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Provokation ist sein Markenzeichen: Tomi Ungerers Werke sind in Rorschach zu sehen

Die Vernissage zur Tomi-Ungerer-Ausstellung zählt über 750 Besucher. Bis März 2020
zeigt das Forum Würth in Rorschach einen Querschnitt durch das Lebenswerk des vielseitigen Satirikers.
Rahel Egger
Beinahe 800 Besucherinnen und Besucher nahmen an der Vernissage im Forum Würth Rorschach teil. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Beinahe 800 Besucherinnen und Besucher nahmen an der Vernissage im Forum Würth Rorschach teil. (Bild: Rahel Jenny Egger)

«Das hätte Tomi Ungerer sehr gut gefallen, soviel darf ich wohl vorwegnehmen», sagte die Direktorin der Sammlung Würth, Sylvia Weber, am Montagabend schmunzelnd ins Mikrofon. Zuvor hatte der Kinderchor der Musikschule Rorschach-Rorschacherberg die Vernissage im Forum Würth mit dem Lied «Mini Farb und dini» eröffnet. Der Ohrwurm weckt Kindheitserinnerungen bei den über 750 Besuchern. Genauso wie viele der 80 illustrierten Kinderbücher von Jean-Thomas «Tomi» Ungerer. Darunter finden sich Klassiker wie «Die drei Räuber» oder «Zeraldas Riese». Tomi Ungerer sei ein Leben lang Kind geblieben, erzählt Weber.

Der Schriftsteller, Illustrator und Grafiker unterscheide sich aber ganz klar von klassischen Kinderbuchautoren. Er mute seinen jungen Lesern einiges zu, sagt sein langjähriger Freund Robert Walter. Der wortgewandte Zweitredner ist Generalsekretär des Tomi-Ungerer-Freundeskreises und Direktor der Stiftung Centre Culturel Franco-Alle­mand Karlsruhe. Er erklärt dem Publikum:

«Tomi zögert nicht, die Realität zu zeigen, um bei den Jüngsten Angst oder Schrecken zu wecken. Er konfrontiert unsere jungen Menschen mit manchmal gewalttätigen Welten, als ginge es darum, sie besser auf das Leben vorzubereiten.»

Dabei habe der Künstler mit starken weiblichen Hauptfiguren die Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt und mit seinen düsteren Welten etliche Kinderliteraturtabus gebrochen.

Seine Anti-Vietnamkrieg-Plakate zeigen Ungerers politisch-aktivistische Seite. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Seine Anti-Vietnamkrieg-Plakate zeigen Ungerers politisch-aktivistische Seite. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Aufgewachsen im elsässischen Colmar, erlebte Ungerer sowohl die Besatzung der Nazis als auch die Wiedereinnahme durch die Franzosen. Die Unterdrückung der Sprache auf beiden Seiten prägte ihn stark. Aufgrund dieser Erlebnisse sei Ungerer ein Leben lang vor der Zuweisung einer Sprache, eines Landes, einer Identität geflohen. Das sei auch der Grund, wieso man ihn nicht so einfach in eine Schublade schieben könne, betont Walter. Sein Zeichenstil sei schwer zu fassen. Er erfinde sich immer wieder neu. Auch die Gestaltungsmethoden seien vielfältig. Von den Collagen über skulpturale Objekte bis zu seinen Zeichnungen sind alle Formen in der Ausstellung vertreten.

Gutenachtgeschichten und Erotikalben

Als Feind gesellschaftlicher Konventionen war Ungerers bester Freund die Provokation. Die weltberühmten Kinderbücher zeigen nur eine Seite des Künstlers. Ungerer war scharfer Satiriker, Aktivist und Gesellschaftskritiker. Seine Zeit als junger Grafiker in New York sei, wie sein ganzes Leben, von Widersprüchen geprägt gewesen, sagt Robert Walter. Auf der einen Seite nahm er Werbeaufträge von Grossunternehmen an, auf der anderen Seite vergraulte er die amerikanische Gesellschaft mit Plakaten gegen Rassismus und den Vietnamkrieg. Er provozierte mit dem Cartoonband «The Party», in dem er die New Yorker Schickeria auf die Schippe nahm.

Mit der Herausgabe des «Fornicons» trieb er es dann zu weit. Das Büchlein enthielt ausschliesslich Zeichnungen automatisierter Lustbefriedigung. Durch die Darstellung sexueller Akte von Menschen mit Maschinen, kritisierte Ungerer die Instrumentalisierung der Sexualität. Doch die amerikanische Prüderie scheint zu gross. Vor allem als Kinderbuchautor wird er von allen Seiten her verschrien. Erotikalben und Gutenachtgeschichten gehen selbst im fortschrittlichen New York noch nicht zusammen.

Ein Wanderer kommt zur Ruhe

Ungerer zieht in Folge als Farmer nach Kanada und später nach Irland. «Ich bin stolzer auf einen gut produzierten Schinken, als auf eine gute Zeichnung», zitiert ihn Walter. Im höheren Alter hätte er sich vermehrt für die deutsch-französische-Freundschaft eingesetzt. Nach jahrelanger Identitätsflucht und Minderwertigkeitskomplexen hätte der Künstler endlich zu seinen elsässischen Wurzeln gefunden. Am 9. Februar dieses Jahres schlief der Künstler friedlich ein. Seine Asche liess er aufgeteilt verstreuen. «Meine Wurzeln sind im Elsass und mein Laub ist in Irland», zitiert Walter seinen Freund.

Auch mit Reinholdt Würth verband Tomi Ungerer eine enge Freundschaft. Sie lernten sich 2002 kennen und kollaborierten bereits 2010 für die Ausstellung «Eklips» in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. 240 Ungerer-Werke besitzt die Würth-Sammlung. Die Ausstellung im Foyer des Forum Würth in Rorschach zeigt noch bis März 2020 eine Auswahl von 90 Werken.

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