Nadelöhr
Startschuss für Mammutprojekt: Das grosse Bauen an der St.Galler Stadtautobahn kann definitiv beginnen

Das Bundesverwaltungsgericht gibt einer Beschwerde gegen die 500-Millionen-Sanierung keine aufschiebende Wirkung. Der VCS-Präsident warnt derweil vor einem drohenden Verkehrskollaps.

Sandro Büchler
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Zwischen Winkeln und dem Sitterviadukt starten im Juli die Bauarbeiten für die rund sechs Jahre dauernde Sanierung der Stadtautobahn.

Zwischen Winkeln und dem Sitterviadukt starten im Juli die Bauarbeiten für die rund sechs Jahre dauernde Sanierung der Stadtautobahn.

Bild: Tobias Garcia (5. Januar 2021)

In diesem Sommer geht es los. Voraussichtlich im Juli starten die Bauarbeiten für die Erneuerung der Stadtautobahn zwischen Winkeln und Neudorf. Zuletzt hatte eine Beschwerde den Start des Mammutprojekts, das von Mitte 2021 bis 2027 dauern wird, in Gefahr gebracht. Denn im September wurde gegen Teile des Projekts Beschwerde eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht hat nun aber entschieden, dass die Einsprache keine aufschiebende Wirkung auf das Gesamtprojekt hat. Sprich: Es kann definitiv gebaut werden.

Julian Räss, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra).

Julian Räss, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra).

Bild: PD

Julian Räss, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra), ist froh, dass nun die nicht von der Beschwerde betroffenen Teile der Plangenehmigungsverfügung nach dem Entscheid rechtskräftig sind. Die Beschwerde laufe aber weiter, sagt Räss.

«Da diese nicht Hauptbestandteil des Bauprojekts ist, gab das Bundesverwaltungsgericht für alle übrigen Teile des 500 Millionen Franken teuren Instandsetzungsprojekts grünes Licht.»

Zankapfel ist das Dreckwasser

Die im September gegen die Plangenehmigungsverfügung eingegangene Beschwerde richtet sich spezifisch gegen drei der vier geplanten Standorte für eine Strassenabwasser-Behandlungsanlage (SABA).

Diese werden auf stark befahrenen Autobahnen und anderen Strassen eingerichtet. Sie filtern das wegfliessende Regenwasser der Fahrbahn. «Denn das durch Pneuabrieb und weitere Schadstoffe verschmutzte Abwasser der Strassen muss erst gereinigt werden, bevor es in die Gewässer fliesst», sagt Astra-Sprecher Julian Räss. Eine solche Anlage besteht meist aus einem Becken aber auch aus moor-ähnlichen Biotopen samt Schilf.

Ab 2022 wird Tag und Nacht gebaut

Nachdem in den vergangenen zwei Jahren bereits erste Vorarbeiten realisiert wurden, geht es also wie geplant in den Sommerferien so richtig los. In der ersten Etappe werden die Fahrbahn, ein Grossteil der Brücken und Stützmauern sowie der Tunnel Stephanshorn im Osten von St.Gallen saniert. Müssen bei diesen Bauarbeiten Fahrspuren gesperrt werden, finde dies gemäss dem Astra grundsätzlich in der Nacht statt.

Die Nagelprobe folgt 2022, wenn auch tagsüber gebaut wird. Die Bauarbeiten konzentrieren sich dann auf das Herzstück der Autobahn, auf den Abschnitt Sitterviadukt bis Neudorf. Gleichzeitig wird beim Ostportal des Rosenbergtunnels die Autobahn überdeckt. Darauf bauen die Olma-Messen die neue Halle 1.

Das Ostportal des Rosenbergtunnels: Hier wird die Autobahn überdeckt. Darauf bauen die Olma-Messen eine neue Halle als Ersatz für die in die Jahre gekommene und bereits abgebrochene Halle 1.

Das Ostportal des Rosenbergtunnels: Hier wird die Autobahn überdeckt. Darauf bauen die Olma-Messen eine neue Halle als Ersatz für die in die Jahre gekommene und bereits abgebrochene Halle 1.

Bild: Ralph Ribi (3. September 2020)

In der zweiten Bauetappe, die voraussichtlich 2024 startet, werden die Tunnel Rosenberg, Schoren und St.Fiden saniert. Gemäss dem Astra erfordern diese Arbeiten die Sperrung von Tunnelröhren und werden deshalb mehrheitlich nachts ausgeführt. 2027 sollen die Bauarbeiten mit der Instandsetzung der Knotenbereiche bei den Anschlüssen abgeschlossen werden.

