ÖV-Zukunft

Das Postauto fährt weiterhin an den Bahnhof

Die Stadt St.Gallen liebäugelt mit Umsteigestationen am Stadtrand, wo Postauto-Passagiere auf S-Bahn oder Stadtbus umsteigen. Damit will sie nicht nur den Bahnhofplatz, sondern auch die Stadtkasse entlasten. Doch aus dem «Hub Lustmühle» wird nun vorläufig nichts: Die Kantone St.Gallen und Ausserrhoden kippen die Pläne, die für 2022 vorgesehen waren.

Johannes Wey-Eberle
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Der Platz an den Haltekanten am Bahnhof St.Gallen dürfte für den Regionalverkehr über kurz oder lang knapp werden.

Der Platz an den Haltekanten am Bahnhof St.Gallen dürfte für den Regionalverkehr über kurz oder lang knapp werden.

Arthur Gamsa (18. Dezember 2020)

Der Platz in der Stadt wird knapp. Mit dem Ausbau des Busangebots dürfte der Bushof am Bahnhof St.Gallen über kurz oder lang an seine Kapazitätsgrenzen stossen. Deshalb wird schon lange die Idee sogenannter Hubs verfolgt: Die regionalen Postautoverbindungen sollen vor den Toren der Stadt enden und die Passagiere mit S-Bahn oder VBSG-Bussen ins Zentrum weiterreisen. In Wittenbach ist beispielsweise ab 2022 ein solcher Hub geplant. Und bis vor kurzem auch in der Lustmühle.

Nun krebsen die Kantone Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen aber zurück. Sie haben sich darauf geeinigt, die Postautolinie 180, die von Herisau über Hundwil und Stein nach St.Gallen führt, nicht wie ursprünglich vorgesehen auf 2022 in der Lustmühle zu kappen.

Für die Kantone überwiegen die Nachteile

Markus Schait, Angebotsplaner AÖV St.Gallen.

Markus Schait, Angebotsplaner AÖV St.Gallen.

PD.

Dahinter steht laut Markus Schait, Angebotsplaner beim Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St.Gallen, eine Interessenabwägung – wie immer beim ÖV.

«Die Nachteile eines Umstiegs auf die Appenzeller Bahnen in der Lustmühle würden aus unserer Sicht die Vorteile überwiegen.»

Zum unbequemen Umstieg käme statt eines Zeitgewinns nämlich eine Fahrzeitverlängerung.

Appenzeller Bahnen richten sich nach Zürich aus

Seit 2019 verkehren die Züge der Appenzeller Bahnen (AB) im sogenannten Lastrichtungsfahrplan, der sich nach den Fernverkehrsanschlüssen von St.Gallen in Richtung Zürich richtet. Am Morgen verkehren die Züge so, dass die Pendler den IC nach Zürich erwischen, am Abend sind die Ankünfte der Züge aus Zürich massgebend für die Abfahrt der Bahn in Richtung Appenzell.

Wenn sich nun die Postautolinie 180 nach diesem Fahrplan ausrichten würde, verschlechterten sich die Anschlüsse an den Fernverkehr und die Fahrgäste müssten sich an einen unregelmässigeren Takt gewöhnen. Das ist aus Sicht von Angebotsplaner Schait eine Verschlechterung, da die «Merkbarkeit» ein Qualitätskriterium für ÖV-Verbindungen ist.

Verkehrschaos gefährdet Linie 180

Mit dem Hub Lustmühle hätte auf der Linie 180 auch ein Halbstundentakt eingeführt werden sollen. Diese Verdichtung wird weiterhin geprüft.

Wie lange die Linie 180 in ihrer heutigen Form überhaupt noch betrieben werden kann, ist aber ungewiss: «Längerfristig könnte eine Verkehrszunahme auf der Strasse in Herisau und in der Liebegg dazu führen, dass die Linie 180 nicht mehr fahrbar ist», schreiben die Kantone in einer Mitteilung (siehe Box).

Platz am Bahnhof wird knapp

Aus Sicht der Stadt ist der Verzicht auf die Verkürzung der Postautolinie nicht erfreulich, sagt Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt:

Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr Tiefbauamt St.Gallen.

Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr Tiefbauamt St.Gallen.

Michel Canonica
«Wir sind der Meinung, dass der Umstieg in der Lustmühle Vorteile gebracht hätte.»

So wäre die Einführung eines zweiten Kurses auf der Linie 180 praktisch ohne Mehrkosten möglich gewesen.

Dass sich die Regionalbusse den An- und Abfahren der Fernverkehrszüge anpassen, führt zu Belastungsspitzen auf dem Bahnhofplatz. Derzeit habe der neue Bushof aber noch genügend Kapazitäten. Längerfristig sieht er betreffend Hub nach wie vor zwingenden Handlungsbedarf, auch wenn die Pandemie den Ausbau des öffentlichen Verkehrs voraussichtlich etwas bremsen werde.

Status quo bringt der Stadt Mehrkosten

Durch die Verkürzung der Linie 180 wären zudem drei Postautohalte auf Stadtboden weggefallen, für die die Stadt aufkommen muss. Das mache jährlich rund 30'000 Franken aus, sagt Hasler.

Was die Appenzeller Bahnen angehe, bestehe ein Zielkonflikt zwischen Stadt und Kanton St.Gallen sowie beiden Appenzell: Während die AB für letztere den Anschluss an den Fernverkehr sicherstellen müssen, hat die Durchmesserlinie innerhalb der Stadt quasi eine Tramfunktion. Deshalb sei auch die Umstellung auf den Lastrichtungsfahrplan für die Stadt ein Rückschritt gewesen, da dieser in Kombination mit dem Schnellzug Appenzell-St.Gallen derzeit den 15-Minuten-Takt ins Riethüsli verunmögliche. Hasler bilanziert:

«Mit dem Entscheid der Kantone können wir aus Sicht der Stadt nicht zufrieden sein.»

Der Pförtner bremst das Posti nicht

Wegen der Überlastung der Teufener Strasse kommt es in Stosszeiten regelmässig zu Stau. Dieser bremst auch die Busse der VBSG aus. Deshalb arbeiten die Kantone St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden, die Stadt und die Gemeinde Teufen schon länger an einem Projekt für einen Pförtner in der Liebegg zwischen dem Riethüsli und der Lustmühle: Ein Lichtsignal soll den morgendlichen Pendlerverkehr aus dem Appenzellerland abfangen und damit den Stau vor die Tore der Stadt verlegen.

Ein entsprechendes Bauprojekt werde das Ausserrhoder Tiefbauamt bis im kommenden Frühling ausarbeiten, schrieb die St.Galler Kantonsregierung im Mai als Antwort auf eine Interpellation aus dem Kantonsrat. Parallel dazu plant eine Arbeitsgruppe, wie die Pförtneranlage ins Verkehrsmanagement der Teufener Strasse eingebunden werden kann. Damit soll unter anderem geklärt werden, welche Stauzeit zumutbar ist, wie Blaulichtfahrzeuge den Stau umgehen können und wie der Veloverkehr geführt wird.

Die Pförtneranlage soll die Postautolinie 180 nicht wesentlich betreffen, sagt Markus Schait, Angebotsplaner beim Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St.Gallen. Das Postauto stehe zu Stosszeiten schon heute im Stau. Das sei im Fahrplan berücksichtigt. Die Wartezeit soll sich mit der Pförtneranlage nicht verlängern, sondern lediglich an einen anderen Ort verlegt werden. (jw)