Neue Wildobst-Sammlung beim Botanischen Garten St.Gallen eröffnet: Superfood mit Wurzeln bis in die Steinzeit

Wildobst spielt heute bei der Versorgung der Schweiz kaum mehr eine Rolle. Eine Stiftung will die gesunden, züchterisch kaum veränderten alten Sorten wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. Mit einer Datenbank im Internet und der grössten Wildobst-Sammlung Europas.

Reto Voneschen
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Die Save-Foundation baut in St.Gallen und Mogelsberg die europaweit grösste Sammlung an Wildobst auf. Projektleiterin Waltraud Kugler und Wildobst-Fachmann Pavel Beco präsentieren am Freitag den Projektteil am Stephanshornweg im St.Galler Osten.

Die Save-Foundation baut in St.Gallen und Mogelsberg die europaweit grösste Sammlung an Wildobst auf. Projektleiterin Waltraud Kugler und Wildobst-Fachmann Pavel Beco präsentieren am Freitag den Projektteil am Stephanshornweg im St.Galler Osten.

Bild: Michel Canonica (25.6.2020)

Zugegeben, auf den ersten Blick macht die jüngste botanische Attraktion im Stephanshorn im St.Galler Osten wenig her. Die Hecken rund um die Spielwiese der Primarschule Oberzil sind höher und blühen intensiver als die Neupflanzung am Hang hinter der Grünfläche.

Für Botaniker, Naturschützer, Schleckmäuler oder Hauseigentümer, die Alternativen zu exotischen Ziersträuchern für ihren Garten suchen, ist die Wildobst-Sammlung am Stephanshornweg aber mit Sicherheit interessanter als die umliegenden Haselsträucher und Brombeergestrüppe. Die Save-Foundation liess hier in den vergangenen zwei Jahren 350 Sorten Wildobst pflanzen.

Das Projekt, das am Donnerstag von den Save-Verantwortlichen Martin Arnold, Waltraud Kugler und Pavel Beco vorgestellt wurde, ist einer von zwei Teilen der grössten Wildobst-Sammlung Europas. Während die Pflanzung in St.Gallen abgeschlossen, beschildert und für die Öffentlichkeit ab sofort zugänglich ist, wird an jener in Mogelsberg noch gearbeitet. Am Wanderweg zum Baumwipfelpfad werden rund 1000 Wildobst-Sorten versammelt.

In der Landwirtschaft ist die Vielfalt akut gefährdet

Die Save-Foundation setzt sich für die Artenvielfalt in der europäischen Landwirtschaft ein. Dazu gehört das Suchen und Erfassen alter Nutztierrassen und alter Nutzpflanzensorten. Heute sei die Vielfalt in der Landwirtschaft durch die Konzentration auf eine vergleichsweise kleine Zahl hochgezüchteter Rassen und Sorten akut gefährdet, sagte Waltraud Kugler am Donnerstag bei der Vorstellung der neuen Wildobst-Sammlung.

Die neue Wildobst-Sammlung neben der Spielwiese des Primarschulhauses Oberzil. Sie wird durch Stadtgrün, das ehemalige St.Galler Gartenbauamt, gepflegt.

Die neue Wildobst-Sammlung neben der Spielwiese des Primarschulhauses Oberzil. Sie wird durch Stadtgrün, das ehemalige St.Galler Gartenbauamt, gepflegt.

Bild: Michel Canonica (26.6.2020)

Für die künftige Ernährungssicherheit spielten sie aber eine wichtige Rolle. Dies, weil derzeit völlig offen sei, ob Hochleistungsrassen und Hochleistungssorten den Klimawandel mittel- und langfristig mitmachen könnten. Alte, züchterisch wenig veränderte Rassen und Sorten seien da robuster und anpassungsfähiger.

Noch unsere Grosseltern wussten über Wildobst Bescheid

Ein Beispiel für die verloren gegangene Vielfalt in der Landwirtschaft ist gerade auch das Wildobst. Es sei bei uns – anders als in Osteuropa – weitgehend vergessen gegangen und spiele heute in der Schweizer Landwirtschaft kaum mehr eine Rolle. Es eigne sich eben nicht für die maschinelle Ernte und jene von Hand sei in der Schweiz zu teuer, erklärte Waltraud Kugler.

Mit den Wildobst-Sammlungen im Kanton St.Gallen will die Save-Foundation das noch bei unseren Grosseltern weit verbreitete Wissen um diese «wertvolle Quelle für Vitamine und Mineralstoffe» wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. Zu den Pflanzungen gehört eine Datenbank im Internet, in der im Moment rund 2000 Wildobst-Sorten beschrieben sind.

Im Alleingang oder auf einer Führung entdecken

Die Wildobst-Sammlung am Stephanshornweg hinter dem Botanischen Garten und dem neuen Werkhof von Stadtgrün kann man ab sofort im Alleingang erkunden. Dies ist dank Infotafeln möglich. Mehr Spass macht’s natürlich in Begleitung eines Fachmanns wie Pavel Beco, der die praktische Seite der Pflanzung betreut und zu jeder Sorte eine Anekdote bereit hat, wie er am Donnerstag auf dem Medienrundgang bewies.

Die mit Maschinen pflückbare Aronia-Beere ist eine der wenigen Wildobst-Sorten, die auch in der Schweiz angebaut werden. Derzeit sind damit rund 50 Hektaren bepflanzt. Die sehr gesunde Beere ist damit ein Nischenprodukt.

Die mit Maschinen pflückbare Aronia-Beere ist eine der wenigen Wildobst-Sorten, die auch in der Schweiz angebaut werden. Derzeit sind damit rund 50 Hektaren bepflanzt. Die sehr gesunde Beere ist damit ein Nischenprodukt.

Bild: Kenneth Nars (25.7.2018)

Für Beco ist Wildobst aufgrund seiner Qualität «Superfood» mit Wurzeln zurück bis zu unseren Steinzeit-Vorfahren. Teils wird es heute in Reformhäusern teuer verkauft. Ein Beispiel ist die Goji-Beere: Für 150 Gramm aus ausländischer Produktion legt man leicht zehn Franken hin. Wobei die Wenigsten noch wissen, dass man die gleiche Beere etwa in einer alten Hecke in Appenzell gratis pflücken könnte. Einfach unter dem kaum mehr jemandem bekannten Namen Bocksdorn.

Zur Datenbank über Wildobst geht's im Internet unter wildobst.info