Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Präsident der KESB Region Gossau: «Die Berufsbeistände laufen am Limit»

Seit sechs Jahren gibt es die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Immer wieder wird sie kritisiert. Andreas Hildebrand, Präsident der KESB Region Gossau, spricht über Macht, soziale Not – und seine eigenen Ängste.
Adrian Lemmenmeier
«Wir müssen Augenmass beweisen» – KESB-Präsident Andreas Hildebrand plädiert für eine zurückhaltende Anwendung des Kindes- und Erwachsenenschutzgesetzes. (Bild: Michel Canonica/21. Februar)

«Wir müssen Augenmass beweisen» – KESB-Präsident Andreas Hildebrand plädiert für eine zurückhaltende Anwendung des Kindes- und Erwachsenenschutzgesetzes. (Bild: Michel Canonica/21. Februar)

Seit 2013 sind Sie KESB-Präsident. Wie hat Sie diese Arbeit verändert?

Andreas Hildebrand: Bevor ich zur KESB gekommen bin, war ich 20 Jahre an einem Familien- und Strafgericht tätig. Schon damals glaubte ich, das soziale Elend in unserer Gesellschaft zu kennen. Wirklich kennengelernt hab ich es aber erst bei der KESB. Sie wissen nicht, wie viele Messi-Wohnungen es allein hier in der Umgebung gibt ...

Sagen Sie es mir.

Ungefähr alle zwei Monate treffen wir eine verwahrloste Person an, die nicht mehr weiter weiss. Die Wohnung muss dann entrümpelt werden. Sie können sich auch nicht vorstellen, wie viele Babys nach der Geburt erst einen Drogenentzug machen müssen, weil die Mutter abhängig war.

Wie viele sind es denn?

Mindestens eines ist kantonsweit immer davon betroffen. Soziale Probleme, Missbrauch, Gewalt an Kindern. Alles, was wir aus dem Fernsehen kennen, gibt es auch vor der Haustür. Das ist mir erst bei der KESB richtig bewusst geworden.

Was ist die grösste Herausforderung bei Ihrer Arbeit?

Unsere grösste Herausforderung ist, dass wir Augenmass beweisen. Es ist wichtig, dass wir bei Massnahmen des Kindes- und Erwachsenenschutzes in der Regel unter unseren rechtlichen Möglichkeiten bleiben.

Was heisst das konkret?

Wenn wir zum Beispiel sehen, dass eine alte Person Pflege braucht und uns Fachleute empfehlen, die Person in einem Pflegeheim unterzubringen. Dann müssen wir alle Alternativen prüfen und schauen, ob die Person nicht doch zu Hause gepflegt werden kann, wenn sie das möchte.

Die KESB kann das Leben Betroffener massiv verändern. Kritiker sagen, die Behörde hat zu viel Macht.

Wir haben auf jeden Fall einen grossen Spielraum. Zu gross ist er allerdings nicht. Schliesslich kann jeder Entscheid, den eine KESB fällt, bis vor Bundesgericht angefochten werden. Die KESB ist mit viel Macht ausgestattet, aber sie untersteht dem Rechtsmittelweg.

Leute aus sozial schwierigen Verhältnissen kennen das Rechtssystem aber oft schlecht – oder haben den Mut nicht, vor Gericht zu ziehen.

Unsere Klientel ist meistens tatsächlich nicht auf den Rechtsweg vorbereitet. Deshalb liegt es an uns, die Leute genau zu informieren. Sie müssen wissen, welche Möglichkeiten sie haben, um sich gegen Entscheide der KESB zu wehren. Diese Aufklärungsarbeit ist zentral.

Sie leiten die KESB Region Gossau seit anderthalb Jahren. Welche Baustellen haben Sie angetroffen?

Es gibt derzeit keine Baustellen, ich konnte eine gut geführte Behörde übernehmen. Wir sind gut aufgestellt, haben genügend Personal und kaum Abgänge.

Zu Beginn gab es viele personelle Wechsel bei den KESB.

Ja, wir mussten aber auch eine Behörde aus dem nichts aufbauen – vom Postfach bis zum Büromaterial. Als ich 2013 als Präsident der KESB Arbon anfing, haben wir mit einem Lieferwagen Dossiers bei den Vormundschaftsbehörden eingesammelt. Wir wussten nicht, was drinsteht. Dass es in einer solchen Aufbauphase Wechsel gibt, ist normal.

Die KESB wird immer wieder als die meistgehasste Behörde der Schweiz bezeichnet. Sind Sie selber je bedroht worden?

Nein. Weder in Gossau noch in Arbon. In Diskussionen werde ich manchmal etwas hart angegangen, aber das gehört dazu.

Haben Sie manchmal Angst davor, durch einen Fehlentscheid das Leben eines Menschen zu zerstören?

Meine grösste Angst besteht darin, dass eine erwachsene Person vor mich hinsteht und sagt: Du hast genau gewusst, in welch schlimmen Verhältnissen ich als Kind aufwachsen musste – und hast nichts dagegen gemacht.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen dieselbe Person sagt: Du hast genau gewusst, dass ich bei meinen Eltern bleiben wollte – und hast mich trotzdem in ein Heim gesteckt?

Auch. Die Angst, einen Missstand zu übersehen, ist aber grösser als die Angst, eine übertriebene Massnahme zu veranlassen.

Die KESB wird seit ihrer Gründung immer wieder kritisiert. Nun zeigt eine Studie der Universität Fribourg, dass die beruflichen Beistände oft schwer erreichbar oder gar untätig sind.

Hier muss man unterscheiden. Die KESB setzt zwar die beruflichen Beistände ein, diese gehören aber nicht zur KESB, sondern werden von den Gemeinden gestellt. Diese Kritik richtet sich also nicht direkt gegen die KESB. Die Berufsbeistände laufen aber am Limit, das ist nicht von der Hand zu weisen. Manchmal haben sie so viele Mandate, dass sie nicht alle Personen ausreichend betreuen können.

Was sollte die Politik dagegen tun?

Nachdem die KESB nun aufgebaut sind, muss man die nächste Ebene überdenken: die Beistandschaften. Die Gemeinden sollten extern überprüfen lassen, ob ihre Beistandschaften genügend dotiert sind. Sind sie es nicht, sollte man neue Stellen schaffen.

Wie ist die Situation diesbezüglich in der Region Gossau?

Sicher ist nicht alles perfekt, aber der Stellenetat der Beistandschaften reicht meiner Ansicht nach aus. Es wurde gerade für dieses Jahr eine neue Stelle geschaffen.

Am Mittwoch, 19.30 Uhr, zieht Andreas Hildebrand beim Kulturkreis im Gymnasium Friedberg Bilanz zu sechs Jahren Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.

KESB Region Gossau

Zur Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Region Gossau gehören auch die Gemeinden Andwil, Degersheim, Flawil, Gaiserwald, Niederbüren und Waldkirch. Im Juli ist die Behörde umgezogen und befindet sich nun an der Merkurstrasse 14. Andreas Hildebrand ist seit Juni 2017 Präsident der KESB Region Gossau, zuvor leitete er die KESB in Arbon. 2013 ist das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft getreten. Damals haben die KESB die Vormundschaftsbehörden der Gemeinden abgelöst. Im Kanton St.Gallen gibt es neun Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden. (al)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.