Plus 32 Prozent in 20 Jahren: Das Personal der Stadt St.Gallen wächst stärker als die Bevölkerung

Während die Einwohnerzahl stagniert, wird die Verwaltung der Stadt stetig grösser – besonders die Direktion Bildung und Freizeit.

Daniel Wirth
Hören
Drucken
Teilen
Die Freiwilligen Schulhausangebote (FSA+) brauchen Personal: Betreuerin Oliva Graf spielt in St.Fiden Tischtennis mit Kindern.

Die Freiwilligen Schulhausangebote (FSA+) brauchen Personal: Betreuerin Oliva Graf spielt in St.Fiden Tischtennis mit Kindern.

Bild: Hanspeter Schiess (23.Oktober 2018)

267,2 Millionen Franken. So gross ist der Personalaufwand der Stadt St.Gallen im kommenden Jahr. Das entspricht gut 44 Prozent des Gesamtaufwands. Das Stadtparlament hat am Dienstag nach stundenlanger Debatte den Antrag des Stadtrats gutgeheissen, die Löhne des Personals um ein Prozent zu erhöhen.

Der Stellenplan der Stadtverwaltung sieht für das nächste Jahr 1986 Vollzeitstellen vor; die rund 900 Lehrerinnen und Lehrer, die sich circa 570 Vollzeitstellen teilen, sind davon ausgenommen. Zum Vergleich: An der Jahrtausendwende betrug der Stellenetat 1504 Vollzeitstellen. Das entspricht einem Wachstum von 32 Prozent in den vergangenen 20 Jahren. Das Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung betrug im gleichen Zeitraum 7,6 Prozent. In der Stadt Zürich wuchs die Verwaltung seit 2000 bis heute um 33 Prozent, also in etwa gleich stark wie in St.Gallen.

Pikantes Detail: Im gleichen Zeitraum wuchs in der Limmatstadt auch die Einwohnerzahl um 20 Prozent. In Zürich will der Stadtrat im nächsten Jahr gemäss einem Bericht der NZZ vom 6. Dezember 520 neue Vollzeitstellen schaffen. In St.Gallen ist gemäss Stadtpräsident Thomas Scheitlin kommendes Jahr kein Stellenausbau vorgesehen, auch vor dem Hintergrund des Sparpakets «Fokus 25», das mit dem Budget 2021 wirksam werden und den Haushalt der Stadt um 30 Millionen Franken entlasten soll. Gemäss Scheitlin wurden die fünf Direktionen angehalten, lediglich Abgänge zu ersetzen.

Während die Zahl der Vollzeitstellen der St.Galler Stadtverwaltung in den vergangenen 20 Jahren um knapp ein Drittel nach oben kletterte, entwickelte sich der Personalaufwand im gleichen Zeitraum sogar um zwei Fünftel nach oben. Die Gründe für diese Diskrepanz: Dem Verwaltungspersonal wurde die Teuerung ausgeglichen; das Stadtparlament hat seit 2000 regelmässig Gehaltserhöhungen gewährt; das Lohnniveau ist generell gestiegen.

Im Jahr 2005 trat die Verwaltungsreform in Kraft. Seither führen die Personaldienste der Stadt einen Stellenplan, der in die fünf Direktionen aufgeteilt ist (siehe Infografik). Auffallend ist dabei: In den vergangenen 15 Jahren ist die Direktion Bildung und Freizeit am stärksten gewachsen – um satte 87 Prozent von 184 auf 345 Vollzeitstellen.

Ausbau der ausserfamiliären Betreuung als grosser Treiber

Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Bildung und Freizeit, sagt, 2016 habe eine Bereinigung stattgefunden. Ungefähr 15 bis 20 Stellen, hauptsächlich in der IT und in der Mittagstischbetreuung, seien zum Teil jahrelang fälschlicherweise dem Lehrkörper zugerechnet und daraufhin in den Stellenplan der Verwaltung übernommen worden. Aber der grösste Treiber für den Personalanstieg sei der Auf- und Ausbau der flächendeckenden Tagesbetreuung in den Schulhäusern (FSA+). Dieser Ausbau wurde im Stadtparlament postuliert und wird nun vom Stadtrat bedarfsgerecht umgesetzt. Gemäss dem Schuldirektor wird der Ausbau von FSA+ auch in den nächsten Jahren neue Stellen nach sich ziehen.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf dem Dach des Rathauses.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf dem Dach des Rathauses.

