Plötzlich Lederschüler: Ein St.Galler Heilpädagoge fertigt in der Freizeit Gürtel und Taschen – und vertreibt sie erfolgreich

Heilpädagoge Dominik Graf fertigt zum Ausgleich Taschen und Gürtel. Und hat sofort eine Ladenkette begeistert.

Diana Hagmann-Bula
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Dominik Graf mit seinem neusten und liebsten Lederwerkzeug, dem Halbmondmesser.

Dominik Graf mit seinem neusten und liebsten Lederwerkzeug, dem Halbmondmesser.

Bild: Ralph Ribi

Dominik Graf bei der Arbeit zuzusehen, ist entspannender als Yoga. Gerade stanzt er Löcher in Leder. Er verwendet ein Werkzeug, das Prickeisen heisst, spannt das Material in das sogenannte Nähpony ein, fädelt Faden in eine Nadel. Polyesterfaden, gewachst, «weil er so schön läuft und nicht ausfranst», sagt der 35-Jährige. Und setzt Stich um Stich. Mit viel Begeisterung und noch mehr Hingabe.

Aus dem Radio plätschert Alt-J, eine britische Alternative-Folk-Band. Die perfekte Musik für Dominik Grafs Atelier am Rande des St.Galler Linsenbühlquartiers. Es ist ein Ort des Entstehens, des Ausprobierens, aber vor allem ein Ort der Ruhe, der Erfüllung. Und der Freude. Freude auch darüber, dass seine Lederwaren – neben Taschen ebenfalls Gürtel, Portemonnaies und Necessaires – gut ankommen. Die Modekette Tarzan hat schon zum dritten Mal Gürtel bestellt. Wie viele, behält Dominik Graf für sich. Er lächelt aber sehr zufrieden. Eine Kollegin aus Winterthur verkauft seine Gürtel in ihrem Onlineshop. Und auf Bestellung produziert er, «was man wünscht».

Bild: Ralph Ribi

Dabei hatte der St.Galler vor etwas mehr als einem Jahr noch keine Ahnung, was Prickeisen und Nähpony sind. An Weihnachten 2018 beschliesst er, in seiner Freizeit fortan etwas zu tun, bei dem er «abschalten kann und Spass hat». Leder habe ihn schon immer fasziniert.

«Ich mag den Geruch, den Griff, die Wandelbarkeit. Ausserdem ist es ein Naturprodukt.»

Er nimmt sich vor, ein Westernportemonnaie für sich herzustellen.

Verkäuferin verguckt sich auf Party in seinen Gürtel

Im Atelier lassen sich Besucher auf alten Schulstühlen nieder. Dominik Graf ist Heilpädagoge und unterrichtet im Schulhaus Grossacker eine Kleinklasse. «Mir liegt eine gute Beziehung zu den Kindern am Herzen, dass sie sich ernst genommen und verstanden fühlen. So lernen sie gerne.»

An Weihnachten 2018 wird auch er wieder zum Schüler. Das Fach: Lederverarbeitung. Er kontaktiert einen Ledermacher, der einst ein Geschäft in der Stadt betrieben hat, nun aber in der Nähe von Zürich lebt. Einen Tag lang schaut er dem älteren, erfahrenen Mann über die Schulter, kauft ihm Werkzeuge ab, liest aber auch Bücher, schaut sich auf Youtube Filme zum Thema an. «Sie erklären Schritt für Schritt, wie man Leder näht oder eine Kante formt.» Reingekniet und viel geübt, habe er. Bis er mit dem Resultat zufrieden war. Und seine Frau ebenfalls. Als erstes näht er nicht, wie geplant, ein Westernportemonnaie. Sondern eine Tasche für seine Liebste.

In den vergangen Jahren haben sich mit Qwstion, Park oder Atelier S&R bereits mehrere Schweizer Labels in der Taschenbranche etabliert. Wie gelingt es da einem Neuling aus dem eher peripheren St.Gallen, gleich eine Modekette mit Läden in Basel, Zürich und St.Gallen zu begeistern? Dominik Graf nennt es Glück. «Einer Kollegin ist an einer Party der Gürtel meiner Frau aufgefallen, den ich gemacht habe.» Die Bekannte arbeitet bei «Tarzan» und meint: Das wäre etwas für den Laden. Kurz darauf fährt Dominik Graf nach Zürich, um sich und seine Ware der Filialleiterin vorzustellen. Auch ihr gefällt, was sie sieht. Und bestellt. Er sagt:

«Ich bin überrascht, wie schnell alles ging.»

Und meint damit auch die Arbeitskolleginnen, die mit seinen Gürteln zur Schule kommen. Oder bei ihm Geschenke für Freunde bestellen.

Dominik Grafs Angebot trifft den Zeitgeist, weil schlicht, nachhaltig, handgemacht, nicht von irgendwoher. Das Leder bezieht er bei einer Schweizer Gerberei, die in Italien, Deutschland oder Island einkauft und es pflanzlich behandelt. «Ich habe im Internet nach Betrieben gegoogelt und einfach angerufen», sagt er. Und blickt durch das Fenster in den Park, der gegenüber liegt. Auch deswegen verbringt er gerne Zeit hier. Viel habe er bei seinen Besuchen in der Gerberei gelernt. Etwa, dass das Leder vom Hinterteil der Kuh fetthaltiger sei als jenes vom Hals. Auch handwerklich macht er Fortschritte.

«Zu Beginn habe ich zehn Stunden für eine Tasche gebraucht, nun sind es noch sieben.»

Ledermesser auf der Schulter

Wer Dominik Graf zuhört, merkt rasch: Er hat das Hobby gefunden, nach dem er gesucht hat. Trotzdem fährt er noch immer gerne seine Yamaha SR 400, ein neues Modell, auf alt gemacht. Und natürlich reist er weiterhin im Camper an die entlegenen Orte dieser Welt. Vor ein paar Jahren hat sich das Paar auf Weltreise in Alaska in den Norden verliebt. Zwei Tage fahren und niemanden antreffen. Diese Weite! Diese Landschaft! Die herzlichen Leute, die zu unrecht oft als verschroben bezeichnet würden! Und in Vancouver haben sich die beiden so frei gefühlt wie noch nie. Ein auf den Unterarm tätowierter Luftballon erinnert ihn daran.

Bild: Ralph Ribi

Seit er Gürtel und Taschen aus Leder macht, sind zwei Sujets dazugekommen. Die Nummer 47. Sie steht für jene Stellen im Alphabet, an denen Dominik Grafs Initialen folgen. Sie steht auch für sein Label, das so heisst. Auf seiner Schulter prangt ein Halbmondmesser, ein typisches Utensil für jemanden, der mit Leder arbeitet. Erst vor einer Woche hat er es sich geleistet. Schon kann er sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Mit dem Taschenmachen ist es gleich. Es soll trotzdem nur ein Hobby bleiben. «Ein Dürfen, kein Müssen. Das ist wichtig.»

Einblick in Dominik Grafs Schaffen gibt auch sein Instagram-Account Craft_47.