«Neue Ideen stossen oft auf Widerstand» - Wittenbachs Gemeindepräsident Oliver Gröble über seine ersten Monate im Amt

Seit gut 100 Tagen ist Oliver Gröble Wittenbachs Gemeindepräsident. Er spricht über seinen Führungsstil, die Komplexität des Baurechts und die ganz grosse Frage für Wittenbach.

Interview: Adrian Lemmenmeier
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«Die Leute sind das Wesentliche bei dieser Arbeit» – Oliver Gröble in seinem Büro. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

«Die Leute sind das Wesentliche bei dieser Arbeit» – Oliver Gröble in seinem Büro. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Sie sind seit gut drei Monaten Gemeindepräsident. Was hat Sie am neuen Job am meisten überrascht?

Oliver Gröble: Wie vielseitig diese Arbeit ist. Die Bandbreite ist gross: Soziale, wirtschaftliche, planerische Themen kommen auf einen zu. Ausserdem ist man sowohl auf strategischer als auch auf operativer Ebene tätig.

Gibt es eine spezielle Situation, an die Sie sich erinnern?

Die gibt es. Es ist ein Mann auf die Gemeinde gekommen, der aus eigenem Antrieb Abfall einsammelt. Er fragte, ob ihn die Gemeinde dabei unterstütze. Ein schönes Beispiel für Eigeninitiative. Wir haben dem Mann dann Abfallsäcke vom Werkhof zur Verfügung gestellt.

Sie haben einen ehrenamtlichen Müllmann engagiert ...

...die Geschichte zeigt im Kleinen, wie man mit wenigen Mitteln Eigeninitiative fördern kann, wenn man den Leuten zuhört.

Was haben Sie in den ersten 100 Tagen als Gemeindepräsident erreicht?

Einiges. Für mich war es wichtig, die Leute kennenzulernen, in der Verwaltung aber auch ausserhalb. Ich war an vielen Versammlungen, habe die Vereine kennengelernt. Auch habe ich 15 Besuche bei Unternehmen vereinbart, ebenso ein monatliches Treffen mit der Schulgemeinde. Dazu habe ich die Bürgersprechstunde «offenes Ohr» eingeführt.

Sie haben Ihre Amtszeit mit einer Auszeit begonnen. Wie hat eigentlich der Gemeinderat darauf reagiert?

Ich habe das Präsidium einen Monat später angetreten, das ist richtig. Dieser Monat war aber keine Auszeit. Ich war damals ein Teil der Verwaltung als Beobachter. Mir war es wichtig, die Mitarbeiter und die Prozesse kennenzulernen – und zwar, bevor ich vom Tagesgeschäft eingenommen werde. Das hat den Einstieg im Februar einfacher gemacht. Mir war klar, dass das neue Amt viel Arbeit mit sich bringt.

Wie viel arbeiten Sie denn im Moment?

Viel. Ich arbeite immer auch am Wochenende, wenn auch nicht den ganzen Tag. Unter der Woche bin ich vor 8 oder 9 Uhr abends nicht zu Hause.

Wie schaffen Sie einen Ausgleich?

Ausgleich finde ich am Mittag. Als ich noch beim Kanton arbeitete, konnte ich mittags nicht nach Hause gehen. Jetzt sehe ich meine Familie am Mittag und kann auch mal meiner Tochter bei den Hausaufgaben helfen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich höre viel zu und will anhand einer sachlichen Grundlage gute Entscheide fällen. Mir sind aber auch die Mitarbeiter wichtig. Denn die Leute sind das Wesentliche bei dieser Arbeit.

Können Sie sich auch durchsetzen, wenn es mal Widerstand gibt?

Ja, das kann ich. Neue Ideen stossen oft auf Widerstand. Mit der Sprechstunde oder der Neugestaltung der Bürgerinformation habe ich neue Formate eingebracht, die ich erst durchsetzen musste. Das braucht auch Fingerspitzengefühl.

Wenige Wochen nach Ihrem Antritt mussten Sie die Abstimmung über den Teilzonenplan Betten Süd II absagen. Damals sagten Sie, bevor man einen neuen Plan auflegen könne, müsse sich die Gemeinde für das neue Baurecht fit machen. Wie fit ist die Gemeinde heute?

Es ist so: Alle Gemeinden haben den Auftrag, ihre Ortsplanung aufgrund des neuen kantonalen Baugesetzes zu aktualisieren. Da gibt es eine Übergangsfrist von acht Jahren. Als ersten Schritt mussten die Gemeinden ein Innenentwicklungskonzept erarbeiten. Das von der Gemeinde Wittenbach liegt seit acht Monaten beim Kanton zur Vorprüfung. Wir warten auf dieses Papier, gleichzeitig treiben wir andere Themen voran.

Welche?

Zum Beispiel müssen wir die Leute für die innere Verdichtung sensibilisieren. Wir wollen ihnen zeigen, welche Möglichkeiten die heutige Raumplanung bietet. Im Juni ist eine Veranstaltung zum Thema Raumentwicklung für Unternehmer geplant. Es geht darum, die Spielregeln des Kantons, die Möglichkeiten der Gemeinde und die Erwartungen der Unternehmer aufzuzeigen.

Der rechtliche Rahmen für Bauprojekte ist komplexer geworden. Ist Wittenbach dafür juristisch ausreichend gerüstet?

Die Gemeinden sind bei komplexen Projekten juristisch stark gefordert. Das hat man am Beispiel Betten Süd gesehen. Alles wird vielschichtig; Gesetze überlagern sich. Ich glaube, es ist ein Problem aller Gemeinden: Wie kann ich mich juristisch in Zukunft besser wappnen? Wie kann man juristisches Wissen früher einbringen? Meine Idee ist, dass wir mit anderen Gemeinden zusammensitzen und schauen, wie man solche Probleme gemeinsam lösen könnte.

Sie wohnen selber im Betten-Quartier. Fühlen Sie sich bei diesem Projekt eigentlich befangen?

Nein, in keiner Weise.

Welche Herausforderungen kommen sonst auf Wittenbach zu?

Ende Juni entscheidet die Bevölkerung an der Urne über die Neugestaltung der Grüntalstrasse. Aber die ganz grosse Frage ist natürlich: Wie will sich Wittenbach in Zukunft positionieren?

Wie würden Sie diese Frage beantworten?

Wir haben die Vision 2030 bereits verabschiedet. Jetzt geht es darum, konkreter zu werden, Prioritäten zu setzen. Wir werden eine Art Gemeindeentwicklungskonzept ausarbeiten. Ziel ist es, ein Papier zu haben, das für die Ortsplanung relevant ist.

In anderthalb Wochen leiten Sie Ihre erste Bürgerversammlung. Was wird anders sein als unter Ihrem Vorgänger?

An der Bürgerversammlung bin ich an einen formellen Rahmen gebunden. Sie wird also nicht anders sein als bisher. Die Vorversammlung haben wir aber anders gestaltet. So haben zum Beispiel die zuständigen Gemeinderäte über ihre Dossiers informiert – es hat nicht nur der Gemeindepräsident gesprochen.