Regisseur Mano Khalil zu Gast in St.Gallen: «Ich bleibe ein Vertriebener»

Der aus dem kurdischen Teil Syriens stammende Regisseur kam vor 23 Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Inzwischen hat er mehrere Filmpreise gewonnen.

Christina Weder
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Für die Dreharbeiten an seinem neusten Spielfilm reiste Regisseur Mano Khalil kürzlich ins irakische Kurdistan. Bild: PD

Für die Dreharbeiten an seinem neusten Spielfilm reiste Regisseur Mano Khalil kürzlich ins irakische Kurdistan. Bild: PD

Er habe immer versucht, seinen Traum zu leben, sagt Filmregisseur Mano Khalil. Schon immer wollte er Geschichten erzählen. Und Filme drehen. Doch für seinen Traum musste Khalil kämpfen. Zeitweise habe er nicht mehr daran geglaubt, seinen Traumberuf jemals auszuüben.

Doch Khalil hat es geschafft. Seine Filme sind preisgekrönt. Der 55-Jährige gilt heute als angesehener Schweizer Regisseur. Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen zeigt dieses Wochenende drei seiner Filme im Rahmen der Ausstellung «Flucht». Am Freitag findet zudem eine Diskussion mit dem Filmemacher statt, der vor 23 Jahren als Flüchtling in die Schweiz gekommen ist und heute in Bern lebt.

Nach dem ersten Film verhaftet

Khalil ist im kurdischen Teil Syriens aufgewachsen. Er hat in Damaskus Geschichte und Recht studiert und in der ehemaligen Tschechoslowakei eine Filmschule besucht. Danach kehrte er in die Heimat zurück, um als Regisseur zu arbeiten. Doch kaum hatte er einen ersten Film realisiert – ein poetisches Porträt über eine kurdische Familie an der türkisch-syrischen Grenze –, wurde er verhaftet.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis musste er fliehen. Zwar hätte er Propagandafilme für Assads Regime drehen können, sagt Khalil. Doch er wollte seine Themen frei wählen, auch kurdische Geschichten erzählen und sich für die Rechte seines Volkes einsetzen, das jahrzehntelang unterdrückt worden war.

«Die Freiheit war mir immer wichtig.»

Seine Flucht führte ihn in ein Tessiner Flüchtlingslager, wo er drei Jahre lang auf seinen Asylentscheid wartete. Als es später darum ging, eine Arbeit zu finden, erzählte Khalil einem Beamten, er sei Filmregisseur. Dieser antwortete ihm, er sei im falschen Land: «Gehen Sie besser nach Hollywood.»

Der Beamte bot ihm eine Stelle als Strassenwischer an und vermittelte ihm schliesslich einen Job in einem Theater – allerdings nicht als Regisseur, sondern als Putzhilfe. Fünf Jahre verdiente Khalil mit Putzen und als Allrounder sein Geld. Dennoch fand er sich in einem Umfeld wieder, das ihm wohlgesinnt war. Nebenher begann er, an Dokumentarfilmen zu arbeiten.

«In der Schweiz hat niemand auf mich gewartet», sagt Mano Khalil. Es habe ihn unglaublich viel Kraft gekostet, die Hoffnung nicht aufzugeben. Seine eigene Geschichte färbt auf seine Filme ab. Sie handeln von der Identitätssuche, von der Flucht und vom Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen.

Mit seinen Filmen will Khalil eine Brücke zwischen dem Nahen Osten und dem Westen schlagen. Er wolle menschliche Filme machen, sagt er. Ob er dabei politische Absichten verfolge?

«Wenn man in einem Regime, in dem alles dunkel und schwarz ist, von Musik und Farbe erzählt, ist das bereits eine politische Aussage.»

Soeben ist Khalil von dreimonatigen Dreharbeiten im irakischen Kurdistan zurückgekehrt. Er arbeitet an einem neuen Spielfilm mit dem Arbeitstitel Nachbarn, der von einer kurdischen und einer jüdischen Familie handelt, die beide unterdrückt werden. Für die Dreharbeiten könne er ohne Probleme in den Nahen Osten reisen, sagt Khalil. Nur nach Syrien dürfe er nicht zurück. Die Gräber seines Vaters und seiner Mutter konnte er bis heute nicht besuchen.

Unterdessen hat der Regisseur den Schweizer Pass, arbeitet in seiner eigenen Filmproduktionsfirma und lebt mit seiner Frau und seinen Kindern im Alter von vier und acht Jahren in Bern. In der Schweiz fühle er sich zu Hause, sagt er:

«Heimat ist dort, wo man in Ruhe einschlafen und aufwachen kann.»

Trotzdem werde er wohl immer ein Flüchtling bleiben. Es sei wie eine Haut, die man nicht abstreifen könne. Denn schliesslich sei er ein Vertriebener. Und so bleibe auch die Sehnsucht nach den Wurzeln. Doch tief in seinem Innern weiss er: «Es ist ein verlorener Traum: Ich war 30 Jahre weg. Meine Heimat ist nicht mehr dieselbe.»

Filmwochenende mit Mano Khalil

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen lädt zu einem Filmwochenende ein und zeigt drei Filme von Mano Khalil. Am Freitag, 19 Uhr, ist der Film «Unser Garten Eden» zu sehen, der in einer Schrebergartensiedlung in Bern Bümpliz spielt, wo Schweizer Ordnungssinn auf fremdländisches Improvisationstalent trifft. Im Anschluss ist Khalil für eine Diskussion über sein filmisches Werk im Museum zu Gast. Am Samstag, 15 Uhr, wird der Film «Die Schwalbe» gezeigt, in dem sich die junge Schweizerin Mira auf der Suche nach ihren Wurzeln in den irakischen Teil Kurdistans begibt. Am Sonntag, 15 Uhr, steht «Der Imker» auf dem Programm, der vom berührenden Schicksal eines Bienenzüchters aus den kurdischen Bergen erzählt. Es gilt der Museumseintritt. In der aktuellen Ausstellung «Flucht» ist Khalil zudem mit einer Videoinstallation vertreten. (cw)

Mehr zur Ausstellung «Flucht»:

«Man erwartet von einem Flüchtling, dass er arm ist»

Der Berner Filmemacher Mano Khalil hat Flüchtlingslager in Griechenland, im irakischen Kurdistan und in der Türkei besucht. Daraus entstand ein bewegender Film, der den Auftakt für die Ausstellung im Zürcher Landesmuseum bildet. Schüsse fallen, Häuser explodieren.
Melissa Müller