Rorschacher Meister seines Fachs gibt Handwerk an Flüchtlinge weiter

Der Rorschacher Otto Vogel hat sich als Restaurator und Nachbauer historischer Fenster einen Namen gemacht. Nun bildet er anerkannte Flüchtlinge aus.

Herbert Bosshart
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Das Leben von Otto Vogel lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen: die Zeit vor und nach dem Jahr 2004. «Mit 59 Jahren erkrankte ich lebensbedrohlich», erklärt der gross gewachsene, heute 74-jährige Rorschacher. «Ich litt unter einem Verschluss der vorderen Halsschlagadern. Ein erster Eingriff war nicht erfolgreich.» Weiter sagt Vogel:

«Mein Leben hing noch an einem seidenen Faden. Ein Zürcher Spezialist rettete mir mit einer zweiten Operation das Leben.»

Heute zeugen nur noch zwei feine Narben seitlich am Hals davon. Die nur knapp überstandene, schwere Erkrankung war für Otto Vogel der Anlass, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Er verkaufte die Vogel Fensterbauer AG an die Davoser Firma Hansjörg Künzli AG. Kurze Zeit später zog er sich auch aus dem Verwaltungsrat zurück. Damit endete die «Zeit der drei Generationen Otto Vogel als Firma Vogel».

Drei Generationen Otto Vogel

Grossvater Otto Vogel hatte die Firma 1909 gegründet. Vater Otto Arthur Vogel baute den Handwerksbetrieb in der Nachkriegszeit zur erfolgreichen Schreinerei und Fensterbaufirma aus. Der mir gegenübersitzende Otto Louis Vogel übernahm dann im Jahr 1979 den florierenden Handwerksbetrieb und machte aus der «normalen» Schreinerei eine national und international bekannte Spezialfirma für Fenster vergangener Baustile mit um 30 Mitarbeitenden.

Otto Vogel junior ist ein echter Seebub. Am 7. Januar 1945 geboren, verbrachte er seine Kindheit mit zwei Schwestern in Rorschach. Die Berufslehre zum Schreiner absolvierte er bei Franz Wehle in St. Gallen, die Lehre zum Fensterbauer bei Heinrich Mettler ebenfalls in St. Gallen. Nach einem zweijährigen Aufenthalt im Welschland kehrte er mit 24 Jahren ins elterliche Geschäft zurück. Vier Jahre später wurde aus der Schreinerei Vogel die Firma Vogel & Sohn. Otto Vogel junior bildete sich im Abendstudium zum Schreinermeister weiter, absolvierte die Unternehmerschulung SJU in St. Gallen und übernahm 1979 das Geschäft definitiv. 1982 kaufte er die Rorschacher Schreinerei/Zimmerei Meyer Vaccani, 1991 erfolgte die Umwandlung in die Vogel Fensterbauer AG.

Fasziniert vom Historischen

«Fenster sind die Augen eines Hauses», schwärmt der Ästhetiker Otto Vogel. «Sie haben im Gesamtbild eines Gebäudes eine sehr wichtige Funktion, denn sie stellen den Übergang von draussen nach drinnen dar.» «Beim Restaurieren alter Fenster kam ich den Arbeitsweisen der mittelalterlichen Fensterbauer auf die Spur. Ich setzte mich mit den alten Techniken auseinander, lernte die früheren Konstruktionsarten kennen. Der in den Fenstern sicht- und fühlbare Zeitgeist faszinierte mich. Ebenso lernte ich viel über die Herstellung der Gläser sowie über die unterschiedlichen Formen und Profile der Fensterflügel.»

Im Gegensatz zu seinen Vorfahren konzentrierte sich Otto Vogel mit seiner Firma immer stärker auf den historischen Fensterbau und wurde als Fachmann für die Renovation oder den Ersatz von alten Fenstern hinzugezogen. Aufträge für Sanierung oder Nachbau von Fenstern in stattlichen Bürgerhäusern, Villen, Kirchen, Schlössern oder denkmalgeschützten Bauten nahmen seine Fachkompetenz in Anspruch. Vogel Fensterbauer AG widmete sich bald ganz der Marktnische «Nach- und Neubau alter Fenster». Vogel: «Dabei konnte ich meine Leidenschaft für den historischen Fensterbau in stilgetreuer Restauration umsetzen, samt Einbezug der modernen Technik wie Schall- und Wärmedämmung.»

Schon während seiner aktiven Geschäftstätigkeit war es Otto Vogel ein Bedürfnis, sein Wissen und die langjährige Erfahrung als Schreiner, Fensterbauer und Spezialist mit Führungen durch das Vogel-Fenstermuseum in Rorschach zugänglich zu machen. Ebenso hielt er Fachreferate am In­stitut für Denkmalpflege der ETH Zürich für Denkmalpfleger aus verschiedenen Kantonen, Architekten, Studenten und Bau­interessierte.

Elfmal als Ausbildner im Ausland

«Nach der Genesung hatte ich die Hände frei», sagt Otto Vogel heute. «Mein Interesse für andere Länder und für weniger privilegierte Menschen, meine Freude an fremden Sprachen konnte ich am einfachsten beim Weitergeben des Fachwissens sinnvoll einbringen.» Aber Vogel konnte auch sein handwerkliches Geschick weiter anwenden. So folgte er 2006 dem Ruf von Pfarrer Gerhard Schippert nach Haiti. «Der suchte dringend erfahrene Handwerker, die ihm beim Bau eines Hauses für das Nähschulprojekt seiner Frau halfen.» Mehrere Wochen arbeitete Otto Vogel im Karibikstaat Haiti als Handwerker auf dem Bau mit, schreinerte «mit einfachsten Mitteln» Türen und half beim Dachaufbau.

Zurück in Rorschach meldete sich Otto Vogel bei Swisscontact, der schweizerischen Stiftung für technische Zusammenarbeit, die erfahrene Handwerker für die Ausbildung junger Männer in Entwicklungsländer vermittelt. Insgesamt reiste Otto Vogel zehnmal für mehrere Wochen nach Afrika, wo er in Mali, Burkina Faso, Benin und Tansania «nicht als Tourist, sondern als Ausbildner» war und auf Französisch oder Englisch unterrichtete. Dabei kam er auch in den direkten Kontakt zur Bevölkerung.

Beim Projekt LernEtwas werden berufliche Erstkenntnisse und Fähigkeiten an anerkannte Flüchtlinge in Rorschach weitergegeben.

Beim Projekt LernEtwas werden berufliche Erstkenntnisse und Fähigkeiten an anerkannte Flüchtlinge in Rorschach weitergegeben.

Einsatz für den Verein LernEtwas

Aus aktuellem Anlass der wachsenden Immigration in der Schweiz gründete er vor zwei Jahren mit seinem Berufskollegen Toni Ziltener das Projekt LernEtwas. Die beiden vermitteln vor Ort anerkannten Flüchtlingen erste holzhandwerkliche Kenntnisse. Zusammen mit zwei Rorschacher Sekundarlehrerinnen bringen sie den jungen Männern im ehemaligen Stürm-Bürohaus an er der Mariabergstrasse in Rorschach Schreiner- und Deutschkenntnisse bei, damit in näherer Zukunft deren Integration ins Berufsleben möglich wird. Das Projekt Lern Etwas wurde 2018 mit dem St. Galler Integrationspreis «Goldener Enzian» ausgezeichnet.