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Rorschacherberger Arzt operiert in Kamerun trotz Terrorbedrohung

Der Rorschacherberger Chirurg Adi Klammer bringt seine Erfahrung aus der Klinik Rosenberg seit seiner Pensionierung in einem Missionsspital in Kamerun ein. Der diesjährige Einsatz war wegen Unruhen gefahrvoll.
Otmar Elsener

Mit Flugtickets und gepackten Koffern steht Adi Klammer im November 2017 bereit für seine Reise zum Missionsspital St. Martin de Porres in Nijinikom im Nordwesten von Kamerun. Doch eine plötzliche Nachricht aus Kamerun trifft ein: «Wir können dir und deinen Chirurgenkollegen vom Verein ‹Südtiroler Ärzte für die Welt› die Sicherheit nicht garantieren. Es sind Unruhen ausgebrochen. Abwarten!» Klammer sieht sich gezwungen, die Reise kurzfristig abzusagen. Tatsächlich hat ein mit Knüppeln bewaffneter Mob das Spital belagert und die Spitaloberin eingeschlossen. Die Unruhen dauern an, weil eine Unabhängigkeitsbewegung im englischsprachigen Teil von Kamerun sich von der das Land regierenden französischsprachigen Mehrheit lösen und einen unabhängigen Staat «Ambazonia» gründen will.

Die Regierung bietet die Armee auf, die Oberin wird von Polizei und Armee bald darauf evakuiert. Die Lage scheint sich im Laufe des Frühlings zu beruhigen, doch die politische Situation bleibt gespannt. Die Chirurgen, die bisher als Helfer nie behelligt wurden, wagen nun die Abreise, denn sie wollen die ihnen gespendeten Spital-Investitionen im Werte von 200000 Franken einbauen und funktionsfähig machen und damit beweisen, dass die Spenden eingesetzt und benützt werden.

Am 7. April landen sie trotz Streiks bei Air France in der Zwei-Millionenstadt Douala an der Atlantikküste. Bange erwarten sie am Zoll das Durchschleusen ihres Gepäcks, denn jeder der drei Chirurgen und zwei Elektriker ist mit 46 Kilo Operationsinstrumenten und Werkzeugen eingereist. Leider fehlt bereits ein Koffer voll wichtiger Dinge, der trifft dann zum Glück zwei Tage später ein.

Furchterregende Soldaten

Auf der zehnstündigen Autofahrt nach Njinikom passieren die fünf Europäer deutlich mehr Kontrollposten als im Vorjahr, die Soldaten alle schwer bewaffnet und furchterregend. Die willkommenen Helfer aus Europa werden aber überall durchgewinkt. Auf der Durchfahrt durch Städte und Dörfer sehen sie das gewohnte geschäftige Treiben mit Marktständen, doch kurz vor Njinikom ist ein Dorf wie ausgestorben. Die sonst von Volk wimmelnden Strassen menschenleer. Ein Polizist war hier erschossen worden. Bei der von der Armee mit Gewalt und Unterdrückung erfolgten Reaktion fanden mehrere Dorfbewohner den Tod. Die Menschen haben das Dorf seither verlassen und leben jetzt im «Busch».

Bereits am folgenden Morgen hören die Chirurgen aus der Ferne das Rattern eines Maschinengewehrs. Aus Sicherheitsgründen wird ihnen nahegelegt, das Krankenhausareal nie zu verlassen. Bei der Konsultation der zu operierenden Patienten wird ihnen der Eindruck von der labilen politischen Lage augenscheinlich. Ein junger Mann, dem ein Geschoss aus einem Polizeigewehr den Oberschenkel zertrümmert hat, ist vom einheimischen Chirurgen Djiettcheu Lazaré erfolgreich behandelt worden. Lazaré hat sein chirurgisches Fachwissen nicht nur während der bisherigen Besuche von Klammer und seinen erfahrenen Kollegen Günther Ziernhöld und Hartmann Waldner erweitert, sondern ist auch in den Kursen der «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Ostosynthesen (AO) in Davos, Heiden und St. Gallen geschult worden.

