Nachruf
St.Galler Lyriker, Übersetzer und Theaterautor Fred Kurer ist verstorben: «Er war ein St.Galler mit seefahrender Seele»

Fred Kurer hat im Alter von 85 Jahren seine letzte Reise angetreten. Heiko Strech, langjähriger Weggefährte des St.Galler Lyrikers, erinnert sich.

Heiko Strech
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Fred Kurer (28. Mai 1936 – 16. Juni 2021).

Fred Kurer (28. Mai 1936 – 16. Juni 2021).

Bild: Ralph Ribi (18. Mai 2016)

Diesmal ist der Weltenbummler Fred Kurer auf eine Reise ohne Wiederkehr gegangen. Er starb am 16. Juni 2021 an einer Krebserkrankung. Am 28. Mai konnte er noch seinen 85. Geburtstag feiern. Über 50 Jahre verbanden ihn glücklich mit seiner Ehefrau Annemarie. Die beiden Töchter Annette und Simone sorgten mit insgesamt sieben Enkelkindern für ein gesichertes Weiterleben der Kurer-Gene.

Als Leiter der Kellerbühne, Kabarettist, Kantilehrer für Englisch, Deutsch und Theater und als Schriftsteller hat Fred Kurer das Kulturleben der Stadt St.Gallen jahrzehntelang intensiv mitgestaltet. Tief verbunden mit seinem Heimathafen, lichtete er immer wieder die Anker, um in die weite Welt aufzubrechen. Etwa nach Russland oder Australien. Meist zusammen mit einem anderen umtriebigen Kulturschaffenden in St.Gallen, dem engen Freund Richard Butz zum Beispiel.

Kurer schrieb seine Gedichte quasi beidhändig: in Hochdeutsch und Mundart. Schreiben heisst ja Reisen ins Innere und dann heraus ins Aussen, als Mit-Teilen an uns Lesende. Lokales und Globales verschmelzen bei ihm: Im Schaffhauser Rheinfall erblickt er jäh den gewaltigen Strom Pantai in Kalimantan (Indonesisch-Borneo). Sein Lieblingsautor, der polnische, Englisch schreibende Dichterkapitän Joseph Conrad, hatte diesen bereist und beschrieben. Da musste Kurer sich selbstironisch wundern:

«schreib wie ausgerechnet du
geboren werden musstest
inmitten einer von bergen umstandenen welt
ausgerechnet du
mit deiner seefahrenden seele»

Im Gedichtband «ich möchte nicht nur vogel sein» sind Gedichte von 1956 bis 2016 versammelt. Heimatliebe verschmilzt da mit Heimatkritik, Romantik mit Realismus. Oft fährt humor-melancholisch ein Heinrich-Heine-Querschläger nüchtern in den lyrischen Gesang.

Multitalent Kurer schrieb neben vielen Gedichtbänden Texte etwa fürs Cabaret Sälewie, fürs Figurentheater St.Gallen – und fürs Theater Parfin de siècle das Drama «Mit beiden Beinen», 2014/15 ein grosser Erfolg. Gross zudem neben dem Künstlerischen das Talent zur Freundschaft wie zum Teamplayer mit anderen Künstlerinnen und Künstlern.

Auch mündlich hatte Kurer allerhand los. Der St.Galler war ein begnadeter Erzähler voller Charme und Ironie, in der Schweiz – Pardon – nicht gerade dominierende Qualitäten. Im Gesprächskreis brillierte er mit Scharfsinn und scharfer Zunge, Wortwitz – und tiefer Sorge um unseren labilen Weltzustand.

Bei der Abdankung in der Evangelischen Kirche Bruggen am 25. Juni inspirierte Fred Kurer noch einmal die vielen um ihn Versammelten. Pfarrerin Kathrin Bolt verband private «Frediana» eindrucksvoll mit Bibeltexten. Freund Richard Butz sprach bewegt und bewegend von gemeinsamen Erlebnissen und Reisen. Tochter Simone erinnerte liebevoll an den ja auch in diesen Fächern begabten Ehemann, Vater und Grossvater – im Kurer-Stil als Erzähl-Rondo um einen «Vogel» in vielerlei Rollen.

Nun müssen wir ohne Fred Kurer weiterleben. Aber was uns bleibt: Wir können ihn lesen, solange wir leben.

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