Naturschutz
«Die Fische dürfen getrost und ohne Angst dem Bauen zusehen»: Das Naturparadies im St.Galler Industriegebiet wird saniert

Gänsesäger, Bekassine, Brautente – der Bildweier in St.Gallen-Winkeln ist ein Rückzugsort für selten gewordene Vogelarten. Jetzt fahren Baumaschinen auf, Büsche und Bäume werden gerodet. Der Damm muss saniert werden. Doch das Kleinod zwischen Autobahn und Industrieareal wird dadurch aufgewertet.

Julia Nehmiz
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Stadion, Shoppingcenter und Industriegebiet in St.Gallen-Winkeln, mittendrin liegt der Bildweier, ein Enten- und Vogelparadies.

Stadion, Shoppingcenter und Industriegebiet in St.Gallen-Winkeln, mittendrin liegt der Bildweier, ein Enten- und Vogelparadies.

Bild: Ralph Ribi

Vorne dröhnt die Zürcher Strasse, hinten rauscht Verkehr, irgendwo rattern Maschinen. Wilfried Harringer hält den Feldstecher vor die Augen, blendet den Krach aus. «Da, am Baumstamm, sehen Sie? Ein Kleiber.» Unter einem Ast entdeckt er eine Sumpfmeise. Distelfinken fliegen auf, acht Stück, zählt Harringer schnell. Sie lärmen in der kahlen Baumkrone. Weiter hinten, am anderen Ufer, steht ein Graureiher im flachen Wasser.

Ein Bijou sei der Bildweier, sagt Harringer. Mitten in St.Gallen-Winkeln, eingeklemmt zwischen Shoppingcenter, Autobahnzubringer, Industrie und Wohngebiet, liegt eine Oase. Unscheinbar. Wer nicht genau hinsieht, fährt schnell vorbei, denn: Ein kleines Gewässer wirkt eher wie ein Tümpel als ein See, alte kahle Bäume, Gestrüpp und dann noch eingezäunt. Ans Wasser kommt man gar nicht. Das ist gut so, sagt Hobbyornithologe Wilfried Harringer. Die Tiere brauchen einen Rückzugsort.

Marcel Spielmann, Fachspezialist Wasserbau beim Tiefbauamt der Stadt St.Gallen.

Marcel Spielmann, Fachspezialist Wasserbau beim Tiefbauamt der Stadt St.Gallen.

Bild: Urs Bucher

Dieser wird jetzt kurzzeitig noch kleiner: Das Naturschutzgebiet Bildweier wird saniert und dadurch aufgewertet, wie das Tiefbauamt der Stadt St.Gallen schreibt. Der Damm ist undicht, er bekommt eine neue Dichtwand, sagt Marcel Spielmann, Fachspezialist Wasserbau beim Tiefbauamt der Stadt St.Gallen.

Künftig wird es aus dem Bildweier keinen unterirdischen Abfluss mehr geben, sondern ein «offenes Auslaufbauwerk»: einen Bach. Normalerweise fliessen 15 Liter pro Sekunde aus dem Bildweier ab. Gemäss Hochrechnung könnten aber bei einem 300-Jahre-Hochwasser bis zu 5800 Liter pro Sekunde ablaufen – das entspricht zwölf Badewannen pro Sekunde. Ein offenes Gerinne sei auch hinsichtlich Hochwasserschutz besser geeignet, sagt Spielmann.

1999 wurde der Damm des Bildweiers überströmt

Man stutzt: Hochwasser? Hier? Der Bildweier sei ein wichtiger «Wasserrückhalteweiher». Bei Hochwasser werde das Wasser ab einem gewissen Wasserstand in den Bildweier geleitet.

«Bisher wurde der Bildweier durch den Walkebach und durch Grundwasser gespiesen», sagt Spielmann. Um zukünftig weniger nährstoffreiches Wasser aus dem Walkebach zu erhalten, wird der Zufluss gedrosselt, sodass das Algenwachstum reduziert und somit die Wasserqualität erhöht wird.