Katastrophale Stromversorgung

Adi Klammer hat neben den mitgebrachten Koffern einen Container auszupacken: Im Frühjahr 2017 sandte er von Rorschach aus einen mit Instrumenten-Kassetten, einem mobilen Röntgen-Apparat, Rollstühlen, Krücken, Operationsschuhen und weiteren nützlichen Dingen gefüllten Container nach Kamerun. All das Material war von Kliniken in Heiden und St. Gallen (Hirslanden) gespendet worden. Im März 2018 wurde er informiert, dass dieser Container immer noch im Hafen lag. Afrikanische Mühlen mahlen langsam. Es gelang aber der Projektleiterin des Vereins «Südtiroler Ärzte für die Welt», den Container endlich aus dem Hafen auszulösen. Kaum sind die ersten Probleme überwunden, wartet eine überaus wichtige Aufgabe: Der vor zwei Jahren vom Verein gestiftete, hochwertige Sterilisator soll in Gang gesetzt werden. Bisher hatte die ungenügende, ja katastrophale Stromversorgung den Betrieb verunmöglicht. Mehrmalige Brände hatten die Installationen der Elektrozentrale zerstört und waren jeweils nur behelfsmässig repariert worden. Spezialkabel und Schaltkästen waren daher bereits für eine leistungsfähige Elektroinstallation beschafft worden.

Die für die Arbeit mitgereisten Elektriker Karl Primisser und Hannes Roher machen sich an die Arbeit. Eine 1400 kg schwere Kabelrolle wird für den Transport vom Lager zum Krankenhaus ohne Kran auf einen Lastwagen geladen! Verlegt wird das Kabel in einen 300 Meter langen Graben, den zwanzig Arbeiter bei oft starkem Regen mit Schaufeln ausheben. Dazu gilt es, einen schweren Generator zu verschieben. Dann werden die neuen Schaltkästen installiert und Verbindungen zu allen Gebäuden hergestellt. Den Elektrikern gelingt es sogar, eine WLAN Verbindung zu aktivieren.

Klammer und seine Kollegen operieren zusammen mit dem einheimischen Djiettcheu Lazaré an jedem Arbeitstag, auch am Samstag, bis in den Nachmittag hinein. Meistens sind es Patienten, die unter vernachlässigten Unfall-Folgen leiden. Viele Operationen sind Korrekturen von jahrelangen, unglaublichen Verformungen von Ober- und Unterschenkelbrüchen sowie Hüftverrenkungen.

Unglaubliche Krankheitsbilder

Zu oft verlassen sich die Einheimischen bei einem Unfall wegen der Kosten auf den «Local Healer», den traditionellen Medizinmann. «Wir sahen Krankheitsbilder, die ich in meinem ganzen Berufsleben nie gesehen habe», sagt Klammer später. Zwar ist die Hygiene im Operationssaal noch von den vergleichbaren Standards entfernt, an die europäischen Chirurgen gewohnt sind, doch können sie sich auf in Tansania ausgebildete Anästhesie-Pfleger und den Einsatz vom technischen Operationsassistenten aus Heiden und St. Gallen verlassen. Gegenüber früheren Aufenthalten stellen sie eine verbesserte allgemeine Pflege fest.

Zurückgekehrt in sein Heim am Rorschacherberg blickt der 72-jährige Adi Klammer auf eine trotz aller Schwierigkeiten befriedigende Arbeit zurück. Einmal mehr ist er von der Dankbarkeit der behandelten Patienten berührt. Finanzielle Hilfe allein genügt nicht. Gefragt sind junge Ärzte und Chirurgen, die gewillt sind, eine Zeit lang die Afrikaner zum Wohle der eigenen Bevölkerung auszubilden.

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