Pendler vom See sollen künftig nicht mehr bis zum Bahnhof St.Gallen fahren, sondern vor der Stadt umsteigen – so begründet der Kanton die Linienkürzung

Das Amt für öffentlichen Verkehr will die Direktverbindung von Rorschach nach St.Gallen kürzen. Ab Ende 2022 soll die Linie bereits bei der Kantonsschule Burggraben enden. Während die Seegemeinden und die Stadt einverstanden sind, ist Mörschwil verärgert.

Perrine Woodtli
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Dank verkürzter Buslinien und Umsteigebahnhöfen soll der Hauptbahnhof in St.Gallen entlastet werden.

Dank verkürzter Buslinien und Umsteigebahnhöfen soll der Hauptbahnhof in St.Gallen entlastet werden.

Hanspeter Schiess (29. August 2018)

Täglich verkehren zahlreiche Busse zwischen dem St.Galler Marktplatz und dem Hauptbahnhof hin und her. Dabei kommt es oft zu Wartezeiten, wenn mehrere Fahrzeuge dicht hintereinander fahren oder halten und sich gegenseitig behindern. In den nächsten Jahren soll der Korridor Marktplatz-Bahnhof deshalb Schritt für Schritt entlastet werden.

Abhilfe sollen Umsteigebahnhöfe, sogenannte Hubs, schaffen. Die Idee: Gewisse Buslinien verkehren nicht mehr bis zur Endstation - meistens der Hauptbahnhof - sondern enden vor St.Gallens Zentrum. Dort steigen die Pendlerinnen und Pendler auf die Stadtbusse oder die S-Bahn um.

Ein solcher Hub ist am Wittenbacher Bahnhof vorgesehen. Die Postautolinie 200 von Arbon nach St.Gallen soll künftig bereits in Wittenbach enden. Die ÖV-Nutzer steigen dort entweder auf die Linie 3 und 4 der Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) oder auf die S-Bahn um. Die Änderung ist frühestens für den Fahrplanwechsel 2022 vorgesehen.

Am Bahnhof Wittenbach soll ein Hub entstehen. Dabei soll während der Hauptverkehrszeiten die Postauto Linie 200 (Arbon-Wittenbach-St.Gallen) auf die Strecke Arbon-Wittenbach gekürzt werden. Als Ausgleich würde die Linie 3 verlängert (Endhaltestelle Wittenbach anstelle Heiligkreuz).

Am Bahnhof Wittenbach soll ein Hub entstehen. Dabei soll während der Hauptverkehrszeiten die Postauto Linie 200 (Arbon-Wittenbach-St.Gallen) auf die Strecke Arbon-Wittenbach gekürzt werden. Als Ausgleich würde die Linie 3 verlängert (Endhaltestelle Wittenbach anstelle Heiligkreuz).

Urs Bucher (2. April 2020)

Bei der Kantonsschule sollen künftig zwei Linien halten

Der Fahrplanwechsel 2022 sieht eine weitere Änderung vor, welche die St.Galler Innenstadt entlasten soll. Sie betrifft die heutigen Linien 240 und 241. Sie sollen durch die Linie 254 ersetzt werden, wie aus dem Angebotskonzept Region Rorschach 2022 des kantonalen Amts für öffentlichen Verkehr (AöV) hervorgeht.

Die Linie 240 fährt heute vom Bahnhof Rorschach Stadt über Goldach und Mörschwil zum Bahnhof St.Gallen. Die Linie 241 startet in Rorschacherberg und verkehrt ab Goldach auf der gleichen Strecke wie die Linie 240. Ab 2022 sollen die Busse bereits an der Haltestelle Kantonsschule wenden. Diese befindet sich hinter der Kantonsschule am Burggraben an der Lämmlisbrunnenstrasse:

Die Linie 254 soll ab Ende 2022 an der Bushaltestelle Kantonsschule enden. Heute halten dort nur die Busse der VBSG-Linie 11.

Die Linie 254 soll ab Ende 2022 an der Bushaltestelle Kantonsschule enden. Heute halten dort nur die Busse der VBSG-Linie 11.

Ralph Ribi (29. Juni 2020)

An jener Haltestelle fährt heute nur die VBSG-Linie 11 durch, welche über den Stiftsbezirk Richtung Bahnhof verkehrt. Ab der Haltestelle Kantonsschule ist die St.Galler Altstadt zu Fuss zu erreichen. Fahrgästen der Linie 254, die weiter an den Bahnhof St.Gallen möchten, empfiehlt das AvÖ neu an der Haltestelle Kantonsspital umzusteigen. Die ÖV-Nutzer können natürlich aber auch an einer anderen Stelle umsteigen.

