Nachtleben
«Wir gehen schwer davon aus, dass es im Herbst weitergeht»: Die St.Galler Clubbetreiber hoffen, bald wieder Luft schnappen zu können

Die Corona-Zwangspause zwingt den Hiltl-Club in Zürich nach 14 Jahren in die Knie. Das gibt auch in der St.Galler Partyszene zu reden. Beginnt auch hier das grosse Clubsterben?

Rosa Schmitz
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Das Bedürfnis, wieder in den Ausgang und an Veranstaltungen zu gehen, ist auf jeden Fall da, sagen St.Galler Clubbetreiber.

Das Bedürfnis, wieder in den Ausgang und an Veranstaltungen zu gehen, ist auf jeden Fall da, sagen St.Galler Clubbetreiber.

Symbolbild: Getty Images

Nach wie vor ist völlig unklar, wann in der Schweiz die Clubs wieder öffnen können. Darum ist mit Schliessungen zu rechnen. Wie viele, das ist unklar. Aber einige Einrichtungen haben bereits ihr Ende erreicht. Darunter der weit über die Zürcher Stadtgrenzen hinaus bekannte Hiltl-Club. Er schloss vergangene Woche nach 14 Jahren für immer seine Türen. Nach dem «P1» in Dübendorf und dem Halligalli-Lokal «Mausefalle» ist das «Hiltl» der dritte Club in der Region Zürich, der wegen Corona dichtgemacht hat. In der Stadt St.Gallen hat das grosse Clubsterben noch nicht begonnen. Aber ob das Glück hält?

Fabian Mösch, Co-Leiter des «Palace».

Fabian Mösch, Co-Leiter des «Palace».

Bild: Benjamin Manser

Das «Palace» an der Zwinglistrasse 3 hat sich bis jetzt gut geschlagen. «Wir sind vergleichsmässig sehr privilegiert», sagt Co-Leiter Fabian Mösch. Für die rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konzert- und Diskussionslokals konnte beispielsweise Kurzarbeit gesichert werden. Es hat keiner seine Arbeitsstelle verloren oder musste eine grosse Lohnkürzung wegstecken. Zudem hat das Kulturlokal einiges an Reserven, die es anzapfen kann. «Das ist beruhigend», so Mösch.

«Wir gehen schwer davon aus, dass es im Herbst weitergeht. Und bis dahin können wir uns tragen.»

Die Folgen werden erst in Monaten oder Jahren ersichtlich

Es ist jedoch unklar, wie viele Unternehmen im Kulturbereich die Coronakrise überleben werden. «Das wird sich mit Sicherheit auch erst in einigen Monaten oder sogar Jahren zeigen», sagt Mösch. Im Moment sei es unmöglich zu sagen, ob sich diejenigen, die derzeit rote Zahlen schreiben, erholen werden. Das hänge alles davon ab, wie schnell und in welchem Ausmass die Menschen wieder in den Ausgang gehen dürfen. «Und wollen», fügt Mösch hinzu.

«Als Erstes kommt sicher die grosse Freude. Aber irgendwann wird es eine Frage der Energie.»

Zwar gäbe es ein grosses Interesse für Kultur. Während der Lockdowns haben die Leute ihr Leben allerdings um einiges runtergefahren. «Vielleicht bleibt das so.»

Martin Mettler vom St.Galler Label «Ostklang».

Martin Mettler vom St.Galler Label «Ostklang».

Bild: PD

Martin Mettler vom St.Galler Label «Ostklang» sieht die Sache angespannter. «Die aktuelle Lage ist, salopp gesagt: beschissen», sagt er. Vieles sei ungewiss. Das Nachtleben im totalen Stillstand. «Und wie lange das noch so geht, weis niemand.» Der 31-Jährige ist im Normalfall mehrfach in der Woche unterwegs. Als Veranstalter organisiert er immer wieder Day-Partys, zum Beispiel auf den «Dreilinden», und ist bei der Affekt-Bar an der St.Galler Brühlgasse für das Musikprogramm verantwortlich.

«Das Bedürfnis, wieder in den Ausgang und an Veranstaltungen zu gehen, ist da. Aber ich kann schwer einschätzen, wann das wieder gehen wird.»

Ganz pessimistisch gegenüber der Zukunft ist Mettler allerdings nicht. «Ich habe bis jetzt von keinem Clubbetreiber in der Stadt gehört, dass er in Konkurs gehen muss», sagt er. «Trotz dickem Loch in der Kasse.»

Herausforderungen sind grösser und häufiger geworden

«Die Situation ist sehr fragil», sagt Marc Frischknecht, Mitinhaber des Øya Kafé Bar und Klub.

«Unser heutiges Credo ist es, von Woche zu Woche neu und mit positiver Motivation zu planen, um dann zu schauen, wie’s läuft.»
Marc Frischknecht, Mitinhaber des Øya Kafé Bar und Klub.

Marc Frischknecht, Mitinhaber des Øya Kafé Bar und Klub.

Bild: Jonny Schai

Der 40-jährige Gastronom, Musiker – Künstlernamen Yes I'm Very Tired Now («Ja, ich bin jetzt sehr müde») – und Kulturveranstalter ist seit Ausbruch der Pandemie dreifach auf Pause – mal mehr, mal weniger. «Ich weiss, dass es immer schwierig ist in diesen Branchen – Corona hin und oder her. Aber die Herausforderungen sind grösser und häufiger geworden.»

Das «Øya» darf seit 19. April zwar wieder Gäste draussen empfangen. «Der Bundesratsentscheid ist aber Fluch und Segen zu gleich», sagt Frischknecht. Die Nachfrage ist da. Draussen sitzen können allerdings nur um die 30 Personen aufs Mal. «Das reicht nicht, um genügend Einnahmen für die Löhne und Fixkosten zu generieren, wie Erfahrungen mit der 50-Personen-Regel im März 2020 gezeigt haben», erklärt Frischknecht. Zudem bleibt der Øya Klub geschlossen, der im Untergeschoss 150 Personen fasst für Konzerte, Lesungen, Partys und Geschäftsanlässe. «Wir sind froh, öffnen zu können, und hatten eine gute erste Woche dank des schönen Wetters.»

«Aber ich denke, der einzige Ausweg aus der aktuellen Lage ist, möglichst schnell zu impfen, ein Schwung Genesener und viel zu testen.»