Kommentar
St.Galler Stadtverwaltung: Auch ein Personalabbau darf kein Tabu sein

Kommentar zum überproportionalen Wachstum der St.Galler Stadtverwaltung.

Daniel Wirth
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Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Ralph Ribi

Die Einwohnerzahl der Stadt St.Gallen entwickelt sich nicht gleich stark wie die Anzahl Verwaltungsangestellte: Seit der Jahrtausendwende wuchs die ständige Wohnbevölkerung vergleichsweise moderat um 7,6 Prozent auf 75'833 Einwohner, während die Zahl der Vollzeitstellen in der Verwaltung seit dem Jahr 2000 um 32 Prozent rasant auf 1986 kletterte.

Zum Vergleich: In Zürich stieg die Zahl der Einwohner seit der Jahrtausendwende um satte 20 Prozent, während die Zahl der Verwaltungsangestellten wie in St.Gallen um rund ein Drittel zunahm. Das zeigt: In St.Gallen wächst die Verwaltung überproportional. Das wird von Stadtpräsident Thomas Scheitlin mit einem Ausbau der Dienstleistungen begründet. Diese Erklärung ist nicht von der Hand zu weisen.

Trotzdem: Im Budget 2020 der Kantonshauptstadt ist der Personalaufwand mit 267 Millionen Franken klar der grösste Posten; er macht 42 Prozent des Gesamtaufwands von aktuell 605 Millionen Franken aus. Im Jahr 2000 lag der Personalaufwand noch bei 187 Millionen Franken – um über 40 Prozent tiefer als heute. Das verdeutlicht: Die Stadt St.Gallen hat bei der Verwaltung und dem Personalaufwand seit dem Jahr 2000 einen fulminanten Steigerungslauf hingelegt, ohne richtig nach Luft zu schnappen.

Bemerkenswert an dieser Entwicklung: Im gleichen Zeitraum hat der Stadtrat nicht nur einmal ein Sparpaket geschnürt, das letzte war «Fit13plus». Das nächste ist bereits in Vorbereitung: Der St.Galler Stadtrat will mit «Fokus 25» den Aufwand in der laufenden Rechnung um rund 30 Millionen Franken im Jahr entlasten. Der Stadtpräsident sagt, das Sparprogramm werde ab 2021 weh tun, es gebe keine Tabus.

Immerhin hat der Stadtrat für das Jahr 2020 beschlossen, den Verwaltungsapparat nicht weiter auszubauen. Doch das dürfte nur ein Zwischenstopp sein, denn Stadtrat und Stadtparlament haben einen weiteren Leistungsausbau beschlossen, für den es Personal braucht.

Jeder Bus, der zusätzlich angeschafft wird, braucht zuvorderst eine Fahrerin oder einen Fahrer. Jeder neue Mittagstisch für Schulkinder braucht Betreuerinnen und Betreuer. Die Attraktivität der Stadt als Arbeits- und Wohnort wird mit einem guten ausserfamiliären Betreuungsangebot und mit einem dichten ÖV-Netz mit einem engen Taktfahrplan erheblich gesteigert. Das muss sein, will die St.Gallen auch einwohnermässig wachsen. Der Wettbewerb ist hart, und andere Schweizer Städte schlafen nicht.

Dennoch: Stadtrat und Stadtparlament tun gut daran, beim Personalausbau Mass zu halten. Es braucht neue Stellen, gewiss. Aber es gibt bestimmt auch Jobs in der Verwaltung, von denen es im Zeitalter von Smart City und E-Governance nicht mehr gleich viele braucht wie früher. Hier muss genau hingeschaut werden, hier müssen Stadtrat und Personalamt gegebenenfalls handeln, auch wenn es weh tut. Das geschieht in der Privatwirtschaft ständig. Besser, der Stadtrat tut dies vorausschauend und von sich aus, als aus der Not zu handeln, etwa dann, wenn ihm die Bürgerlichen im Stadtparlament in der nächsten Legislatur mit einer Senkung des Steuerfusses die finanziellen Mittel entziehen.

Das Verwaltungspersonal der Stadt erhält 2020 ein Prozent mehr Lohn. Das ist ihm zu gönnen. Es ist richtig, dass der Staat seine Mitarbeitenden anständig entschädigt. Er hat diesbezüglich eine Vorreiterrolle. Stadtrat und Stadtparlament leben eine gute Sozialpartnerschaft seit vielen Jahren vor. Mit Beharrlichkeit.

Das birgt eine Gefahr: Steuerzahler, die seit Jahren immer gleich viel Geld im Portemonnaie haben, beobachten scharf, von wie vielen gut bezahlten Stadtangestellten sie verwaltet werden. Bei den mit dem Sparpaket «Fokus 25» diskutierten Massnahmen darf deshalb ruhig auch eine Personaldebatte geführt werden.

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