TCS besorgt über Verkehr in der Stosszeit

Die Stadtautobahn stösst heute an ihre Kapazitätsgrenzen – insbesondere während der Spitzenstunden am Morgen und am Abend werden diese auch überschritten. Geschieht ein Unfall und muss deshalb eine Spur oder gleich eine ganze Tunnelröhre gesperrt werden, kollabiert der Verkehrsfluss. Da die Autofahrer durch das Stadtzentrum auszuweichen versuchen, stauen sich die Fahrzeuge auch dort und der Verkehr kommt ebenfalls zum Erliegen.

Oskar Seger, Interimspräsident der Regionalgruppe St.Gallen und Umgebung des Touring Clubs Schweiz (TCS).

Oskar Seger, Interimspräsident der Regionalgruppe St.Gallen und Umgebung des Touring Clubs Schweiz (TCS).

Bild: Ralph Ribi (21. Oktober 2020)

Für Bund, Kanton und Stadt ist deshalb unbestritten, dass die Stadtautobahn dringend saniert werden muss. Sie hat eine Betriebszeit von über 30 Jahren auf dem Buckel. «Ich bin extrem froh, dass man nun keine Zeit verliert und rechtzeitig mit der Sanierung des St.Galler Nadelöhrs loslegen kann», sagt Oskar Seger, Interimspräsident der St.Galler Regionalgruppe des Touring Clubs Schweiz (TCS). Denn die Bauarbeiten folgten einem sportlichen Fahrplan.

«Die Stadtautobahn ist die Aorta der Stadt.»

Sorgen macht sich Seger deshalb, wenn 2022 bis 2024 Tag und Nacht und bei fliessendem Verkehr an der Autobahn gearbeitet wird. In dieser Zeitspanne sei es deshalb entscheidend, dass in den Stosszeiten der Verkehr reduziert und eine Überlastung verhindert werde. Dieses Ziel verfolgt auch das Astra. Das Bundesamt plädiert für eine Senkung der Autofahrten um zehn Prozent und wird eine Informationskampagne starten.

«Um die Spitzen zu brechen und eine Verkehrsüberlastung zu verhindern, sind alle gefragt», sagt Bauingenieur und FDP-Stadtparlamentarier Seger. Private, wie auch Unternehmen in der Region müssten am gleichen Strick ziehen, um den Kollaps während der Bauzeit zu verhindern.

«Ich bin aber nicht sicher, ob bereits alle Betroffenen wissen, was auf sie zukommt.»

VCS findet klare Worte

Deutlicher wird Ruedi Blumer, Präsident des Verkehrsclub der Schweiz (VCS). Die Gesamterneuerung der Stadtautobahn sei richtig. Sie sei aber auch eine Chance, das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung dauerhaft zu ändern. «Diese Chance hat St.Gallen bisher leider ungenutzt verstreichen lassen.»

Ruedi Blumer, Präsident des Verkehrsclubs Schweiz (VCS).

Ruedi Blumer, Präsident des Verkehrsclubs Schweiz (VCS).

Bild: Benjamin Manser (16. September 2020)

Viele würden nur kurze Distanzen mit dem Auto zurücklegen. «Ein Grossteil der Autofahrten in St.Gallen beträgt keine fünf Kilometer – dafür kann man doch das Velo, den Bus oder die S-Bahn nehmen», sagt der Gossauer Politiker.

Um die Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen, brauche es eine entsprechende ÖV- und Veloinfrastruktur.

«Aber punkto Velowege ist St.Gallen eine Katastrophe.»

Auch die seit Jahren angekündigte Veloschnellstrasse von Ost nach West sei noch in weiter Ferne, sagt Blumer. Er vergleicht: In Winterthur mache der Veloverkehr inzwischen 16 Prozent aus. «In St.Gallen benützen gerade einmal vier Prozent der Verkehrsteilnehmer das Velo – viermal weniger.»

St.Gallen müsse dringend ein besseres Angebot für Zweiräder, aber auch für Busse und S-Bahnen schaffen. Nur dies bringe die Leute vom Auto weg und verhindere den Verkehrskollaps, wenn die Stadtautobahn ab 2022 tagsüber saniert wird. «Eine blosse Infokampagne reicht bei weitem nicht!»

Der VCS-Präsident will die Unternehmen, aber auch die Verwaltungen von Gemeinden und Kanton in die Pflicht nehmen.

«Sie müssen aufhören, ihren Mitarbeitenden kostenlose Parkplätze zur Verfügung zu stellen.»

Blumer zählt auf: «Parkplätze streichen oder massiv verteuern. Die Firmen können sich an den Kosten für ein ÖV-Billett beteiligen oder stellen ihren Mitarbeitenden Velos zur Verfügung.» Gerade jetzt müsse auch der Homeoffice-Ansatz viel stärker in Erinnerung gerufen werden – über Corona hinaus. «Homeoffice statt Autofahren», so Blumers Credo.