ÖV-Lobby fordert Verbesserungen im Bahn- und Busverkehr: «Die Region St.Gallen verschläft sonst die Zukunft»

Die IG öffentlicher Verkehr Stadt St.Gallen fordert Sofortmassnahmen, aber auch die rasche Erarbeitung eines neuen ÖV-Grundkonzepts. Andere Schweizer Ballungszentren seien damit viel weiter. Die Zeit dränge jetzt, bis 2026 müssten konkrete Projekte für den nächsten grossen Ausbauschritt des Bundes ab 2045 eingereicht werden.

Reto Voneschen
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Ein altes, lokalpolitisch aber heikles nimmt die IG öffentlicher Verkehr Stadt St.Gallen mit ihren Forderungen für Verbesserungen ebenfalls auf: Neue Verkehrsbetriebe der Region St.Gallen sollen für eine effizientere Abwicklung des ÖV sorgen. Daran beteiligt müssten die VBSG, die Postautos und der Regiobus, allenfalls auch die Appenzeller Bahnen sein. (Bild: Benjamin Manser - 21. Juni 2019)

Ein altes, lokalpolitisch aber heikles nimmt die IG öffentlicher Verkehr Stadt St.Gallen mit ihren Forderungen für Verbesserungen ebenfalls auf: Neue Verkehrsbetriebe der Region St.Gallen sollen für eine effizientere Abwicklung des ÖV sorgen. Daran beteiligt müssten die VBSG, die Postautos und der Regiobus, allenfalls auch die Appenzeller Bahnen sein. (Bild: Benjamin Manser - 21. Juni 2019)

Scharfe Kritik an Kanton und Stadt hat die Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr (IGöV) Stadt St.Gallen am Dienstag geäussert. Bei der Weiterentwicklung des ÖV seien Stadt und Kanton St.Gallen im Vergleich zu anderen Schweizer Ballungszentren viel zu passiv. Die Region St.Gallen drohe, beim ÖV auf Jahre hinaus den Anschluss zu verpassen. Das werde früher oder später gravierende wirtschaftliche Folgen haben.

Die Kantonsregierung sei beim Thema «im Schlafmodus» unterwegs, kritisierte VCS-Frau Doris Königer am Dienstag an einer IGöV-Medienkonferenz. Die Stadt St.Gallen verfüge über Entwicklungsgebiete, die für die Wirtschaft sehr interessant seien. Um diese Potenziale realisieren zu können, müsse man aber die lokalen, regionalen und nationalen Verbindungen verbessern. Da aber stünden die Behörden «auf dem Schlauch».

Kritik an Situation der S-Bahn im Westen der Stadt

Die IGöV will das ändern. Sie hat konkrete Vorstellungen, wo man dafür ansetzen könnte – mit Sofortmassnahmen und längerfristigen Projekten. Keinesfalls dürfe es so weitergehen wie in den vergangenen Jahren bei der S-Bahn, waren sich die Stadtparlamentsmitglieder Remo Daguati (FDP), Barbara Hächler (CVP) und Doris Königer (SP) einig. Da habe man ab 2010 Beschlüsse gefasst, die auf Verbesserungen hoffen liessen. 2018 sei das angedachte Gesamtsystem durch einseitige Anpassung des Fernverkehrsplans durch den Kanton zerstört worden.

Die IGöV fordert den modernen und hindernisfreien Ausbau aller Stadtbahnhöfe. Im Bild St.Fiden. (Bild: Urs Bucher - 14. August 2019)

Die IGöV fordert den modernen und hindernisfreien Ausbau aller Stadtbahnhöfe. Im Bild St.Fiden. (Bild: Urs Bucher - 14. August 2019)

Die Situation im Westen St.Gallens habe sich verschlechtert, statt verbessert. Das werde sich Mitte Dezember beim Wechsel auf den Fahrplan 2020 nicht ändern. So werde wieder ein Versprechen nicht eingehalten: Der «Konstanzer» halte nicht im Haggen, obwohl das technisch kein Problem wäre.

Fahrzeiten sind immer noch zu lang

Wenn sich die ÖV-Situation nicht rasch ändert, befürchtet Remo Daguati wirtschaftliche Nachteile. Schon heute stelle er in seiner beruflichen Tätigkeit fest, dass es schwierig sei, gut ausgebildete Fachkräfte von auswärts zu rekrutieren. Dies, weil die ÖV-Fahrzeit von den nächsten Bevölkerungszentren zu den Arbeitsplätzen in St.Gallen zehn bis 15 Minuten über dem liege, was beim Pendeln akzeptiert werde. Wenn man dies nicht ändere, sei absehbar, dass weitere Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen Richtung Westen abwanderten.

