Pflegerin in Gossau positiv auf Coronavirus getestet – doch die meisten Altersheime im Kanton St.Gallen blieben bis jetzt wie durch ein Wunder verschont

In zwei Gossauer Altersheimen gab es Ansteckungen mit Covid-19. Die Situation ist trotzdem erfreulich.

Melissa Müller
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Die meisten Alters- und Pflegeheime im Kanton St.Gallen blieben bisher von Ansteckungen verschont (Symbolbild).

Die meisten Alters- und Pflegeheime im Kanton St.Gallen blieben bisher von Ansteckungen verschont (Symbolbild).

Hanspeter Baertschi

Am 8. April wurde eine Mitarbeiterin des Altersheims Abendruh in Gossau positiv auf das Coronavirus getestet. «Das war ein Schock», sagt Heimleiter Lars Sostizzo. Fragen über Fragen schossen ihm durch den Kopf:

«Hat sich das Virus schon bei uns im Heim verbreitet?»

Vor dieser Situation graut es den Menschen in Altersheimen in der ganzen Schweiz.

Fast jede zweite Person, die im Wallis an Covid-19 gestorben ist, war im Altersheim. Von solchen Szenarien blieb der Kanton St.Gallen mit seinen 118 Altersheimen mit rund 6500 Bewohnern bisher verschont. Er wolle keine Zahlen nennen, sagt Hans Jerratsch vom Amt für Soziales, Abteilung Alter. Doch:

«Die Gesamtzahl der Ansteckungsfälle auf Seiten der Bewohnerinnen und Bewohner und der Mitarbeitenden hält sich erfreulicherweise auf einem sehr niedrigen Niveau.»

Vielleicht zeige das Besuchsverbot seine Wirkung. «Der Kanton St.Gallen kommt sehr gut weg. Ich drücke jeden Tag die Daumen, dass dies so bleibt.» Denn bekanntlich sei die Krise noch nicht ausgestanden.

In den Gossauer Altersheimen Schwalbe und Espel sind bisher keine Fälle von Ansteckungen bekannt. Manche Mitarbeiterinnen liessen sich testen; sie hatten das Virus nicht. Markus Christen von der Seniorenresidenz Vita Tertia bestätigt hingegen, dass es in seiner Institution Ansteckungen gegeben hat. «Das Virus ist überall.» Er wünsche sich in der sehr schwierigen, delikaten Situation generell mehr Respekt gegenüber älteren Menschen und seinen Mitarbeiterinnen, die Grossartiges leisten.

Koordinieren statt klettern im Tessin

Heimleiter Lars Sostizzo teilte die zwei Abteilungen der «Abend­ruh» in acht kleinere Gruppen à acht Personen auf. «Wir haben geschaut, dass sich diese Gruppen nicht mischen.» Über Ostern fährt Sostizzo normalerweise zum Klettern ins Tessin. Doch dieses Jahr musste er über die Feiertage pausenlos koordinieren und aufklären.

Lars Sostizzo und sein Team vom Altersheim Abendruh haben über die Ostertage einen Sondereffort geleistet.

Lars Sostizzo und sein Team vom Altersheim Abendruh haben über die Ostertage einen Sondereffort geleistet.

Michel Canonica

Der 45-Jährige bot zusätzliches Personal auf, um intensiver auf die Sorgen und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner eingehen zu können. Diese durften sich fortan nur noch in ihren Zimmern und im Gang aufhalten. Das Essen mussten sie auf ihrem Stock einnehmen statt im Speisesaal. Gegessen wird mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern, das Personal trägt Gesichtsmasken.

Schluss mit singen, tanzen und basteln

Einschneidend war aber, dass die Aktivierungen sieben Tage lang gestrichen wurden: Gottesdienste, gemeinsames Singen, Turnen, Basteln und Gedächtnistrainings fielen ins Wasser. «Die Senioren reagierten verständnisvoll», sagt Sostizzo. Es bereitete ihnen jedoch Mühe, dass sie nur noch einzeln und in Begleitung im Garten spazieren durften. Es gebe Erklärungsbedarf, auch bei dementen Personen, denen man die Situation immer wieder erklären müsse. Wenn sie sich Sorgen machen, versuchte das Personal, die Aufmerksamkeit auf etwas Erfreuliches zu lenken wie ein köstliches Essen oder ein Rätsel.

Die Situation hat sich laut Sostizzo inzwischen wieder beruhigt. Er ist erleichtert: «Niemand hat Anzeichen einer Ansteckung.» Die betroffene Mitarbeiterin sei genesen und dürfe nächste Woche wieder arbeiten. Heute geht das Heim zur Tagesordnung über. Dann geniessen die Bewohner erneut ihre Freiheiten – bis auf das Besuchsverbot, das bis mindestens Ende April gilt.

«Das grösste Risiko für die Bewohner sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vom Hausdienst bis zur Küche», sagt Sostizzo. Sie tragen eine besondere Verantwortung und müssen Kontakte in ihrer Freizeit möglichst meiden. «Das nimmt niemand auf die leichte Schulter.»

Verwandte und Bekannte stören Personal

Robert Etter, Präsident des Heimverbands Curaviva St.Gallen, findet, nur ein Ansteckungsfall sei noch nicht tragisch. «Schlimm ist die Situation erst, wenn sich 20 Mitarbeitende angesteckt haben.» Sein Rat an Pflegende:

«Bewahrt Ruhe. Lässt euch nicht hetzen.»
Robert Etter, Präsident des Heimverbands Curaviva St.Gallen.

Robert Etter, Präsident des Heimverbands Curaviva St.Gallen.

Urs Bucher

Man solle die Situation ernst nehmen, aber auch nicht überbewerten.

Alle Heime seien mit Pandemieplänen ausgerüstet. Das Personal sei entsprechend geschult und wisse, wie Isolationsmassnahmen durchzuführen sind, etwa falls das Norovirus ausbreche. «Unser grösstes Problem sind Verwandte und Bekannte, die trotz Verbot in die Heime eindringen», sagt Etter. Sein Appell an die ungebetenen Gäste: «Lasst das Personal arbeiten.»