Glosse

Parkplätze, Bier und eine Punktlandung in St.Gallen

Parkplätze sind in allen Schweizer Städten ein Reizthema. Ganz besonders sind sie dies in der Gallusstadt, hat man manchmal den Eindruck. Da kommt ein Bild aus dem Internet gerade recht, um dem Thema auch wieder einmal eine humoristische Note abzugewinnen.

Reto Voneschen
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Ganz ernsthaft: In der St.Galler Innenstadt sollen dereinst oberirdische Parkplätze wie an der Hinteren Poststrasse (Bild) ins erweiterte UG25 verlegt werden. Diese Planung des Stadtrats hat Kritik aus gewerblichen Kreisen ausgelöst. (Bild: Reto Voneschen - 13. März 2015)

Ganz ernsthaft: In der St.Galler Innenstadt sollen dereinst oberirdische Parkplätze wie an der Hinteren Poststrasse (Bild) ins erweiterte UG25 verlegt werden. Diese Planung des Stadtrats hat Kritik aus gewerblichen Kreisen ausgelöst. (Bild: Reto Voneschen - 13. März 2015)

Die Stadt St.Gallen ist – je nachdem, wem man glaubt – ein Parkplatz-Paradies oder eine Parkplatz-Hölle. Natürlich, auf der individuellen Ebene kennen fast alle das Phänomen: Immer genau dort, wo ich einen Parkplatz suche, ist keiner frei. In der Situation ärgert man sich zuerst einmal über die eklatante Parkplatznot. Wenige haben in so einem Moment Verständnis für kritische Fragen: Suchst du vielleicht am falschen Ort einen Abstellplatz, weil du wieder einmal dem Parkleitsystem misstraut hast? Oder bist du einfach wieder einmal im falschen Zeitpunkt mit dem falschen Verkehrsmittel im Stadtzentrum?

Ein Politischer Dauerbrenner

Die Stadtsanktgaller Parkplätze sind aber nicht nur auf der persönlichen Betroffenheitsebene ein Dauerbrenner. Auch politisch wird seit Jahr und Tag erfolgreich über sie gestritten. Lange hatten die Parkplatzfreunde die Oberhand: Im Untergrund um die Altstadt entstanden neue Abstellplätze in Serie. Fast immer ohne, dass im Gegenzug oberirdische Plätze abgebaut worden wären.

In den 1990er-Jahren galt eine entsprechende Kompensationsforderung im Parlament mehrheitlich schon fast als Sakrileg. Die Autopartei, die damals das Gaspedal noch voll durchdrückte, hätte es gerne gesehen, wenn der Stadtrat dafür ähnlich drakonische Strafen verhängt hätte wie die katholische Kirche gegen ihre mittelalterlichen Ketzer.

Ein neuer Parkplatz plus = ein alter Parkplatz minus

Tempi passati! Heute gibt’s zwar immer noch neue Parkplätze. Die haben aber ihren Preis: So wird das Parkhaus UG24 mit 210 demnächst zum UG25 mit 735 Parkplätzen ausgebaut. Statt wie bisher 92 stehen dort bald einmal 326 öffentliche Parkplätze zur Verfügung. Dieser Ausbau hat aber eben seinen Preis: Die 234 unter dem Strich neuen öffentlichen Abstellplätze werden durch Aufhebung oberirdischer Plätze in Alt- und Innenstadt kompensiert.

Links der Mitte wird ob dieser Parkplatz-Mathematik frohlockt. Rechts der Mitte herrscht Heulen und Zähneklappern ob der städtischen Milchmädchenrechnung. Eine Internet-Zeitung schrieb sogar von einem «St.Galler Parkplatzraub». Und einzelne Politiker lassen wegen der Parkplatz-Verschieberei schon wieder den Pleitegeier über dem bereits anderweitig gebeutelten Detailhandel kreisen.

Ein Leserbriefschreiber hat im «Tagblatt» gar gedroht, er werde künftig Kafi und Gipfeli nicht mehr in der Innenstadt bestellen, sondern dies in einem Shopping-Center auf der grünen Wiese zu tun. Weil’s dort Gratis-Parkplätze gebe. Nur um Vorurteile schon gar nicht erst aufkeimen zu lassen: Der motorisierte Kaffeeliebhaber stammt nicht aus den Appenzeller Hügeln. Er gibt eine Adresse in St.Georgen an.

Weg, abgeschafft, geraubt?

Man kann natürlich diskutieren, wie viele Parkplätze es wo braucht. Letztlich ist das Konzept, das diese Zahl festlegt, ein politischer Entscheid, eine Frage von Präferenzen, Argumenten und Mehrheiten. Nicht alle Argumente, die kursieren, entsprechen allerdings einfachsten Alltagserfahrungen.

Wenn 234 auf verschiedene Schränke verteilte Bierflaschen eingesammelt und in einem Keller zentral gelagert werden, wenn also aufgeräumt wird, ist das Bier nicht weg, abgeschafft, geraubt… Mindestens vor dem Konsum des Gerstensafts dürfte der grossen Mehrheit klar sein, dass sich ihr Alkohol jetzt einfach an einem neuen Ort befindet.

Zufallsfund im Internet: Punktlandung mit einem Personenauto auf einem Doppelparkplatz an der Unterstrasse. (Leserbild: Heinz Beutler)

Zufallsfund im Internet: Punktlandung mit einem Personenauto auf einem Doppelparkplatz an der Unterstrasse. (Leserbild: Heinz Beutler)

Zwei Parkplätze, ein Auto - und viele Fragen

Soweit, so gut. Immerhin gibt es ja auch noch Parkplatzfragen, die schmunzeln lassen. Wenn man nicht gerade das Auto abstellen will. So hat letzthin einer mit dem PW auf einem Doppelparkplatz an der Unterstrasse eine bewundernswerte Punktlandung hingelegt (siehe Bild). Was Fragen aufwirft: Für welchen Platz hat er oder sie das Ticket gelöst? Oder werden da für Platz Nummer 7 und Platz Nummer 8 Gebühren fällig? Ist das Parkieren exakt zwischen den Platznummern vielleicht sogar gratis?

Und kann, wer so parkiert, die Zeche mit der dafür in St.Gallen eben erst neu eingeführten Bezahl-App ab Smartphone begleichen? Oder kriegt man für das Kunststück sogar Geld heraus, etwa aus dem Topf der Kulturförderung? Gemein gegenüber Motorisierten wäre allerdings die Frage, die manchem Nicht-Autofahrer auf der Zunge liegen dürfte: Liegt es in St.Gallen wirklich nur an der fehlenden Zahl der Abstellplätze, wenn man ab und zu auf Anhieb keinen solchen findet?