Der unterirdische «Stöpsel» des Bildweiers wird einem offenen, überirdischen Abfluss weichen.

Der unterirdische «Stöpsel» des Bildweiers wird einem offenen, überirdischen Abfluss weichen.

Bild: Ralph Ribi

Wegen verstopfter Abläufe überströmte am 13. Mai 1999 das Wasser den Damm. Durch den neuen Bach soll dies in Zukunft verhindert werden.

Der Damm wurde vor 180 Jahren gebaut, sagt Spielmann.

«Die Menschen damals hatten noch nicht die heutigen Errungenschaften wie Bagger oder Lastwagen. Mit einfachsten Mitteln und mit Material aus der Umgebung wurde ein Damm geschüttet.»

Das verwendete Material war nicht geeignet, und es fehlte ein gutes Dammfundament. 2014 wurde bei Messungen festgestellt, dass der Damm nicht mehr dicht ist. «Es besteht kein unmittelbares Risiko, dass der Damm bricht», sagt Spielmann. Aber die Stadt habe hier eine Werkhaftung: Sie haftet, sollte es zu Schäden kommen.

Der Rastplatz am Dammweg: Während der Bauarbeiten am Bildweier wird der Dammweg gesperrt.

Der Rastplatz am Dammweg: Während der Bauarbeiten am Bildweier wird der Dammweg gesperrt.

Bild: Ralph Ribi

Ab Montag beginnen die Rodungsarbeiten. Der Dammweg und der Kräzernweg werden dafür fünf bis acht Tage gesperrt. «Gerodet wird nur, was nötig ist», sagt Spielmann. Zudem werden kranke Eschen gefällt. Einige Bäume werden als sogenannte Raubäume direkt in den Bildweier gefällt. Dies erhöhe die Strukturvielfalt für die Fische im Weiher. Im Anschluss an die Bauarbeiten würden mit Neupflanzungen die Rodungen mehr als ausgeblichen, sagt Spielmann.

Das Wasser muss für die Bauarbeiten nicht abgelassen werden

Für die Bauarbeiten am Damm müsse das Wasser nicht abgelassen werden. «Da wir in Zukunft auf den Grundablass, also den Stöpsel in der Badewanne, verzichten und das Auslaufbauwerk auf Niveau des normalen Wasserstandes errichten, wird der Damm für die Bauarbeiten vom Wasser abgeschirmt», sagt Spielmann.

«Die Fische dürfen getrost und ohne Angst dem Bauen zusehen.»

Die eigentlichen Bauarbeiten beginnen frühestens im Mai und dauern rund ein halbes Jahr. Die Kosten belaufen sich auf rund zwei Millionen Franken, sie werden vor allem durch die Stadt getragen. Die Bachoffenlegung wird vom Kanton mitfinanziert. Die Arbeiten tragen nicht nur zur Sicherheit bei, sondern würden auch die Artenvielfalt steigern.

Enten, Vögel, Fische und Amphibien: Der Bildweier ist ein Schutzgebiet.

Enten, Vögel, Fische und Amphibien: Der Bildweier ist ein Schutzgebiet.

Bild: Ralph Ribi

Das erhofft sich auch Hobbyornithologe Wilfried Harringer. Im Elektrorollstuhl fährt der pensionierte Hausarzt auf dem Weg um den Bildweier, der Feldstecher in der Hand. Später wird er auf der Website ornitho.ch seine Beobachtungen eintragen, unter anderem: 65 Lachmöwen, 1 Brautente, 6 Gänsesäger, 1 Zaunkönig, 6 Sumpfmeisen. Mitten im Industriegebiet fühlen sich die seltenen, scheuen Vögel wohl. «Es ist ein kleines Bijou», sagt Harringer. Und doch gross genug, dass sich die Tiere während der Bauarbeiten zurückziehen könnten. Wenn alles fertig ist, soll es noch schöner werden.