Platz nehmen, warten und mitfahren: Wir haben das Mitfahrbänkli in St.Georgen getestet

In St.Georgen steht das erste Mitfahrbänkli der Stadt. Ein Test zeigt, das Prinzip funktioniert – solange man Zeit und Geduld hat.

Viola Priss
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Philip Schneider hat das Mitfahrbänkli initiiert. Dieses soll Anwohnern, die nicht gut zu Fuss sind, den Weg erleichtern.

Philip Schneider hat das Mitfahrbänkli initiiert. Dieses soll Anwohnern, die nicht gut zu Fuss sind, den Weg erleichtern.

Bild: Ralph Ribi

In ein wenig knalligeren Farben hätte das Bänkli für seinen Geschmack schon sein dürfen, sagt Philip Schneider, Präsident der Siedlungsgenossenschaft Kammelenberg. Auf den ersten Blick scheint das Bänkli an der Ecke Bitzistrasse/St.Georgenstrasse eine ganz gewöhnliche Sitzgelegenheit zu sein. Erst wer näher hingeht, sieht: Hier handelt es sich um etwas so in der Stadt noch nicht Dagewesenes.

Seit Mitte Juni steht das erste Mitfahrbänkli als Pilotprojekt in St.Georgen. Nachdem der Stadtrat vergangenen Herbst eine Busverbindung auf den Kammelenberg abgelehnt hatte, wurde Philip Schneider aktiv.

Das Prinzip ist so simpel wie genial

Zufällig hat er vor einem Jahr einen Radiobeitrag gehört zu Mitfahrbänkli im Tessin und wie das Prinzip funktioniert. Und das ist einerseits simpel, andererseits genial: Wer sich auf die Bank setzt, möchte mitgenommen werden. Wer vorbeifährt und jemanden auf der Bank sitzen sieht, ist gebeten, anzuhalten und den Fahrgast aus dem Quartier mitzunehmen. «Ich war davon sofort überzeugt», so Schneider, der im Quartier lebt und um die Problematik der Mobilität vor Ort weiss:

«Besonders die Älteren im Viertel haben bei den vielen Treppen zur nächstgelegenen Bushaltestelle ihre Mühe.»

Doch wo sollte das Mitfahrbänkli platziert werden? Man einigte sich auf den Knotenpunkt an der Bitzistrasse/St.Georgenstrasse für Fahrten hinauf in Richtung Biserhofstrasse und Kammelenbergstrasse. Wer nicht gut zu Fuss ist und in die Stadt gelangen will, nimmt wiederum auf dem entsprechenden Bänkli an der Kammelen­strasse 2 Platz.

So steht es auch in den Flyern, die Schneider vergangene Woche in den Briefkästen des Quartiers verteilt hat. Er sei sehr gespannt, wie das Mitfahrbänkli ankäme und wie es angenommen werde. Da man sich im Quartier aber kenne und vertraue, gehe er vom Besten aus. «Sobald sich das mal rumgesprochen hat, wird es sicher laufen.»

Der Standort für das Mitfahrbänkli in Richtung Kammelenberg sei gut ausgeleuchtet, durch die Nähe zu den Drei Weieren sei tagsüber immer was los und es habe ausreichend Verkehr. Schneider hat schon vor dem Pilotprojekt Fussgänger beim mühsamen Auf- und Abstieg zusteigen lassen: «Der Bedarf ist definitiv da.»

Sicherheitsbedenken unter den Bewohnern bestehen, seiner Einschätzung nach, nicht. Und Schulkinder, Touristen, Partygänger? An die adressiere sich das Angebot eindeutig nicht, so Schneider. Wichtig sei ihm, den Bedarf der älteren Anwohner­innen und Anwohner zu decken, denen die Steigung zu schaffen mache.

Wie und wann er den Erfolg des Pilotprojekts messen wolle? Da ist sich Schneider selbst noch unschlüssig. Vermutlich werde er es aber auch da ganz einfach und unkompliziert halten: «Einfach fragen und mich umhören bei den Leuten vor Ort.» Und schlimmstenfalls, so Schneider, bekäme St.Gallen eben zwei Bänkli mehr, die man dann anderweitig verwenden könne.

Selbstversuch: Nach einer Stunde hält jemand

14.52 Uhr, Dienstag. Ich nehme Platz auf der Bank mit dem kleinen, goldenen Schild: «Mitfahrbänkli. Diese Bank ist ausschliesslich für Mitfahrgäste». Und warte. Eine Seniorin bin ich zwar nicht. Doch wer hält an, wer überlegt, anzuhalten, wer nimmt mich als Mitfahrwillige wahr und wie?

Ich stelle mir vor, ich wäre nicht gut zu Fuss, ich wäre schwer bepackt von der Busstation hier hochgestiegen, die Strassen wären glatt oder die Sonne würde herunterbrennen. Kein Zweifel: Der Weg die Bitzistrasse entlang hoch zum Kammelenberg würde zum Kampf. Die Bank tut Not. Nur: Wie signalisiere ich mein Mitfahrbedürfnis, ohne den Daumen zu heben, wie man es aus Filmen oder der eigenen Jugend kennt? Nachdem das fünfte Auto mich links liegen lässt, werde ich skeptisch. Mache ich etwas falsch?

Lernen, richtig zu warten

Tatsächlich, es bedarf schon der richtigen Haltung. Wie ich später feststelle, ist es entscheidend, den Augenkontakt zu suchen und zu halten. Bei Passanten stösst das Mitfahrbänkli jedenfalls durchweg auf Begeisterung.

«Eine tolle Sache, diese Bank, ich würde das sofort nutzen, würde ich nicht direkt hier am Hang wohnen», sagt eine 87-jährige Anwohnerin. Und auch die rüstigeren Spaziergänger, die zügig an Gehstöcken vorbeiwalken, lassen ein erfreutes «Ah, da ist dieses Mitfahrbänkli, schau!» verlauten.

Ein wenig Mund-­zu-Mund-Propaganda braucht es wohl noch diesen Sommer. Dann dürfe sich das Projekt Mitfahrbänkli, so die Einschätzung einer 79-jährigen Spaziergängerin, «grosser Beliebtheit im Viertel» erfreuen. «Eine gute Sache ist das», findet sie, und ausserdem «noch eine Gelegenheit, dass Jung und Alt mehr in Kontakt kommen.»

Und dann, 15.50 Uhr, kurbelt eine junge Autofahrerin die Fensterscheibe herunter und fragt: «Kann ich Sie mitnehmen, ins Viertel hinauf?» Es funktioniert.

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