Pestwis, Hagenwil, Finstermoos: David Kobler ergründet, was hinter den Mörschwiler Lokalnamen steckt – und veröffentlicht seine Erkenntnisse nun als Buch

David Kobler bezeichnet sich als Archäologe ohne Schaufel. Der 53-jährige Mörschwiler recherchiert, wieso Orte im Dorf so heissen, wie sie heissen. Nun veröffentlicht er ein Buch über seine Erkenntnisse.

Michel Burtscher
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David Kobler vor dem Hof Hagenwil in Mörschwil: Der Name Hagenwil, der laut ihm bereits im 15. Jahrhundert urkundlich bezeugt ist, aber viel älter sein dürfte, bedeutet «Weiler des Hago» und bezieht sich auf den althochdeutschen Personennamen Hago oder Hagano. Ein Mann mit diesem Namen hatte sich mit seiner Familie dort niedergelassen.

David Kobler vor dem Hof Hagenwil in Mörschwil: Der Name Hagenwil, der laut ihm bereits im 15. Jahrhundert urkundlich bezeugt ist, aber viel älter sein dürfte, bedeutet «Weiler des Hago» und bezieht sich auf den althochdeutschen Personennamen Hago oder Hagano. Ein Mann mit diesem Namen hatte sich mit seiner Familie dort niedergelassen.

Bild: Ralph Ribi

Innerhalb von nur 41 Jahren wurde Mörschwil gleich viermal von der Pest heimgesucht. Die Folgen für das Dorf waren katastrophal. In einzelnen Weilern fielen der Seuche in einem Jahr mehr als die Hälfte der Bewohner zum Opfer. Schon lange ist das her, zwischen 1594 und 1635 trugen sich diese schrecklichen Ereignisse zu.

Doch noch heute gibt es Orte in Mörschwil, die daran erinnern – mit ihrem Namen. Dazu gehört die Pestwis, eine eigentlich malerische Wiese beim Weiler Reggenschwil, deren Bezeichnung jedoch andeutet, dass sie eine düstere Vergangenheit hat. Dort wurden Pesttote damals, so wird vermutet, mangels Platz auf dem Friedhof in Massengräbern verscharrt.

Er durchforstet Archive, studiert alte Karten und Dokumente

Das ist eine von vielen Begebenheiten, die David Kobler in seinem Buch «Mörschwil im Spiegel der Lokalnamen» nachzeichnet. Im Sommer soll das Werk veröffentlicht werden. Kobler erzählt darin Geschichten rund um die Mörschwiler Siedlungs- und Flurnamen. Der 53-Jährige weiss, wovon er schreibt: Den Lokalnamen nachzuspüren, ist seine grosse Leidenschaft.

Seit mehr als zehn Jahren recherchiert er darüber, durchforstet dafür Archive, studiert alte Karten und Dokumente, spricht mit alteingesessenen Mörschwilern. Letzteres sei äusserst wertvoll, sagt Kobler, der seit über 20 Jahren im Dorf wohnt: «Die alten Bauern wissen sehr viel über ihre Umgebung und warum Orte einen bestimmten Namen haben.» Die Hintergründe von 600 heute noch bekannten und weit über 1'000 historisch belegten Mörschwiler Lokalnamen hat er so schon zusammengetragen.

Fast wie ein Archäologe

Für Geschichte interessierte sich der gebürtige Aargauer schon in seiner Jugend. Damals habe er Archäologe werden wollen, sagt Kobler. Er schlug jedoch einen anderen Weg ein, wurde stattdessen Jurist und Pädagoge. Heute arbeitet er als Projektleiter am Zentrum für Hochschulbildung der Fachhochschule St.Gallen und unterrichtet Öffentliches Recht.

Mit seinem speziellen Hobby konnte sich Kobler seinen jugendlichen Berufswunsch zumindest teilweise erfüllen. Er sagt:

«Zu ergründen, was hinter Lokalnamen steckt, ist ein bisschen wie Archäologie – einfach ohne Schaufel.»

Der Mörschwiler investiert viel Zeit darin: «Wenn ich nicht arbeite, etwas mit der Familie unternehme oder Sport treibe, beschäftige ich mich mit den Lokalnamen», sagt Kobler. Im Jahr 2012 richtete er eine Webseite ein, er nennt es «Online-Museum», um seine Erkenntnisse mit der breiten Öffentlichkeit zu teilen.

Anders als andere Flurnamenbücher

Immer wieder habe er danach Rückmeldungen erhalten, er solle daraus ein Buch machen. Doch der Druck kostet mehrere zehntausend Franken. Darum nahm er das Projekt erst vor zwei Jahren an die Hand. Und er freue sich, sagt Kobler, dass «die politische Gemeinde und die Ortsbürgergemeinde den Druck finanziell grosszügig unterstützen».

Die Flurnamen erzählen viel über die Geschichte der Gemeinde Mörschwil.

Die Flurnamen erzählen viel über die Geschichte der Gemeinde Mörschwil.

Ralph Ribi

Sein Werk soll anders werden als andere Bücher über Flur- und Ortsnamen. Diese richten sich oft an ein Fachpublikum, sind also eher wissenschaftlich ausgerichtet und bestehen vor allem aus einer Auflistung der Namen mit einer Erklärung. Sein Buch hingegen richte sich an Laien, sagt Kobler, und müsse darum auch anders aufbereitet sein. 200 Seiten dick ist es, reich bebildert und illustriert. Kobler betont zudem:

«Ich will Geschichten erzählen.»

Etwa jene, wie sich die Landwirtschaft in Mörschwil in den letzten Jahrhunderten gewandelt hat vom Ackerbau hin zur Vieh- und Milchwirtschaft – und wie sich diese Entwicklung an den Lokalnamen ablesen lässt: Ackerhalde, Weiheracker, Langfuri.

Oder die Geschichte vom Flurnamen Finstermoos, der ganz und gar nichts mit Dunkelheit zu tun hat. Vielmehr geht die Bezeichnung zurück auf Fenster beziehungsweise Feischter, wie man früher auch in der Region St.Gallen sagte. «Beim Finstermoos handelt sich wohl um ein Gebiet, das der Namensgeber von seinem Fenster aus sehen konnte», erklärt Kobler.

700 Exemplare werden gedruckt

Auch nach all den Jahren finde er immer noch faszinierend, sagt der 53-Jährige, was hinter den Lokalnamen steckt. «Es ist spannend herauszufinden, was jemanden veranlasst hat, einen Ort so zu nennen.» Zudem komme er dank seines Hobby raus aus dem Haus und entdecke dabei immer wieder schöne Flecken in der Landschaft. Er habe Mörschwil auf diese Weise nochmals von einer ganz anderen Seite kennengelernt.

Sein Wissen will er nun mit seinem Buch weitergeben. Rund 700 Exemplare sollen gedruckt werden. In den Handel kommen sie aber nicht. Sein Buch sei kein kommerzielles Projekt, sagt Kobler. Die meisten Exemplare gehen an die politische Gemeinde und die Ortsbürgergemeinde. Lokalnamen seien ein regionales Kulturgut, sagt Kobler. Sein Buch soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass es auch für die künftigen Generationen erhalten bleibt.

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