Heute fahren die Linien 240 und 241 bei der Haltestelle Theater vorbei und von dort über den Marktplatz bis zum Bahnhof. Die neue Linie 254 fährt stattdessen zur Haltestelle Kantonsschule und wendet dann beim Spisertor-Kreisel.

Heute fahren die Linien 240 und 241 bei der Haltestelle Theater vorbei und von dort über den Marktplatz bis zum Bahnhof. Die neue Linie 254 fährt stattdessen zur Haltestelle Kantonsschule und wendet dann beim Spisertor-Kreisel.

PD

Die Postautos der neuen Linie 254 wenden schliesslich nach einer zweiminütigen Wartezeit am wenige Meter entfernten Spisertor-Kreisel und fahren wieder Richtung See. Damit sich die Linien 11 und 254 nicht in die Quere kommen, müssen die Abfahrtszeiten leicht angepasst werden.

Nicht ein Hub wie in Wittenbach

Die Haltestelle Kantonsschule eigne sich, weil dort bereits ein sogenannter Ausstellplatz vorhanden sei, also ein Platz, wo der Bus kurz stehen bleiben könne, sagt Markus Schait, Angebotsplaner beim Amt für öffentlichen Verkehr. An anderen Haltestellen existierten solche Plätze nicht. Zudem verkehrten an dieser Haltestelle nicht so viele Linien wie andernorts.

Markus Schait, Angebotsplaner beim Amt für öffentlichen Verkehr.

Markus Schait, Angebotsplaner beim Amt für öffentlichen Verkehr.

PD

Anders als wie in Wittenbach handelt es sich bei der Haltestelle Kantonsschule aber nicht um einen Hub. Unter so einem verstehe man einen «wichtigen Umsteigepunkt im ÖV-Netz», an dem weitere Mobilitätsangebote, unter anderem auch Sharing-Angebote wie Mietvelos oder Mobility, zur Verfügung stehen. Schait sagt:

«Bahnhöfe sind prädestiniert für solche Umsteigepunkte.»

Nebst in Wittenbach plant das AöV derzeit auch einen Hub in der Lustmühle in Teufen und prüft, welche Bahnhöfe zwischen Gossau und dem Bahnhof St.Fiden für einen Hub in Frage kommen.

Verständnis für die verärgerten Mörschwiler

Nicht sehr erfreut über die Linienkürzung ist man in Mörschwil. Dort wird auf der betroffenen Linie einzig die Haltestelle Riederen bedient. Für den Gemeinderat ist es «absolut nicht nachvollziehbar», dass ein Passagier, der an den Hauptbahnhof möchte, unterwegs umsteigen muss, teilte dieser kürzlich im Mitteilungsblatt mit.

Markus Schait hat Verständnis. Er könne «absolut nachvollziehen», dass auch die Bewohner des Weiler Riederen eine direkte Verbindung nach St.Gallen wollen.

«Für sie ist die Linienkürzung eine Verschlechterung. Man muss aber berücksichtigen, dass täglich nur 15 bis 20 Passagiere an dieser Haltestelle einsteigen.»

Betrachte man die Situation als Ganzes, so Schait, bringe die Änderung klar mehr Vorteile für das ÖV-System.

Neue Linie soll irgendwann aufgehoben werden

Der Verkehrsplaner betont, dass es die direkte Busverbindung zwischen Rorschach und St.Gallen in erster Linie für eine attraktive Verbindung vom See in den Osten von St.Gallen brauche.

«Wer an den Hauptbahnhof will, ist mit dem Zug ab Goldach oder Rorschach schneller.»

Die Linie brauche es folglich nicht dafür, um vom See schnell an den Bahnhof zu gelangen. Deshalb die Kürzung.

Und deshalb auch der Plan, die künftige Linie 254 irgendwann wieder zu streichen. Man wolle parallele Bus- und Zuglinien vermeiden, wenn die Buslinien nicht zusätzliche Vorteile gegenüber dem Zugverkehr bringen, begründet Schait. Die einzige Haltestelle auf der Linie, die aus dem Rahmen springe und aus erschliessungstechnischen Gründen auf die Linie angewiesen sei, sei die Haltestelle Riederen in Mörschwil.

Voraussetzung dafür, dass die Linie aufgehoben wird, sind die vierte S-Bahn zwischen Rorschach und St.Gallen sowie eine bessere Verbindung zwischen dem Bahnhof St.Fiden und den östlichen Quartieren der Stadt. Danach brauche es die Linie 254 nicht mehr.

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