Neuer Bahnhofplatz für St.Gallen: Mit viel Fingerspitzengefühl an die Kante

Der neue St.Galler Bahnhofplatz ist seit bald drei Monaten in Betrieb. Für Busse und Postautos funktioniert die neu gestaltete Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs alles in allem zufriedenstellend. Kopfzerbrechen bereiten den Verkehrsbetrieben die erhöhten Haltekanten, die viele Schäden an den Stadtbussen verursachen.

Reto Voneschen
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Schwierige Anfahrt mit einem langen Bus: Beim Einparkieren auf dem Bahnhofplatz braucht's von Bus- und Postautochauffeuren aufgrund der hohen Randsteine an den Haltekanten viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Sonst drohen Schäden am Fahrzeug. (Bild: Benjamin Manser - 20. April 2018)

Schwierige Anfahrt mit einem langen Bus: Beim Einparkieren auf dem Bahnhofplatz braucht's von Bus- und Postautochauffeuren aufgrund der hohen Randsteine an den Haltekanten viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Sonst drohen Schäden am Fahrzeug. (Bild: Benjamin Manser - 20. April 2018)

Der St.Galler Hauptbahnhof und der Bahnhofplatz sind die grössten Drehscheiben des öffentlichen Verkehrs in der Ostschweiz. Hier sind täglich 80'000 Personen unterwegs; bis 2030 sollen es sogar 110'000 Reisende sein. Über den Bahnhofplatz rollen Tag für Tag bis zu 1700 Busse und Postautos. In den vergangenen fünf Jahren haben die SBB hier knapp 60, die Stadt weitere 22 Millionen Franken investiert.

Anfang September wurden Bahnhof und Bahnhofplatz offiziell wieder dem Betrieb übergeben. Heute, rund drei Monate später, zieht Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG), eine grundsätzlich positive Zwischenbilanz zum neu gestalteten Bahnhofplatz. Der erste Eindruck hat sich bestätigt: Für den öffentlichen Verkehr funktioniert der neue Bushof alles in allem.

Natürlich habe es Details gegeben, «an denen man schrauben musste», sagt Eigenmann. Und solche gebe es natürlich weiterhin. Es gehöre aber sowieso «zum Job der VBSG», die Situation im Auge zu behalten und ständig nach Optimierungsmöglichkeiten zu suchen. Ein weiterer Schritt in diese Richtung folgt in knapp einem Monat: Am 9. Dezember werden sich die Fahrgäste von Stadt- und Regiobus sowie Postauto noch einmal umgewöhnen müssen.

Orts- und Regionalverkehr wird entflechtet

Mit dem Fahrplanwechsel 2019 wird nicht nur der VBSG-Linienplan komplett umgemodelt, auch die Haltestellen auf dem Bahnhofplatz werden reorganisiert. Ziel ist eine Entflechtung von Orts- und Regionalverkehr. Wichtigster Schritt dabei ist die Zusammenfassung der Postautos (ausser dem «Engelburger») am Nordrand des Kornhausplatzes an den Haltekanten G und D.

Damit sollen sich Postautos und Stadtbusse im Gegensatz zu den heutigen «gemischten Haltestellen» nochmals weniger in die Quere kommen. So wird das Problem entschärft, dass einige Postautos immer noch eine längere Verweildauer auf dem Bahnhofplatz haben als die Stadtbusse. Ein anderes Ziel ist gemäss Ralf Eigenmann, dass Passagiere, die zu einer bestimmten stark frequentierten Haltestelle wie dem Kantonsspital wollen, dafür immer am ­gleichen Ort auf dem Bahnhofplatz einsteigen können, egal welche Stadtbus-Linie sie nehmen.

Platz verlangt Aufmerksamkeit und Toleranz

Natürlich gibt es auf dem umgebauten Bahnhofplatz aus Sicht der Verkehrsbetriebe auch Friktionen. Sicher eine Herausforderung für das Fahrpersonal sind gemäss VBSG-Unternehmensleiter Eigenmann die frei über den Platz laufenden Passantinnen und Passanten. Das sei aber für alle Verkehrsteilnehmer in jeder Begegnungszone so: «Wenn alle aufmerksam sind, aufeinander Rücksicht nehmen und Toleranz üben, funktioniert so eine Zone auch.»

