Onlineshopping
«Online einkaufen ja, aber bitte lokal»: Das steckt hinter der neuen virtuellen Einkaufswelt in Wittenbach

Wittenbach hat seit Donnerstag ein virtuelles Einkaufszentrum. Der Verein Einkaufswelt Wittenbach hat eine neue Onlineplattform auf die Beine gestellt, mit welcher das lokale Gewerbe gefördert werden soll. Auf dieser können Kundinnen und Kunden Produkte von verschiedenen Anbietern in einen Warenkorb legen. Rund 40 Betriebe machen bisher mit.

Perrine Woodtli
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Mit diesem E-Mobil werden künftig die Produkte ausgeliefert. Von links nach rechts: Gemeindepräsident Oliver Gröble, Andreas Bieniok von der Scheidt & Bachmann GmbH, Obvita-Mitarbeiter Thomas Baumann, Patrick Nauer, Gesamtleiter Produktion Obvita, sowie Thomas Egli, Vereinspräsident Einkaufswelt Wittenbach.

Mit diesem E-Mobil werden künftig die Produkte ausgeliefert. Von links nach rechts: Gemeindepräsident Oliver Gröble, Andreas Bieniok von der Scheidt & Bachmann GmbH, Obvita-Mitarbeiter Thomas Baumann, Patrick Nauer, Gesamtleiter Produktion Obvita, sowie Thomas Egli, Vereinspräsident Einkaufswelt Wittenbach.

Bild: Michel Canonica (2. Dezember 2020)

In Wittenbach gibt es eine breite Palette an Geschäften. Schon bald versammelt sich ein Teil davon unter einem Dach – zumindest virtuell. Der Verein Einkaufswelt Wittenbach will neue Trends setzen und lanciert eine digitale Einkaufsplattform. Diese soll das Einkaufen vereinfachen sowie die Betriebe unterstützen gemäss dem Motto «lokaler, persönlicher, schneller».

Die Idee: Die Nutzerinnen und Nutzer können mit einem virtuellen Einkaufswagen durch verschiedene Wittenbacher Geschäfte stöbern und alle Produkte in einen Warenkorb legen. Die Kunden bezahlen am Schluss nur eine Gesamtrechnung. Sie können entscheiden, ob sie die Bestellung vor Ort abholen oder sich diese nach Hause liefern lassen wollen.

Science-Fiction oder mutige Vision?

Entstanden ist die Idee der virtuellen Einkaufswelt 2019, erzählt Thomas Egli, der den Verein präsidiert. Er orientierte am Mittwoch gemeinsam mit anderen Involvierten im Restaurant Hirschen über das neue Angebot.

Thomas Egli, Präsident und Geschäftsführer des Vereins Einkaufswelt Wittenbach.

Thomas Egli, Präsident und Geschäftsführer des Vereins Einkaufswelt Wittenbach.

Bild: Michel Canonica

Seit Jahren wisse man um die Probleme und Herausforderungen der Fach- und Detailhändler, zahlreiche Geschäfte stünden leer. Gemeinden und Händler kämpften gegen das Ladensterben und Onlineriesen an.

Das Ganze ins Rollen gebracht habe Gemeindepräsident Oliver Gröble. «Er kam auf mich zu und sprach mich auf das örtliche Gewerbe an», sagt Egli. «Ich habe danach ein paar Unternehmer aus der Gemeinde zusammengetrommelt.»

Schliesslich habe sich «eine bunte Runde» getroffen, um über die aktuelle Gewerbesituation zu diskutieren. Schnell sei man auf einen gemeinsamen Webshop gekommen. «Online einkaufen ja, aber bitte in Wittenbach», sagt Egli.

«Damals haben wir uns gefragt, ob es sich bei dieser Idee um Science-Fiction oder um eine mutige Vision handelt.»

Zusammenarbeit mit einer sozialen Institution

Die Vision wurde inzwischen in die Tat umgesetzt. Im April dieses Jahres wurde der Verein Einkaufswelt gegründet, mit der Scheidt & Bachmann GmbH wurde ein Technologiepartner und mit der Raiffeisenbank Wittenbach-Häggenschwil ein Finanzpartner gefunden.

Oliver Gröble, Gemeindepräsident Wittenbach, parteilos

Oliver Gröble, Gemeindepräsident Wittenbach, parteilos

Bild: Michel Canonica

Für die Logistik und den Heimlieferdienst ist die in Wittenbach ansässige Obvita zuständig. Der Ostschweizerische Blindenfürsorgeverein sei von Beginn weg ein Wunschpartner gewesen, sagt Gröble. Bei der Obvita handelt es sich um eine lokale und soziale Institution. «Sie passt daher perfekt in das Konzept der Einkaufswelt.»

Dem stimmt Patrick Nauer, Gesamtleiter Produktion bei der Obvita, zu. Mit der Kooperation unterstütze man einerseits die lokale Wirtschaft, andererseits sei es für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Obvita eine berufliche Chance. Die Obvita ist nebst der Lieferung auch für die Routenplanung zuständig. Nauer sagt:

«Nach ein paar Wochen kennen unsere Mitarbeiter Wittenbach wie ihre eigenen Hosentaschen.»

