«Neue Gebote Vol2.»: Riklin-Brüder überführen Sandsteintafeln in einer Guerilla-Aktion von St.Gallen nach Zürich

Zehn Tage lang haben die Riklin-Brüder vor dem St.Galler Kloster an ihren «Neuen Geboten Vol.2» gearbeitet. Die zehn Sandsteintafeln wurden am Donnerstagmorgen in einer «Neo-Guerilla-Aktion» nach Zürich überführt. Dort werden sie im Schanzengraben versenkt. Ganz legal ist das nicht.

Christa Kamm-Sager
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Bilder: Ralph Ribi

Wird alles so klappen wie geplant? Ein bisschen Krimi ist dabei bei der neusten Aktion der Konzeptkünstler Riklin. Wie könnte es anders sein. Am frühen Donnerstagmorgen versammeln sich Patrik und Frank Riklin mit ihren acht Helferinnen und Helfern vor dem Kloster St.Gallen, dort, wo sie zehn Tage lang ihre neu definierten Gebote in Stein gemeisselt haben.

Die 100 Kilogramm schweren und 90 x 60 Zentimeter grossen Tafeln sind auf zehn Hubkarren fixiert, parat für den Transport – per Zug – an ihren Bestimmungsort in Zürich, mitten im Finanzdistrikt, einen Steinwurf entfernt vom Paradeplatz. Das ist weder bewilligt noch angefragt. Auch der Transport mit der SBB ist eine «Neo-Guerilla-Aktion».

Mit Sackkarren über die Pflastersteine

Der Tross setzt sich in Bewegung Richtung Bahnhof. Ruhig rollen die Sackkarren mit den schweren Tafeln über die Pflastersteine der Rosen-, Schmied- und Multergasse. Um diese Zeit gibt es weder viele Schaulustige noch sonst viel Aufhebens um den nicht alltäglichen Transport. Die St.Galler kennen ihre Riklins und deren verrückte Aktionen. Am Bahnhof löst sich die Gruppe auf, um sich auf die verschiedenen Waggons aufzuteilen und einzeln in den Schnellzug nach Zürich zuzusteigen. Den Sackkarren mit der besonderen Fracht behandeln sie dabei einfach wie einen etwas schwer geratenen Rollkoffer.

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Bild: Raphael Rohner

«Gebote, die uns ausmachen»

3500 Jahre alte Gebote neu schreiben – weshalb? «Es ist eine Kunstaktion in der Schnittstelle zwischen Kunst, Philosophie und Wirtschaft», halten die Brüder Riklin, die sich selber als Stadtratten bezeichnen, die im Untergrund arbeiten, in einer Mitteilung fest. «Es sind Gebote, die wir verinnerlicht haben und die uns ausmachen», sagt Patrik Riklin. Es ist nicht so, dass die bestehenden zehn Gebote für sie an Gültigkeit verlieren würden, doch nach 3500 Jahren denken die beiden St.Galler «Artonomisten» – ein Begriff, den sie selber geprägt haben – einen Schritt weiter. Ihre neuen Gebote sind in Englisch in Stein gemeisselt, weil das die Sprache sei, die man überall verstehe. In ihrem Verständnis gehören die Tafeln nach Zürich, weil dort das Herz der Finanzwelt ist, aber auch, weil der Auftraggeber der Kunstaktion ein Zürcher Blockchain-Startup ist. Im Wasser, mit Schrift nach oben, sollen sie dort zum Nachdenken anregen. «Ein Gesuch für die Versenkung der Tafeln haben wir nicht gestellt», sagt Patrik Riklin.

«Wir sind mit sehr vielen Passanten ins Gespräch gekommen während der zehn Tage unserer Arbeit vor dem Kloster», so Patrik Riklin. Auch Pfarrer hätten sich nicht gescheut, sich mit ihrer Arbeit positiv auseinanderzusetzen. Viele hätten dabei bedauert, dass die Tafeln nach Zürich gebracht werden.

«Wer weiss, vielleicht holen wir sie irgendwann zu uns nach St.Gallen zurück.»
Bahnhofstrasse Zürich.

Bahnhofstrasse Zürich.

Bild: pd
Die Tafeln sind am Bestimmungsort beim Schanzengraben angekommen...

Die Tafeln sind am Bestimmungsort beim Schanzengraben angekommen...

Bild: pd
...und sind im Wasser versenkt, bleiben aber gut sichtbar.

...und sind im Wasser versenkt, bleiben aber gut sichtbar.

Bild: pd

Die «Zehn Gebote Vol. 2»

  • I. Believe in the urgency of your thoughts. (Glaube an die Dringlichkeit deiner Gedanken.)
  • II. Trust insanity and question the conventional. (Vertraue dem Wahnsinn und stelle das Konventionelle in Frage.)
  • III. Break in so others can break out. (Breche ein, damit andere ausbrechen können.)
  • IV. Venture into new territories and surprise yourself. (Wage dich in neue Gebiete vor und lass dich überraschen.)
  • V. Create new realities and make them happen. (Schaffe neue Realitäten und mache sie möglich.)
  • VI. Be convinced and you will not need courage. (Sei überzeugt und du wirst keinen Mut brauchen.)
  • VII. Endure criticism as it drives discourse. (Ertrage Kritik, wenn sie den Diskurs antreibt.)
  • VIII. Accept antagonism as it is a sign that something new is happening. (Akzeptiere den Gegensatz als Zeichen dafür, dass etwas Neues passiert.)
  • IX. Do not look for customers find accomplices. (Suche nicht nach Kunden, finde Komplizen.)
  • X. Keep processes going even if they seem to end. (Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu enden scheinen.)

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