Öffentlicher verkehr

Freie E-Fahrt: Die neuen Batterietrolleybusse fahren bald auf den St.Galler Strassen

Mitte Januar gehen die ersten zwei Batteriegelenktrolleybusse in Betrieb. Die Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) setzen sie für Schulungszwecke und teils für den Linienbetrieb ein. Bis Mitte Jahr sollen vier weitere Busse und elf Doppelgelenktrolleybusse geliefert werden.

Diana Hagmann-Bula
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Der neue Batteriegelenktrolleybus ist da: Stadtrat Peter Jans und Ralf Eigenmann, Leiter der Verkehrsbetriebe St.Gallen, nehmen den Schlüssel von Yves Brügger von der Herstellerfirma Hess entgegen (von rechts).

Der neue Batteriegelenktrolleybus ist da: Stadtrat Peter Jans und Ralf Eigenmann, Leiter der Verkehrsbetriebe St.Gallen, nehmen den Schlüssel von Yves Brügger von der Herstellerfirma Hess entgegen (von rechts).

Bild: Michel Canonica

Blitzblank und mit leuchtenden LED-Augen kommt der Bus aus dem Depot gerollt. Sie strahlen um die Wette mit jenen von Peter Jans, Stadtrat und Direktor Technische Betriebe, Ralf Eigenmann, Leiter Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG), und Philipp Sutter, Leiter Infrastruktur und Projekte bei den VBSG. Es ist ein grosser Tag für sie. Und für den öffentlichen Verkehr. Das Fahrzeug, das da steht und gerade die Aufmerksamkeit von Journalisten und Fotografen geniesst, ist der erste Batteriegelenktrolleybus der Stadt. «Ein Meilenstein», sind sich die drei einig.

Dynamic Charging in der Trolleybusstadt

Heute muss sich der Bus (es handelt sich um den Typ «lighTram 19 DC» von Hess) mit einer Schaufahrt begnügen, übernächste Woche gilt es Ernst. Ab dem 18. Januar steht er regelmässig im Einsatz, ebenso ein zweiter Batteriegelenktrolleybus. Im Linienbetrieb auf Linie 2, aber auch als Schulungsfahrzeug. «Der ÖV ist klimafreundlich, aber er kann noch zulegen. Mit den Batteriegelenktrolleybussen machen wir einen Sprung nach vorne», sagt Peter Jans. Man habe verschiedene Konzepte diskutiert. Nachtladung: nur etwas für kleine Batteriebusse. Gelegenheitsladung nach ein paar Stationen, auch nichts für St.Gallen. So lautet das Fazit.

Peter Jans, Stadtrat und Leiter Technische Betriebe.

Peter Jans, Stadtrat und Leiter Technische Betriebe.

Bild: Michel Canonica
«Wir haben uns für Dynamic Charging entschieden. So lassen sich unsere Oberleitungen optimal nutzen.»

Batteriegelenktrolleybusse laden sich während der Fahrt auf, am Ende des Netzes bügeln sie ab und fahren ab Batterie weiter. Ihre Reichweite: unbeschränkt.

Kamera statt Seitenspiegel

Die neuen Busse sind nicht nur umweltfreundlicher. Sie fahren sehr leise, nur das Rollgeräusch der Pneus ist zu hören. Und sie bieten mehr Platz: 156 Passagiere sind zugelassen, 34 davon können auf Sitzen Platz nehmen. «Ein 160-Kilowatt-Elektromotor ist an der mittleren Achse verbaut, einer an der hinteren. Das macht gerade Richtung St.Georgen einen Unterschied», sagt Philipp Sutter von den VBSG. Das 350-Kilowatt-Ladegerät ist auf dem Busdach installiert:

«In den ersten paar Monaten setzt das Fahrzeug so viel Energie um wie ein Tesla in seinem ganzen Leben.»