Die Obvita sei ein weiteres Argument, wie man sich von anderen Onlinehändlern abgrenze: Nebst dem lokalen Aspekt garantiere die Obvita schnelle Lieferzeiten. Die Bestellungen werden mit einem umweltfreundlichen E-Mobil ausgeliefert.

Weitere Händler sollen dazukommen

Rund 40 Wittenbacher Geschäfte und Betriebe machen bislang mit. Deren erste Reaktionen seien sehr positiv gewesen, sagt Egli.

«Wir haben für viele Unternehmer den Zugang zum Onlinehandel geschaffen.»

Viele hätten schlicht keine Zeit oder auch zu wenig Ahnung davon, wie ein Onlineshop eingerichtet wird. «Nun können sie ihre Produkte und Dienstleistungen ohne grossen Aufwand und ohne Programmierkenntnisse online anbieten.»

Über 500 Produkte werden Stand jetzt angeboten. Von Blumen und Kosmetikprodukten über Restaurantgutscheine bis hin zu Beratungen, handwerklichen Dienstleistungen und Hofprodukten ist alles dabei.

Mit der Anzahl Mitglieder sei man für die Startphase zufrieden, sagt Egli. Man hoffe, dass nach und nach weitere dazukommen. «Einige wollen zunächst einmal sehen, wie sich das Ganze entwickelt.»

Die Website der Einkaufswelt Wittenbach. Die Einkaufsplattform vereint rund 40 Geschäfte und Betriebe unter einem Dach.

Die Website der Einkaufswelt Wittenbach. Die Einkaufsplattform vereint rund 40 Geschäfte und Betriebe unter einem Dach.

Bild: Perrine Woodtli

Finanziert wird das Ganze durch Mitgliederbeiträge, Inserate sowie Gönner und Sponsoren. Zudem hoffe man derzeit noch auf einen Zustupf über die Crowdfunding-Plattform Lokalhelden, sagt Egli. Von der Gemeinde erhält der Verein ideelle, aber keine finanzielle Unterstützung. «Die Gemeinde zahlt nichts an die Plattform», betont Oliver Gröble. Als ehemaliger Standortförderer wolle er dieses Projekt aber unterstützen und er beteilige sich deshalb gerne aktiv.

«Eine grosse virtuelle Shopping-Arena»

Die Verantwortlichen sind überzeugt, dass das neue Angebot ein Erfolg werden kann. Der grösste Vorteil sei der Multi-Warenkorb, also die Tatsache, dass der Kunde sich ein einziges Mal einloggen und an einem Ort alles einkaufen könne, statt sich in 40 Onlineshops registrieren zu müssen, sagt Andreas Bieniok von der Scheidt & Bachmann GmbH. Auch Gröble ist der Meinung: «Ein vergleichbares Angebot gibt es noch nicht.» Und weiter:

«Es handelt sich nicht um einen typischen Webshop. Es ist eine grosse virtuelle Shopping-Arena.»

Gröble ist überzeugt, dass der Detail- und Fachhandel den Onlinehandel einbeziehen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Thomas Egli betont, dass die Onlineplattform den stationären Handel ergänzen soll.

Corona könnte sich positiv auswirken

Ebenfalls aussergewöhnlich sei das lokale Bonussystem, von dem die Kunden profitierten, sagt Gröble. Sie können in der Einkaufswelt nämlich Punkte sammeln à la Migros-Cumulus. Bei jeder Bestellung erhält der Kunde Punkte im Wert von einem Prozent von der Gesamtrechnung. Bei einer 100-fränkigen Rechnung erhält der Kunde also einen Bonuspunkt im Wert von einem Franken.

Als sich die Gruppe 2019 zum ersten Mal traf, wusste noch niemand, dass schon bald ein Virus die Welt auf den Kopf stellen würde. Lokal einkaufen wurde 2020 durch Corona für viele Leute wieder wichtiger – dies könnte ein Vorteil für die Einkaufswelt sein, wie Egli sagt. Er betont:

«Wir wollen ein langfristiges und nachhaltiges Angebot schaffen. Nicht nur eines für Krisen.»

Verein hofft auch auf das Weihnachtsgeschäft

Seit diesem Donnerstag verteilen mehrere Freiwillige Briefe an alle Wittenbacherinnen und Wittenbacher über 18 Jahre. Im Brief erhalten die Bewohner Informationen über die Einkaufswelt sowie einen persönlichen Registrierungscode. Wer diesen erhalten hat, kann sofort einkaufen. Bis Samstag sollten alle Briefe verteilt sein.

Auf die Einkaufswelt gelangt man sowohl über den Link www.ekw-wittenbach.ch als auch über die Gemeindewebsite. Dort findet sich auf der Startseite ein entsprechender Zugriffsbutton. Man wollte die Plattform unbedingt noch vor Weihnachten starten, sagt Thomas Egli. In der Hoffnung, dass einige Wittenbacherinnen und Wittenbacher bereits für ihre Weihnachtseinkäufe durch die neue Einkaufswelt stöbern.

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