«Ökologischer Unsinn»: Streit um neue Coop-Filiale in Gossau-West

Beim Eichen-Kreisel am westlichen Stadtrand von Gossau will Grossverteiler Coop eine neue Filiale bauen. In einem Leserbrief prangert Unternehmer Andreas Cavelti eine verfehlte Bodenpolitik an. Politiker reagieren.

Sandro Büchler
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Der Eichen-Kreisel im Westen der Stadt Gossau und gleich daneben die Bauparzelle für die neue Coop-Filiale. (Bild: Benjamin Manser - 28. Februar 2019)

Der Eichen-Kreisel im Westen der Stadt Gossau und gleich daneben die Bauparzelle für die neue Coop-Filiale. (Bild: Benjamin Manser - 28. Februar 2019)

Unternehmer Andreas Cavelti verschafft in einem Leserbrief, den das St.Galler Tagblatt am 28. Februar abdruckte, seinem Ärger über die «Ressourcenverschwendung» auf dem Eichen-Areal Luft. Seine Kritik richtet sich vor allem an die Handels- und Industrievereinigung Gossau (HIG) und die Politik der bürgerlichen Parteien.

SP-Stadtparlamentarier Florian Kobler nimmt Caveltis Worte mit Genugtuung auf. Auch er ist unzufrieden: «Das Projekt ist ökologischer Unsinn.» Im Westen, auf dem ehemaligen Hastag-Areal neben dem Eichen-Kreisel, will Coop seine zweite Filiale in Gossau bauen.

Der Grossverteiler verspricht ein modernes Gebäude mit Holzelementbau, Fotovoltaik-Anlage und einer Ladenfläche für rund 18'000 Artikel des täglichen Bedarfs. Von der Lage an der Hauptverkehrsachse von Gossau und dem nahen Autobahnanschluss erhofft sich Coop eine stark frequentierte Filiale. Rund 9,5 Millionen Franken investiert der Detailhändler.

Verkehr und Stau «werden zunehmen»

Für die einen ist der Verkehr am Eichen-Kreisel in Stosszeiten schon heute zu gross. Andere sehen das lockerer. (Bild: Ralph Ribi - 7. August 2018)

Für die einen ist der Verkehr am Eichen-Kreisel in Stosszeiten schon heute zu gross. Andere sehen das lockerer. (Bild: Ralph Ribi - 7. August 2018)

Florian Kobler befürchtet einen Verkehrskollaps: «Es ist jetzt schon verrückt, was automässig an der Wilerstrasse abgeht.» Mehrmals schon habe er die Autokolonne während des Feierabendverkehrs am Strassenrand beobachtet. Für ihn ist klar: «Der Verkehr wird zunehmen. Der Stau erst recht.»

Anders sieht es Markus Mauchle, der Präsident der HIG:

«Der Laden ist für Pendler super gelegen.»

Diese könnten auf dem Nachhauseweg bequem stoppen und ihre Einkäufe erledigen. «Es ist geradezu optimal.» Mauchle versteht die Aufregung um die Brache nicht: «Diese Ecke von Gossau ist kein Bijou.»

Ein Laden für Pendler

Punkto Verkehr macht auch Gallus Hälg von der SVP ein Fragezeichen. Die geplante Coop-Filiale sei für Pendler «attraktiv». Wer in Gossau wohne und bereits im Coop einkaufe, würde kaum in den Westen fahren, sondern weiterhin «im Kuchen», sprich im Zentrum, einkaufen.

Ins gleiche Horn bläst die FDP. Ihr Präsident Sandro Contratto sagt: «Hauptsächlich Pendler werden dort einkaufen und weiter nach Waldkirch, Arnegg oder Flawil fahren.» Zu einem Ladensterben im Zentrum führe das aber nicht.

Was passiert im Zentrum von Gossau?

Anderer Meinung ist Stefan Harder von der Flig. Er befürchtet, dass Coop bei der Filiale im Stadtzentrum die Verkaufsfläche verkleinern oder gar Arbeitsplätze verlagern könnte. Bisher hatte Coop stets bekräftigt, am Standort im Zentrum festzuhalten. Markus Mauchle von der HIG betont, dass die 30 Arbeitsplätze, die durch den Coop-Neubau im Eichenareal geschaffen würden, für den Standort Gossau wichtig seien.

Er verweist auf die Betriebszentrale im Osten der Stadt. «Dort arbeiten 500 Leute.» Zusätzliche Verkaufsfilialen seien ein wichtiger Baustein, um diese Stellen langfristig zu sichern und das Gossauer Gewerbe als Zulieferer und Dienstleister der Betriebszentrale zu stärken. «Davon hängt viel ab», sagt Mauchle. Er fügt an:

«Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz.»

Er habe deshalb wenig Verständnis, wenn die Bemühungen der HIG von der Linken torpediert würden.

«Projekt widerspricht Stadtentwicklungskonzept»

Der angegriffene Florian Kobler von der SP weist auf die Vorgeschichte hin. Im Jahr 2016 hatte die Stadt dank Vorkaufsrecht die Möglichkeit, das Areal zu erwerben. Das Stadtparlament lehnte jedoch nach einer hitzigen Debatte ab und öffnete Coop so den Weg zum Kauf des Baulandes. «Das Bauprojekt widersprach schon damals dem kurz zuvor verabschiedeten Stadtentwicklungskonzept – und widerspricht dem noch immer», sagt Kobler.

So soll dereinst die neue Coop-Filiale neben dem Eichen-Kreisel im Westen von Gossau aussehen. (Illustration: PD - 14. Februar 2019)

So soll dereinst die neue Coop-Filiale neben dem Eichen-Kreisel im Westen von Gossau aussehen. (Illustration: PD - 14. Februar 2019)

Die Filiale schaffe weder hochwertige Arbeitsplätze, noch enthalte das Gebäude zwei Geschosse und mehrere Nutzungen, die Coop damals in Aussicht gestellt hatte. Bürgerliche Kräfte hätten das Projekt gegen den Willen des Stadtrates durchgeboxt. «Welchen Wert hat ein Konzept, wenn man bei der ersten Nagelprobe einknickt?», fragt Kobler.

Deutliche Worte wählt Stefan Harder von der Flig:

«Das Stadtparlament hat versagt, wenn es eine Strategie bereits nach vier Wochen über den Haufen wirft.»

Das Parlament sei dadurch nicht mehr glaubwürdig und «das Konzept nur noch für die Galerie.» Das Stadtentwicklungskonzept ist für Sandro Contratto von der FDP nicht zur Makulatur geworden, «es ist leicht angekratzt».

Politiker sehen Handlungsbedarf

Florian Kobler will die Lehren aus dem Tauziehen rund um das Grundstück im Eichen ziehen. Die SP-Fraktion hat angekündigt, dass sie am Dienstag im Parlament einen Vorstoss zur Bodenpolitik einreichen werde: «Wir wollen verbindliche Massnahmen in der Stadtentwicklung.»

Auch CVP-Politiker Reto Mock sieht Handlungsbedarf: «Leider fehlt eine städtische Bodenstrategie.» Der Stadtrat sei in der Pflicht, aus dem Entwicklungskonzept konkrete Massnahmen abzuleiten.

Das letzte Wort zur geplanten Coop-Filiale ist allerdings noch gar nicht gesprochen. Drei Einsprachen gingen gegen das Bauprojekt ein, wie das Bausekretariat der Stadt Gossau auf Anfrage mitteilt.