Neuer Förderlehrgang in St.Gallen: Lücke für zukünftige Berufsmusiker schliesst sich

Ab August 2021 bereitet das Musikzentrum St.Gallen junge Erwachsene auf die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vor. Das sogenannte Precollege soll eine Lücke im Osten schliessen, die schon Bundesrat Alain Berset aufgefallen ist.

Diana Hagmann-Bula
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Gitarrespielen als Beruf: Wer davon träumt, kann sich ab August im Precollege St.Gallen auf die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereiten.

Gitarrespielen als Beruf: Wer davon träumt, kann sich ab August im Precollege St.Gallen auf die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereiten.

Bild: Chris Iseli/LTA

Unten nehmen am Freitagnachmittag Pendler den Zug ins Wochenende, oben im Bahnhofgebäude werden ab August 2021 musikalische Talente hart arbeiten. An ihrem Traum, Berufsmusikerin oder Berufsmusiker zu werden. Sie verbessern sich in Harmonielehre, in Gehörbildung, in Rhythmik und mit Vorspieltraining. So lauten die Theoriefächer, die im Precollege St.Gallen auf dem Stundenplan stehen werden. Dazu kommen Unterricht in Gesang oder Instrument, dem Hauptfach, sowie 25 Stunden individuelle Vorbereitung wöchentlich.

Der Lehrgang startet jeweils zu Schuljahresbeginn und endet mit den Frühlingsferien. Sein Ziel: Junge Erwachsene in den Bereichen Klassik, Rock/Pop/Jazz und Volksmusik auf die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereiten, ohne dass sie dafür nach Zürich oder in eine andere grosse Stadt pendeln müssen.

Daheim üben statt in einer fremden Stadt

Damit soll sich in der Ostschweiz eine Lücke schliessen in der Musikausbildung. Für Schüler gibt es die Musikschulen, für Gymnasiasten Kantonsschulen mit Musik als Schwerpunkt, für Erwachsene das Musikzentrum der Migros Klubschule. Dazwischen: nichts. Das hatte vor ein paar Jahren eine Analyse von Christian Braun ergeben, dem früheren Leiter des Musikzentrums. Seit 2016 führt er die städtische Musikschule. Stefan Schlegel, sein Nachfolger und jetziger Leiter des Musikzentrums, verfolgte das Projekt weiter. Schlegel sagt:

«Auch eine Arbeitsgruppe des Bundes unter Alain Berset kam zum Schluss, dass in der Ostschweiz im Gegensatz zu anderen Regionen ein Precollege fehlt.»

Schlegel reiste als 18-Jähriger regelmässig von Sevelen nach Winterthur, um sich für den Eintrittstest an der Musikhochschule fortzubilden, nahm sich damals ein Zimmer fern von daheim. «Das neue Umfeld kann Jugendliche aber vom Üben und ihrem Ziel ablenken. Ausserdem kann das die Eltern finanziell belasten», sagt er. Seit 2016 steht der Jazzposaunist dem Musikzentrum St.Gallen mit seinen 40 Lehrern und 350 Schülern vor. Ab Sommer leitet er auch das Precollege, das unter demselben Dach im dritten Stock Platz finden wird.

Gespräch entscheidet über Zulassung

Der Lehrgang wird ab fünf Teilnehmern durchgeführt. Schlegel geht von fünf bis zehn Interessierten aus. «Ein Musikstudium ist nicht der grosse Renner, gerade in Zeiten von Corona nicht, wo viele Auftritte wegfallen», sagt er. Wer wirklich von einem Leben als Berufsmusiker träume, lasse sich davon aber nicht abhalten. «Zumal ein Musikstudium vier bis sechs Jahre dauert. Dann haben wir Covid-19 hoffentlich im Griff.»

Der neun Monate dauernde Lehrgang kostet 3800 Franken. Wer nur Theorie belegt und etwa bei seinem bisherigen Lehrer Unterricht besucht, bezahlt 3000 Franken. Eine Fachjury, bestehend aus einem Theorie-, einem Fachlehrer sowie Leiter Stefan Schlegel, bestimmt, wer zugelassen wird. Schlegel sagt:

Stefan Schlegel leitet das Musikzentrum und bald auch das Precollege St.Gallen.

Stefan Schlegel leitet das Musikzentrum und bald auch das Precollege St.Gallen.

Bild: Archiv
«Uns war wichtig, dass es keine Aufnahmeprüfung vor der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule gibt.»

Die Fachjury werde im Gespräch herausfinden, wie gut es um Theorie und Praxis der Bewerber stehe.

Precollege als neuer Schub für Stiftung

Je nach Anmeldungen bietet Schlegel die passenden Lehrer auf. Er könne dabei auf den Pool an Unterrichtenden der gemeinnützigen Stiftung Musikakademie St.Gallen zurückgreifen. Ziel der Organisation: Im professionellen Bereich Musikangebote schaffen. Auf der Suche nach einer Trägerschaft hatte Schlegel zusammen mit Christian Braun die Gruppe angefragt. Man habe dankbar angenommen, sagt Co-Präsident Martin Schmidt.

«Auch um das Image der Stiftung zu stärken und ihr neuen Schub zu verleihen.»

Die gemeinnützige Stiftung Musikakademie St.Gallen war 1998 ins Leben gerufen worden. Unter anderem weil auch dem damaligen Bildungsdirektor des Kantons St.Gallen, Hans-Ulrich Stöckling, ein musikalisches Kompetenzzentrum östlich von Zürich vorschwebte, wie Schmidt sagt.

So spannten die evangelische und katholische Kirchenmusikschulen, die Musikschulen, die Jazzschule der Migros Klubschule sowie die Klassikabteilung der Stadt St.Gallen zusammen und koordinierten die Ausbildung im Musikbereich. «Doch dann setzte die Bologna-Reform dem Bündnis zu. Die Partner entwickelten sich mit ihren Ausbildungen in unterschiedliche Richtungen», sagt Schmidt. Heute gehören nur noch die Kirchenmusikschulen zur Musikakademie, im Stiftungsrat hingegen seien nach wie vor alle Parteien vertreten.

Bundesrat Alain Berset schreiben, dass sie es versucht haben

Noch sichere man mit Hilfe anderer Stiftungen die Anschubfinanzierung für die ersten drei Jahre, sagt Schmidt. Selbsttragend sei das Precollege ab neun, zehn Studierenden. Schmidt ist wie Schlegel zuversichtlich, dass das Precollege ein Erfolg sein wird. Für die Studenten, für die Lehrer. Schlegel sagt:

«Jugendliche zu begleiten, die wirklich üben und vorwärtskommen wollen, macht Spass.»

Was, wenn die Zahlen der Studierenden unter den Erwartungen bleiben? Dann müsse man sich überlegen, ob der Bedarf tatsächlich gegeben sei, sagt Schmidt. «Wenigstens haben wir es dann versucht. Und können Bundesrat Alain Berset schreiben: Wir waren dran.»

Christian Braun, der die Idee zum Precollege vor Jahren angestossen hat, freut sich über die Realisierung. Über einen «weiteren Baustein in der musikalischen Bildung», mehr «Chancengerechtigkeit für Ostschweizerinnen und Ostschweizer». Braun: «Wir werden in den städtischen Musikschulen jedenfalls die Flyer dazu auflegen.»