Der neue Bus ist wiederum mit USB-Ladesteckdosen für mobile Geräte ausgestattet. Und mit noch mehr Anlehnpolstern als die bisherigen Fahrzeuge. Sie bestehen aus Recyclingleder. «Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht», sagt Sutter. Ein komplett digitales Display zeigt dem Fahrer etwa den Ladezustand an oder die Energie, die gerade verbraucht wird. Ein Kamerasystem ersetzt die Seiten- und Innenspiegel. «Sie verbessern die Übersicht und die Sicht bei Nacht, erübrigen aber nicht den Seitenblick», sagt Sutter.

Eine Kamera ersetzt den Seitenspiegel: Per Bildschirm verschafft sich der Fahrer einen Überblick über die Verkehrssituation.

Eine Kamera ersetzt den Seitenspiegel: Per Bildschirm verschafft sich der Fahrer einen Überblick über die Verkehrssituation.

Bild: Michel Canonica

Tiefere Betriebskosten und mehr Flexibilität führt er als Vorteile zu normalen Trolleybussen an. «Bei herkömmlichen Modellen brummte der Hilfsmotor verzweifelt, um bei Baustellen und Umleitungen nur ein bisschen vorwärtszukommen. Die neuen Modelle meistern das leicht. Sie fahren ab Batterie.» Die Bremsenergie wird in Fahrenergie umgewandelt, das System ist selbstlernend und weiss, wie es welche Zyklen optimal zum Laden der Batterie nutzt. Heizung und Klimatisierung vollelektrisch. Die neuen Busse bräuchten bis zu 15 Prozent weniger Energie als herkömmliche Trolleybusse, heisst es. Sutter:

Philipp Sutter, Leiter Infrastruktur und Projekte bei den VBSG.

Philipp Sutter, Leiter Infrastruktur und Projekte bei den VBSG.

Bild: Michel Canonica
«Fahrzeuge auf bestem Niveau. Wir freuen uns sehr.»

In den klassischen St.Galler Stadtfarben kommen die neuen Kollegen daher: rot, weiss, schwarz. Neu sind nur die Verzierungen auf der Seite. Sie symbolisieren Blätter, stehen für die grüne Buszukunft. Wie diese aussieht, zeigt Stadtrat Peter Jans an der Medienkonferenz auf.

Stadtrat Peter Jans fotografiert den neuen Trolleybus. Die grüne Verzierung symbolisiert Blätter.

Stadtrat Peter Jans fotografiert den neuen Trolleybus. Die grüne Verzierung symbolisiert Blätter.

Bild: Michel Canonica

Die Flottenstrategie basiere auf dem Energiekonzept der Stadt, das bis 2050 ein klimaneutrales Leben vorsieht. Auf der Verkehrseite bedeute das, die Flotte schrittweise und möglichst konsequent zu elektrifizieren, so Jans. Dazu soll das Trolleybussystem auf weitere Linien ausgedehnt und mit neuen Bussen ergänzt werden, die nicht die ganze Strecke am Draht fahren müssen. Auf Quartierlinien werden Batteriebusse getestet und beschafft. Der Anfang ist mit einem Modell unterdessen getan. Es verkehrt seit April 2019 auf der Linie 11 St.Gallen Bahnhof–Wittenbach. Auch soll Hintergrundinfrastruktur geschaffen werden, etwa mit dem nach 2026 geplanten neuen Depot. «Es wird mehr Ladeinfrastruktur für Batteriebusse bieten. Sie werden nachts geladen», sagt Jans.

2031: Dieselbusse nur noch als Ersatz

Die elektrische Fahrzeugflotte der Stadt bestand bisher aus 7 Doppelgelenktrolleybussen und 17 Gelenktrolleybussen. Sie fahren seit 2009, sollen 2025 in Ruhestand gehen. Neben den zwei Batteriegelenktrolleybussen, die ab übernächster Woche im Verkehr sind, kommen bis Mitte Jahr vier weitere solche Modelle und elf Batteriedoppelgelenktrolleybusse dazu. Für 2023 sind 16 zusätzliche Gelenktrolleybusse geplant, ebenso sieben Solobusse und sechs Midibusse mit Depotladung (Batteriebusse). Jans Vision: «Bis 2031 sind die fünf Buszüge und vier Solobusse, die 2019 in Betrieb genommen wurden, vor allem als Reservefahrzeuge im Einsatz.» Bedeutet: keine Dieselbusse auf den Linien mehr.