Zukunftsmusik: Die IGöV schlägt vor, den Bahnhof Haggen zum Doppelbahnhof (also auch mit Haltestelle an der SBB-Linie) auszubauen und von hier aus einen Busshuttle in die umliegenden Wohngebiet zu betreiben. Der alte Bahnhof Bruggen könnte dafür aufgehoben werden. (Bild: Thomas Hary - 3. September 2018)

Zukunftsmusik: Die IGöV schlägt vor, den Bahnhof Haggen zum Doppelbahnhof (also auch mit Haltestelle an der SBB-Linie) auszubauen und von hier aus einen Busshuttle in die umliegenden Wohngebiet zu betreiben. Der alte Bahnhof Bruggen könnte dafür aufgehoben werden. (Bild: Thomas Hary - 3. September 2018)

Stadt- und Regierungsrat müssten ihr Schwarzpeterspiel beim ÖV einstellen und am gleichen Strick ziehen, forderte Barbara Hächler namens der IGöV. Zudem müsse die Lobbyarbeit in Bern aktiviert werden. Im nationalen Bahnverkehr sei weiteres Warten auf den Brüttenertunnel keine Option; bis er 2035 komme, sei die Region abgehängt. Man müsse sich jetzt daran machen, Detailprojekte und langfristig auch ein neues Grundkonzept für den ÖV in Stadt und Region zu entwickeln.

Konkrete Vorschläge für Verbesserungen

Für die IG öffentlicher Verkehr (IGöV) müssen Kanton und Stadt sofort Massnahmen zur Verbesserung der ÖV-Situation in der Region St.Gallen einleiten. Grundsätzlich müsse die S-Bahn künftig bezüglich Auslastung oder Kostendeckungsgrad als Gesamtsystem begriffen und nicht jede Linie einzeln betrachtet werden. Zudem müsse man die Arbeit an neuen Konzepten an die Hand nehmen: Sie müssten bis 2023 stehen; Projekteingaben fürs Ausbauprogramm des Bundes ab 2045 müssten 2026 erfolgen. Da habe St.Gallen viel aufzuholen: Basel, Winterthur oder Luzern seien viel weiter.

  • Als Sofortmassnahme sieht die IGöV den Viertelstundentakt an den St.Galler S-Bahnhöfen. In Bruggen müsse die S1 halten, im Haggen der «Konstanzer», in Winkeln halbstündlich ein Interregio und die S1. In Wittenbach müsse man S81 und S82 ganztags führen.
  • Eine Sofortmassnahme im Fernverkehr wäre für die IGöV, dass Züge zwischen St.Gallen und Zürich teilweise via Wallisellen verkehren (schneller, oh­ne Halt am Flugplatz).
  • Eine Sofortmassnahme wäre auch das Abstimmen der Fahrpläne von VBSG, Regiobus und Postauto auf die Züge des Fernverkehrs am Hauptbahnhof.
  • Für mittelfristige Verbesserungen an der S-Bahn schlägt die IGöV Durchmesserlinien mit Viertelstundentakt zwischen Wil/Rorschach sowie Herisau/Romanshorn vor.
  • Im innerstädtischen Verkehr regt die IGöV die Prüfung eines Hub-Systems an. Dabei würde man in Winkeln, St.Fiden und Wittenbach, in der Lustmühle und im Neudorf vom Bus, Postauto in die S-Bahn umsteigen.
  • «Eine grössere Kiste» ist der Ausbau des Bahnhofs Haggen zum Doppelbahnhof mit Busshuttle in die benachbarten Quartiere und Aufhebung des heutigen Bahnhofs Bruggen.
  • Für die IGöV müssen alle Stadtbahnhöfe modern und hindernisfrei ausgebaut werden.
  • Das lokale ÖV-Netz soll als Gesamtsystem durch neue Verkehrsbetriebe der Region St.Gal­len geführt werden. An dieser VRSG müssten die heutigen VBSG, der Regiobus, die Postautos und allenfalls auch die Appenzeller Bahnen beteiligt sein.
  • Längerfristig sollen die Stadtbusse Zubringer zu S-Bahn-Knoten werden; das soll die zu langen Buslinien in der Ost-West-Achse ersetzen.
  • Frei werdende Trassen in der Längsachse der Stadt sollten nach Meinung der IGöV gesichert und daraufhin überprüft werden, ob hier allenfalls dereinst einmal ein Tram rollen könnte.