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«Opa» auf Klassenfahrt: Mit Rorschacherberger Fünftklässlern im Skilager

Ich kann eigentlich nicht so gut mit Kindern. Jetzt habe ich aber dem ständigen Betteln meines besten Kumpels, einem Lehrer, nachgegeben und bin mit seiner Klasse ins Skilager gefahren. Eine Woche mit Grenzerfahrungen und «Jöö-Momenten».
Martin Rechsteiner
Sorge Nummer eins: Die Kinder gehen auf der Piste verloren. Zum Glück sind sie dank blauer Leuchtweste und markantem Stemmbogen auch aus der Entfernung gut sichtbar. (Bild: Martin Rechsteiner)

Sorge Nummer eins: Die Kinder gehen auf der Piste verloren. Zum Glück sind sie dank blauer Leuchtweste und markantem Stemmbogen auch aus der Entfernung gut sichtbar. (Bild: Martin Rechsteiner)

Ich dachte, ich hätte mich gut vorbereitet. Die Packliste, die er seinen Fünftklässlern und mir verschickt hatte, habe ich genau befolgt: Ski, Ersatzkleider und Toilettenartikel in die grosse Tasche, die im Autoanhänger transportiert wird. Finken, Znünibox und Skihose im Tagesrucksack, der mit auf die Zugreise kommt.

Fragen über Fragen

Wofür ich aber weniger gerüstet war, war das Bombardement an Fragen, das während der Zugfahrt ins bündnerische Tarasp auf mich niederprasselte. So wollten einige der Elfjährigen von mir, einem Noch-nicht-ganz-Dreissiger, wissen, welches denn mein Lieblings-Youtuber sei. Es blieb erst mal still im Abteil, fünf Bubenaugenpaare richteten sich gebannt auf mich. Früher sagte der bevorzugte Musikstil in etwa aus, wie dein Gegenüber so drauf ist. Heute sind es also irgendwelche Persönlichkeiten, die ihre Kanäle mit Videomaterial füttern. Schlecht für mich, denn ich kenne mich mit Youtubern vermutlich etwa so gut aus, wie die Kinder mit Autoren der Neuen Zürcher Zeitung.

Fettnäpfchen Nummer 1

Nach kurzem Zögern rang ich mich zur Antwort durch, dass ich von etwas namens «Bibis Beauty Palace» schon einmal gehört hatte. (Und zwar hatte sie kürzlich die Klatschspalten gefüllt, weil sie, trotz ihres bemerkenswerten Erfolgs, offenbar nicht die hellste Kerze auf der Social-Media-Torte ist). Unvorteilhaft für mich war in diesem Moment aber weniger die Tatsache, dass die nette Dame scheinbar etwas bildungsfern ist, sondern dass sie sich auf dem Videokanal vor allem mit Schminktipps einen Namen gemacht hat – also nicht unbedingt eine Persönlichkeit, mit der man bei vorpubertären Jungs Eindruck schindet. Kam mir aber zu spät in den Sinn.

Nicht einmal die Pokémon sind noch das, was sie einmal waren

Irritiert fragten mich die Buben weiter, welches mein Fortnite-Level sei. Ich verstand gerade noch so viel, dass die Dreikäsehochs ergründen wollten, wie ich mich bei einem in der Generation gerade sehr beliebten Online-Ballerspiel schlage. Ich, offensichtlich nicht Teil dieser Generation, habe es bis anhin noch nie zu Gesicht bekommen und konnte natürlich auch jetzt wieder keine vernünftige Antwort liefern. Schon fast mitleidig fragte mich einer der Knirpse dann, ob ich denn wenigstens ein Lieblings-Pokémon hätte. Immerhin. Die Taschenmonster auf Spielkarten gab es während meiner Kindheit schon. Sie haben sich in Zwischenzeit aber explosionsartig vermehrt (ergibt zumindest ja bei jenen Sinn, die von Mäusen und Ratten inspiriert sind). Schnell machte ich die Erfahrung, dass jene der Fantasie-Tierchen, die früher als «cool» galten, dies heute nicht mehr sind.

Der Opa

Ich bin nicht sicher, was mir bei den Kindern schliesslich den scherzhaften Spitznamen «Moruk» einbrachte: die missratene Fragerunde oder all die Sorgenfalten auf meiner Stirn, als die Knirpse auf den Zugsitzen herumzuspringen begannen. «Moruk» ist türkisch und bedeutet «Opa».

Immerhin war das insofern passend, als ich mir während des Lagers tatsächlich mehrmals ziemlich alt vorkam. Besonders abends, wenn die Kinder endlich alle in ihren Betten lagen und ich dermassen gerädert war, dass ich es ihnen nur noch gleichtun konnte.

Missgeschicke und Abendsport

Das erkläre ich mir aber weniger damit, dass eines der Kinder schon bei der ersten Fahrt seinen Skistock vom Sessellift schmiss, worauf ich ihn irgendwo am Hang aus dem Tiefschnee klauben musste. Auch war nicht der Bube schuld, der am Mittag im Bergrestaurant einen Wassertank der Fassstrasse umwarf und damit den Buffetbereich flutete. Und dass mir schliesslich die Ehre zuteilwurde, mit den Kindern von der Marke Rabauken an mehreren Abenden eine Extrarunde zu rennen, hat vermutlich auch nur marginal zu meiner Müdigkeit beigetragen.

Unbegründete Sorgen

Eher lag es an der Tatsache, dass man sich im Lagerhaus, solange die Kinder wach waren, zeitweise entweder auf einem indischen Markt oder in einen Fanzug, unterwegs zu einem Auswärtsspiel, wähnte. Und ganz bestimmt machten mich das ständige Dasein für die Anliegen der Kleinen sowie das pausenlose Präsentsein fertig: Stellen die Kinder auch nichts an? Bleibt meine Gruppe auf der Piste schön zusammen? Was ist, wenn sich einer der Knirpse bei der Abfahrt verirrt? Ui, das Kind hat auf der Piste gerade den doppelten Überschlag gemacht und beide Ski verloren, ich hoffe, sonst ist noch alles dran?

Glücklicherweise waren alle Sorgen unberechtigt. Auch die grössten Rambos unter den Kindern kamen unversehrt zurück, Lager-Bagatellschäden wie Kratzer, Schrammen und blaue Flecken mal ausgenommen. Und sogar die Bruchliste des Ferienheims blieb erstaunlich kurz.

Ruhe nach dem Sturm

Was zum Schluss bleibt, sind gute Erinnerungen, welche die paar Nerven, die das Lager gekostet haben, locker wert sind. Schlussendlich kann man gar nicht anders, als die kleinen Racker ins Herz zu schliessen. Etwa, als der Knabe, der den Wassertank umschubste, der Reinigungskraft des Restaurants als Entschuldigung sein ganzes Sackgeld geben wollte. Oder als mich einer der Kleinen im Vertrauen ausfragte, wie er am schnellsten Tanzen lerne und während der Lagerdisco sein Lieblingsmädchen auf sich aufmerksam machen soll.

Was ebenfalls bleibt, nach dem Lager, ist eine fast schon merkwürdig anmutende Stille, wenn man wieder in den eigenen vier Wänden weilt. Und natürlich grosse Bewunderung für den Klassenlehrer und alle Eltern. Denn die Kinder dürften sich von der Müdigkeit, die sie gegen Ende Lager zu Lämmern machte, schon bald wieder erholen.

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