Diese Technik hat ihren Preis: 1,25 Millionen Franken kostet ein voll ausgerüsteter Bus. Die Kosten für die Fahrzeuge belaufen sich gesamthaft auf 24,8 Millionen Franken, jene für die Fahrleitungen auf 9,3 Millionen Franken. Inklusive Reserve ergibt das eine Summe von 37,5 Millionen Franken. Daraus leiten sich jährliche Betriebsmehrkosten von 1,5 Millionen Franken ab. Die Stadt übernimmt 235'000 Franken. So steht es in der Vorlage, der die Stimmbevölkerung 2018 zugestimmt hat. Jans: «Es werden eher 200'000 Franken sein. Wir werden die Reserve nicht brauchen.»

6 Bilder

Fahrleitung wegen Einsprachen noch nicht bereit

Sind die 17 Batterietrolleybusse im Sommer 2021 in Betrieb, sei ein grosser Schritt getan, heisst es. Die VBSG würden dann drei Viertel der Fahrgäste elektrisch befördern, mit Strom aus Schweizer Wasserkraft, betont Jans. Die 17 Busse legen zusammen 1,4 Millionen Kilometer jährlich zurück. 800'000 Liter Diesel würden so eingespart. «Das entspricht 2120 Tonnen CO2», sagt Jans. Die neue gute Buswelt naht aber mit Verspätung. Der Start wäre eigentlich für den Fahrplanwechsel im Dezember vorgesehen gewesen. Von einem viertel bis halben Jahr Verzögerung spricht Ralf Eigenmann, Leiter der VBSG. Wegen Corona. Die Herstellerfirma Hess sei von Zulieferern abgeschnitten gewesen.

«Nicht schlimm, weil wir mit den Oberleitungen noch nicht so weit sind»,

sagt Stadtrat Peter Jans. Die neuen Busse sollen die Linien 3, 4 und 6 bedienen. Die Fahrleitung müsse dazu um eine «Handvoll Kilometer» ergänzt werden. Einsprachen verzögern jedoch die Arbeiten. «Wir haben nicht damit gerechnet, dass das so viel Zeit beansprucht», sagt Ralf Eigenmann.

«Ein gutes Gefühl»

Deshalb starten die neuen Busse nun auf Linie 2. Wegen der Sanierung der Gleichrichter Neudorf und Schlössli ist die Energieleistung auf einigen Abschnitten zu schwach für die bestehenden Trolleybusse. Die neuen Fahrzeuge können die Lücken mit Strom aus der Batterie überbrücken. Später kommen sie auch auf Linie 7 und 8 zum Zug. «Ein gutes Gefühl», fasst Ralf Eigenmann den gestrigen Tag zusammen. Zu Beginn als Leiter der VBSG habe er den Auftrag gefasst, die Flotte zu erneuern. Nun stelle er die nächste Flotte von Verbrennungs- auf Elektromotoren um. Ein grosses Ziel, das er sich gesetzt habe.

Ralf Eigenmann, Leiter VBSG.

Ralf Eigenmann, Leiter VBSG.

Bild: Michel Canonica
«Bis zu meiner Pensionierung in 3,5 Jahren werde ich es mit wenigen Ausnahmen erreichen.»

Sagt er und steigt feierlich in den neuen Batteriegelenktrolleybus. Das Fahrzeug macht eine Runde ums Depot, bügelt ab und ist dann Kulisse für die Schlüsselübergabe.

«Ein schönes Fahren ist das»,

sagt der Mann hinter dem Steuer und schmunzelt zufrieden. Die Passagiere werden wohl gleich denken wie er. Sofern sie genug Münz oder die Kreditkarte dabeihaben. Bei all dem Neuen fehlt nämlich etwas Altes im Bus: der Billettautomat, der Noten frisst.