Preisgekrönte Autorin Helga Schubert gastierte 1988 im Rorschacherberger Schloss Wartensee: Ein Rorschacher erinnert sich

Ein Rorschacher hat Helga Schubert vor bald 32 Jahren zu einer Lesung eingeladen. «Diese mutige, kritische, engagierte Schriftstellerin beeindruckte mich», erinnert er sich.

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«Wir leben in Lebensverhältnissen, die unwürdig sind», so Helga Schubert.

«Wir leben in Lebensverhältnissen, die unwürdig sind», so Helga Schubert.

Bild: ORF/Johannes Helm

(aen/jor) Die 80-jährige deutsche Autorin Helga Schubert ist mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Das ruft Erinnerungen an eine Lesung und ein Gespräch mit ihr am 23. November 1988, im Rorschacherberger Tagungszentrum Schloss Wartensee, hervor: Der Rorschacher Arne Engeli hatte die DDR-Schriftstellerin und Psychotherapeutin eingeladen.

Als Titel der Veranstaltung wählte Engeli ein Zitat aus ihrem Buch «Judasfrauen»: «Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.» Darin verarbeitete Helga Schubert ihre eineinhalbjährige Recherche über Denunziantinnen in der Nazizeit. Sie wollte die Abscheu gegen solches Verhalten wachhalten, das, entgegen der offiziellen Meinung, auch mit der Gegenwart zu tun habe. Wer vor 1945 sagte: «Wir werden den Krieg verlieren», konnte mit dem Tode bestraft werden. Wer jetzt die aktuellen Zustände oder die Partei in der DDR kritisiere, müsse allenfalls mit Gefängnis oder Ausbürgerung rechnen.

Positiv wertete Schubert an der Gesellschaftsordnung der DDR das Volkseigentum an Grund und Boden. Anschliessend an die Wartenseetagung stellte sie sich an der Kantonsschule Romanshorn in der Gymnasialklasse von Arne Engelis Bruder dem Gespräch.

Schilderungen vom DDR-Alltag

Ein Jahr, bevor Helga Schubert nach Rorschacherberg kam, ist ihr Arne Engeli bei einer Lesung begegnet in der evangelischen Kirchgemeinde Schmöckwitz, in der Nähe von Berlin. Eben war ihr Buch «Blickwinkel» erschienen (im Westen «Das verbotene Zimmer»). Darin werden auf stilistisch ungewöhnlich präzise Art Schicksale aus dem DDR-Alltag geschildert. Nach ihrer Ansicht müsse Literatur immer provinziell sein – «was überall sein kann, ist nirgends». Sie erzählte, dass sie den Hans-Fallada-Preis, den sie für «dieses beste sozial engagierte Buch» hätte entgegennehmen können, abgelehnt habe, um die Herausgabe in der DDR nicht zu verhindern. Sie hat den Preis dann 1993 erhalten.

Existenziell wichtig war ihr die Mitgliedschaft im Schriftstellerverband der DDR, dort sei ihr Reisepass deponiert, noch kein Mitglied sei im Gefängnis gelandet. Sie wolle ihre Meinung offen und ehrlich sagen, ohne Ironie.

Von Kollegen beschimpft

Sie freue sich, wie sie damals schilderte, die Laudatio für Luise Rinser zu halten, eine Denunzierte, die ihr Tagebuch im Gefängnis geschrieben habe, und die mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet werde, den sie selber 1986 erhalten hatte.

Eine Widmung von Helga Schubert für den Rorschacher Arne Engeli.

Eine Widmung von Helga Schubert für den Rorschacher Arne Engeli.

Bild: Arne Engeli

Helga Schubert erwähnte damals, sie habe auch eine Geschichte über die Partei SED geschrieben, dafür aber keine Druckgenehmigung erhalten. Konsequent wende sie sich gegen jede Eindimensionalität, gegen jeden Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Schriftstellerkollegen hätten sie beschimpft, sie sei zu wenig marxistisch – und seien dann später in den Westen abgehauen. Sie wollten mit der Autorität in Übereinstimmung leben. Literatur aber müsse auch die Gegenseite zur Sprache bringen, Widersprüche aufdecken, wegkommen von Hass oder Bewunderung hin zur Liebe. Engeli sagt:

«Diese mutige, kritische, engagierte Schriftstellerin beeindruckte mich.»
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