Urs Bucher

Stadtpräsident Thomas Scheitlin sagt, die Stadt erbringe heute deutlich mehr Leistungen als noch vor 20 Jahren. Und das habe wenig mit der Einwohnerzahl der Stadt zu tun. Auch er erwähnt die Tagesbetreuung an den Schulen, die einem Bedürfnis entspreche und nicht nur vom Parlament, sondern insbesondere auch von den Einwohnerinnen und Einwohnern gewünscht werde und stark zur Steigerung der Attraktivität der Stadt als Wohn- und als Arbeitsort beitrage.

Korps der Stadtpolizei wurde aufgestockt

Scheitlin spricht aber auch von den Sozialen Diensten (SDS), dessen Personal ausgebaut wurde. Städte seien ein Anziehungspunkt für Sozialhilfeempfänger und Asylsuchende. «Diese Leute wollen betreut sein», sagt er mit Hinweis auf den markanten Ausbau der Berufsbeistandschaft im laufenden Jahr, den das Parlament bewilligt hatte. In den letzten gut zehn Jahren stieg der Personalbestand der SDS gemäss Scheitlin von 63 auf 114 Vollzeitstellen.

Der Stadtpräsident sagt, der soziale Wandel hin zu einer 24-Stunden-Gesellschaft habe in den vergangenen Jahren eine Aufstockung des Korps der Stadtpolizei nötig gemacht. Der Stellenetat der Direktion Soziales und Sicherheit wuchs zwischen 2005 und der Gegenwart um 24 Prozent von 351 auf 438 Vollzeitstellen. Allein das Korps der Stadtpolizei wurde gemäss Scheitlin in den letzten zehn Jahren um circa 30 auf 230 Polizistinnen und Polizisten aufgestockt. Das Parlament sagte dazu Ja.

Mehr Busse brauchen mehr Chauffeure und Chauffeusen

Das tat es in den vergangenen 20 Jahren auch bei diversen Vorlagen, die den Ausbau des öffentlichen Verkehrs ermöglichten. «Wir haben heute ein grösseres Liniennetz, eine grössere Flotte und einen dichteren Fahrplan als zur Jahrtausendwende», sagt Scheitlin

«Und in jedem Bus muss zuvorderst ein Chauffeur oder eine Chauffeuse sitzen.»

Der Personalbestand der Direktion Technische Betriebe kletterte von 2005 bis heute von 59 auf 77 Stellen; das entspricht einem Anstieg von 32 Prozent in 15 Jahren. Im gleichen Zeitraum stieg der Personalbestand der Betriebe (Stadtwerke, Verkehrsbetriebe, Kehrichtheizkraftwerk) um 52 Prozent von 402 auf 613 Vollzeitstellen an. Den geringsten Anstieg verzeichnet die Direktion Planung und Bau; er betrug seit 2000 gerade einmal 0,5 Prozent.

Überprüfen, ob die neuen Stellen noch gebraucht werden

In den vergangenen Jahren kritisierten die bürgerlichen Parteien im Stadtparlament einen Ausbau der Verwaltung zum Teil heftig, auch in der Debatte zum Budget 2019. Der Stadtrat brachte den Ausbau um über 40 Vollzeitstellen indes durch – wohl auch, weil der Steuerfuss auf Antrag der Bürgerlichen trotz des Personalausbaus um drei Prozentpunkte heruntergeholt wurde.

Felix Keller, Präsident der FDP-Fraktion im Stadtparlament, sagt, die Legislative habe Ja gesagt zur flächendeckenden Tagesbetreuung, zu Verbesserungen im öffentlichen Verkehr, zu einer Erhöhung der Sicherheit und zum Ausbau der Sozialen Dienste. Keller hätte aber nichts dagegen, wenn der Stadtrat von Zeit zu Zeit überprüfte, ob die neuen Stellen noch gebraucht würden oder nicht. In der Privatwirtschaft werde das jedenfalls so gemacht.