Kolumne

Papa-Blog:
Wirum Väter nicht
jeden Fehler 
korrigieren sollten

Die Frage, wann und wie man bei den eigenen Kindern den Rotstift ansetzen soll, kann einen Vater ziemlich umtreiben.

Ralf Streule
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Alles richtig? (Bild: Alamy)

Alles richtig? (Bild: Alamy)

Ein Vater hat ja ständig Anlass, seine Kinder zu korrigieren. Hier ein falsch ausgesprochenes Wort. Dort ein Handspiel im Fussball. Ein spiegelverkehrtes B. Auf dem Xylophon ein falscher Ton beim «Alli mini Entli». Wie soll Papi reagieren? Hilft eine väterliche Predigt? Oder bringt sie die Kleinen eher aus dem Konzept? Das Fussballspiel zum Erliegen? Und dreht sich das B irgendwann von selbst? 

In einigen Situationen ist die Sache ganz einfach. Wer würde seinen fünfjährigen Sohn korrigieren, wenn er auf eine Aufforderung hin wild stämpfelt und «Wirum» statt «Warum» schreit? In solchen Fällen kann es passieren, dass die Eltern die kindliche Wortschöpfung übernehmen und das «Wirum» zum familieninternen Standard machen. Und dass der Bub seiner Oma irgendwann nicht mehr glaubt, dass es doch eigentlich «Warum» hiesse. Hier gilt: Laisser faire! Aus schlichter Freude am Falschen. Was beim Ältesten das «Skifahne» war, beim Sohn des Kollegen das «Pandabinli» (Madarinli), ist bei ihm halt das «Wirum». Hoffentlich möglichst lange.

Dem Korrigier-Reflex ausgeliefert 

Aber es gibt andere Schwierigkeitsstufen. Muss der Vater eingreifen, wenn seine einstige Lieblings-Jugendkrimi-Serie zu «Die drei Fragenzeichen» verunstaltet wird? Ich drücke ein Auge zu und warte ab. Viel schneller ist die Geduld aufgebraucht, wenn ein Trainer als «Treeno» ausgesprochen wird oder das Wort eklig als «eglich». Kindergarten- und Zweitklass-Slang, unerträglich!

Warscheinlich ist der Reflex zum Korrigieren dem Menschen, den Vätern zumindest, tief eingepflanzt. Oder wollen Sie etwa behaupten, Sie hätten gerade eben, am Anfang dieses Abschnitts, nicht triumphierend den inneren Rotstift hervorgekramt, weil Sie einen Orthographiefehler gefunden haben? Eben.

Zwar gibt es den pädagogischen Grundsatz: Fehler machen ist wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Dazu gehört aber auch – und hier beginnt die Crux – den Fehler als solchen zu begreifen. Also doch: eingreifen, korrigieren, erklären! Schliesslich muss es bei Martina Hingis und Belinda Bencic auch funktioniert haben. Nur – und hier geht die Crux weiter – scheinen väterliche Tipps bei meinen Kindern wenig zu fruchten. Sobald ich beim Tschutte etwas von «Ball gut anschauen» rede oder über ein falsch gerechnetes 9 + 8 sprechen will, ist fertig lustig. Der Fokus der Kinder sofort weg.

Der Lehrer darf, der Vater nicht

Ich habe gelernt: In solchen Fällen lassen sich die Kinder lieber von Kollegen oder Cousins korrigieren. Oder von Lehrern. Zum Beispiel beim Skifahren: Ein Pizzastück als bildliche Vorstellungshilfe für den Stemmbogen wurde beim Papi schon immer als lächerlich abgetan, bei Skilehrer Claudio aber ehrfürchtig entgegengenommen.

Kürzlich wollte ich meinem Sohn stolz mein musikalisches Wissen präsentieren und ihm bei seinen Rhythmus-Übungen Tipps geben. Beim Vorklatschen merkte ich erst nach einigen Takten, dass sich der Kleine aus dem Staub gemacht hat. Aus dem Keller war lautes Hämmern zu hören. Der Sohn war daran, mit dem Stechbeitel ein Holzstück zu bearbeiten. Immerhin: Ich war es, der ihm das Hantieren mit dem Stechbeitel vor einigen Tagen gezeigt hatte. Dabei schaute der Kleine damals doch gar nicht richtig zu, als ich erklärte...

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (7 Jahre, 5 Jahre und 4 Monate) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.