzten Beispiele sprechen alle Frauen an. In der Schweiz geht man natürlich offener mit Sex um – aber das heisst noch lange nicht, dass die selbstbestimmte Lust der Frau akzeptiert würde.

Wie äussert sich das?

Auch hier täuschen Frauen noch immer einen Orgasmus vor, weil sie es dem Partner, der beim Sex im Fokus steht, recht machen wollen. Durch Praktiken, die aufgrund der Internet-Pornografie als normal gelten, geraten sie unter Druck. Frauen haben von klein auf gelernt, zu gefallen, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Erst vor wenigen Monaten gab es einen medialen Aufstand wegen neuer Sexualkunde-Lehrmittel, die das weibliche Geschlechtsorgan immer noch ohne Klitoris darstellten. Sex wird in Bezug auf die Frau nur aufs Kinderkriegen ausgelegt. Die Lust ist aber ein Tabu. Es gibt also noch einiges zu verändern.

Mit «#Female Pleasure» sind Sie durchs Land getourt. Wie haben Frauen auf Ihr Anliegen reagiert?

Von der 18- bis zur 85-Jährigen waren alle sehr offen. Manchmal sind generationenübergreifende Diskussionen entstanden, etwa in Heiden. Dort zeigte sich, dass vor mehreren Jahrzehnten auch Katholikinnen nach der Geburt als unrein galten und etwa die Kirche nicht betreten durften – was stark an die jüdische Protagonistin im Film erinnert.

Der Film richtet sich nicht nur an Frauen. Gab es auch männliches Publikum?

Der Anteil lag je nach Rahmen der Veranstaltung bei 15 bis 40 Prozent – in der Westschweiz war er tendenziell höher. Viele Männer haben gemerkt, dass sich die Bewegung nicht gegen sie richtet; es ist ein Miteinander. Ein junger Mann erzählte mir beispielsweise, er sei nach dem Film nach Hause gegangen, habe seiner Freundin richtig Lust bereitet und schliesslich all seine Ex-Freundinnen angerufen, um sich für das zu entschuldigen, was er stets falsch gemacht habe.

Eine hübsche Anekdote. Wer aber Filme macht wie Sie, wird auch kritisiert, vielleicht sogar bedroht, so wie ihre Protagonistin, die gegen weibliche Beschneidung kämpft.

Bedroht werde ich bis jetzt kaum. Was vorkommt, sind dubiose Facebook-Anfragen von jungen Männern mit Kalaschnikows – Fundamentalisten. Natürlich schwingt immer etwas Angst mit. Auch auf meiner Reise nach Istanbul, wo der Film den Menschenrechtspreis gewonnen hat, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Immerhin war es das erste muslimische Land, in dem der Film Anerkennung fand, was von grosser Bedeutung ist. Drohungen bekommen aber vor allem die Porträtierten – erstaunlicherweise stammen die meisten von Frauen, deren Weltbild durch den Kampf für sexuelle Selbstbestimmung ins Wanken geraten ist.

Nun, da sie eine Bewegung ins Rollen gebracht haben: Wie geht es weiter?

Derzeit arbeite ich an einer Fortsetzung: «#Male Pleasure». Es geht um männliche Sexualität und den Druck, der dem Mann etwa durch die Pornoindustrie auferlegt wird. Welcher Film daraus entsteht, wird sich zeigen.

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