«Eine Luxuslösung mit unbekannter Nachfrage»: Das St.Galler Stadtparlament schickt die Pläne für eine Passerelle im Güterbahnhof bachab

Die Pläne für eine Fussgängerbrücke im Güterbahnhof sind vom Tisch. Der Rat ist auf die Vorlage nicht eingetreten.

Luca Ghiselli
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Westlich der alten Cargo-Domizil-Gebäude im Güterbahnhof hätte die Passerelle die Gleise überquert.

Westlich der alten Cargo-Domizil-Gebäude im Güterbahnhof hätte die Passerelle die Gleise überquert.

Bild: Ralph Ribi (1. Juli 2020)

Die Idee ist 120 Jahre alt – und doch kommt sie zumindest vorerst noch immer nicht zustande. Die provisorische Fussgängerbrücke vom Quartier St.Otmar über die Gleise auf das Güterbahnhofareal hätte im Dezember 2021 eröffnet werden sollen. Also zum selben Zeitpunkt, zu dem auch die neue Haltestelle der Appenzeller Bahnen (AB) im Güterbahnhof den Betrieb aufnimmt.

Rund 1,7 Millionen Franken hätte das Projekt gekostet, rund 1,5 Millionen Franken hätte die Stadt bezahlt. Hätte. Denn die entsprechende Vorlage des Stadtrats wurde am Dienstagabend im Stadtparlament von allen Fraktionen mit harscher Kritik eingedeckt: Zu hoher Aufwand, zu geringer Nutzen, so der Tenor. Streit im Rat gab’s einzig um die Frage, ob man gar nicht auf die Vorlage eintreten oder sie an den Stadtrat zurückweisen solle.

Baukommission wollte Vorlage zurückweisen

Den Rückweisungsantrag hatte die Liegenschaften- und Baukommission (LBK) gestellt. Ihr Präsident Clemens Müller führte eingangs der Eintretensdiskussion die Gründe dafür aus: Aufwand und Ertrag ständen «in keinem Verhältnis», da die geplante Passerelle für Velofahrer untauglich sei und erst noch den ursprünglich vorgesehenen Zweck verfehle, das Quartier St.Otmar und die Oberstrasse zu verbinden.

In eine ähnliche Kerbe schlug Stefan Keller (FDP) in seinem Fraktionsvotum. «Die Vorlage hat bei uns grosses Erstaunen ausgelöst», sagte er. Es ergebe wenig Sinn, jetzt ein Provisorium zu erstellen, solange die Richtung der Arealentwicklung nicht klar sei. Die FDP-Fraktion verschliesse sich nicht grundsätzlich gegen die Idee einer Fussgängerbrücke auf dem Güterbahnhofareal. Aber:

«Dieses Projekt ist nur schwer nachvollziehbar.»

Deshalb beantrage die Fraktion Nichteintreten auf die Vorlage – und lehne auch den Rückweisungsantrag der LBK ab.

Die anderen bürgerlichen Fraktionssprecher taten es Stefan Keller gleich. Markus Haid (SVP) sagte, die provisorische Passerelle sei eine «unsinnige Verzögerung» der Arealentwicklung. Auch die AB hätten «nur zögerlich» ihre Unterstützung zugesichert. «Wir müssen dieses Provisorium mit Entschiedenheit abwenden», appellierte er an das Parlament.

Und auch Ivo Liechti (CVP/EVP) bezeichnete die Vorlage als «irritierend». Das ursprüngliche Ziel der Quartierverbindung werde verfehlt, der Zeitpunkt sei falsch, die Kosten zu hoch.

Unzufriedenheit auch links der Mitte

Auch abseits der bürgerlichen Fraktionen stiess die Vorlage auf wenig Zuneigung. Jacqueline Gasser-Beck (GLP) bezeichnete die Pläne als «Luxuslösung mit unbekannter Nachfrage», Christian Huber (Grüne/Junge Grüne) machte beliebt, der Stadtrat solle den Vorschlag von 2006 nochmals prüfen. Damals war eine Passerelle über die gesamte Breite des alten Güterbahnhofs von der Zylistrasse bis zum Schlosserweg geplant.

Auch Peter Olibet (SP/Juso/PFG) betonte, seine Fraktion sei nicht glücklich mit der Vorlage. Er plädierte aber ebenfalls dafür, den Antrag auf Nichteintreten der Freisinnigen abzulehnen und stattdessen die Vorlage an den Stadtrat zurückzuweisen.

«Wir haben jetzt die Chance, etwas zu tun. Nichteintreten wäre eine Bankrotterklärung.»

Baudirektorin Maria Pappa bezeichnete die Kritik von allen Seiten als «nachvollziehbar». Sie gab aber zu Bedenken, dass eine Passerelle bis zum Schlosserweg doppelt so lang und in der Konsequenz auch teurer werden würde. Das Quartier hege schon lange den Wunsch eines solchen Fussgängerstegs, die Inbetriebnahme der Haltestelle der Appenzeller Bahnen wäre eine «gute Gelegenheit» gewesen, um diesen per Dezember 2021 zu erfüllen.

In der Abstimmung setzte sich der Antrag auf Nichteintreten der FDP-Fraktion mit 31 Ja-Stimmen aus dem bürgerlichen Lager und der GLP gegen 29 Nein-Stimmen von Linksgrün durch. Die Passerelle im alten Güterbahnhof bleibt also vorerst, was sie schon seit 120 Jahren ist: eine Idee.