Der neue Bahnhofplatz ist eine Begegnungszone, die man als Fussgänger frei begehen darf. Angesichts der vielen hier verkehrenden Busse und Postautos verlangt das allerdings viel Aufmerksamkeit. (Bild: Benjamin Manser - 12. Oktober 2017)

Der neue Bahnhofplatz ist eine Begegnungszone, die man als Fussgänger frei begehen darf. Angesichts der vielen hier verkehrenden Busse und Postautos verlangt das allerdings viel Aufmerksamkeit. (Bild: Benjamin Manser - 12. Oktober 2017)

Jedes andere Verhalten, etwa das Bedienen des Smartphones auf dem Weg quer über den Platz, sei auch gefährlich. Skeptisch steht Ralf Eigenmann einer Verstärkung der Fussgängerlenkung auf dem Platz durch bauliche Massnahmen gegenüber. Einmal widerspreche das der Idee der Begegnungszone. Zum anderen gefährde man damit eine der Qualitäten des neu gestalteten öffentlichen Raums, der gegenüber dem Zustand vor dem Umbau aufgeräumt und daher grosszügig wirke.

Erhöhte Haltekanten fordern die VBSG-Chauffeure

Ganz nahe am Problem: Der Balg, der das Gelenk eines Trolleybusses schützt, ist beim Unvorsichtigen Manövrieren am erhöhten Randstein einer Haltekante hängen geblieben. (Bild: Verkehrsbetriebe St.Gallen)

Ganz nahe am Problem: Der Balg, der das Gelenk eines Trolleybusses schützt, ist beim Unvorsichtigen Manövrieren am erhöhten Randstein einer Haltekante hängen geblieben. (Bild: Verkehrsbetriebe St.Gallen)

Eine echte Knacknuss für die VBSG-Chauffeure ist das Einparkieren entlang der Haltekanten. Je mehr Hindernisse im Weg stünden und je länger das Fahrzeug sei, desto schwieriger sei das Manövrieren entlang der Haltekanten. Zur Einhaltung des Behindertengleichstellungsgesetzes sind deren Randsteine heute nämlich 22 Zentimeter hoch.

Wenn ein Chauffeur zu stark einschlagen müsse, bestehe aufgrund der geringen Bodenfreiheit der Niederflurbusse die Gefahr, dass er mit dem Heck seines Fahrzeugs die Haltekante touchiere. Die Zahl der Schäden sei derzeit immer noch zu hoch. Dem Phänomen seien unter anderem viele Absenkschutzleisten an den beiden hintersten Türen der Busse zum Opfer gefallen, sagt Ralf Eigenmann.

«An sich ist das Ganze ein technisches Problem. Als Gegenmassnahme haben wir vorerst einmal alle Busse ‹höher eingestellt›, um die Schäden zu minimieren.»

Das Manövrieren auf dem neuen Bahnhofplatz sei für die Chauffeure «ein täglicher Kampf». Es brauche viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, damit einerseits keine Schäden am Fahrzeug entstünden, anderseits der Bus aber auch nahe genug an der Haltekante stehe, um ein wirklich hindernisfreies Ein- und Aussteigen zu gewährleisten.

Es wird langsam eng für den ÖV

Ein Fragezeichen macht VBSG-Unternehmensleiter Ralf Eigenmann zur Zukunft. Wenn das Angebot im öffentlichen Verkehr längerfristig so ausgebaut werde, wie das geplant sei, gehe irgendwann der Platz auf dem Bahnhofplatz aus.

An der Poststrasse stauen sich seit Inbetriebnahme des neuen Bahnhofplatzes die Busse, weil Postautos in Richtung Marktplatz nicht richtig einspuren können. Eine Umfahrungsmöglichkeit für dieses Nadelöhr ist die Bahnhofstrasse. Entsprechende Pläne sind aber noch nicht spruchreif. (Bild: Hanspeter Schiess - 6. Februar 2018)

An der Poststrasse stauen sich seit Inbetriebnahme des neuen Bahnhofplatzes die Busse, weil Postautos in Richtung Marktplatz nicht richtig einspuren können. Eine Umfahrungsmöglichkeit für dieses Nadelöhr ist die Bahnhofstrasse. Entsprechende Pläne sind aber noch nicht spruchreif. (Bild: Hanspeter Schiess - 6. Februar 2018)

Schon heute spüre man, dass es für den ÖV zwischen dem Brühltor und St.Leonhard eng geworden sei. Die Entlastung des Nadelöhrs Poststrasse sei künftig zwar über die Bahnhofstrasse möglich. Auf dem Marktplatz nähmen aber Stausituationen auch mit den Zügen der Appenzeller Bahnen je länger je mehr zu.