Nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs: Gossauer Wirt per sofort aus der Haft entlassen

Das St.Galler Kantonsgericht hat einen 68-jährigen Griechen zu bedingter Strafe statt 12 Jahre Gefängnis verurteilt. 

Claudia Schmid
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Das Kantonsgericht ordnete an, den Griechen sofort aus der Haft zu entlassen.

Das Kantonsgericht ordnete an, den Griechen sofort aus der Haft zu entlassen. 

Symbolbild: Roland Schmid 

 (cis/sda) Für den beschuldigten Gastwirt hat sich der Gang vor das Kantonsgericht St.Gallen definitiv gelohnt. Vor einem Jahr hatte ihn das Kreisgericht St.Gallen zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt. Die Höhe des Strafmasses fiel damals überraschend hoch aus, denn die Staatsanwaltschaft hatte lediglich 4,5 Jahre gefordert. Die Diskrepanz zwischen dem von der Anklage beantragten und dem vom Gericht gesprochenen Strafmass liege hauptsächlich in der unterschiedlichen Beurteilung des Sachverhaltes begründet, hatte der vorsitzende Richter zum Entscheid erklärt. Das Kantonsgericht sprach noch eine teilbedingte Strafe von 26 Monaten aus. Nach dem Urteil der Vorinstanz wurde der Grieche sofort in Sicherheitshaft genommen.

Frauen als Auskunftspersonen befragt

Laut Anklageschrift hatte der Mann zwischen 2013 und 2017 in seinem Restaurant in Gossau rund ein Dutzend Frauen aus Osteuropa als billige Arbeitskräfte zu untersetzten Löhnen beschäftigt. Über eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verfügten sie nicht und hatten auch keine Aussicht, eine zu erhalten. Drei Frauen warfen ihm vor, er habe sie – teilweise regelmässig – zu sexuellen Handlungen gezwungen. Er habe ihnen einen Job angeboten, dann aber mit Rauswurf und Lohnentzug gedroht und von ihnen Sex verlangt, zudem habe er sich aggressiv verhalten. Zwei der drei Frauen wurden sowohl vom Kreis- als auch vom Kantonsgericht als Auskunftspersonen befragt. 

Nun hat das Kantonsgericht das Urteil schriftlich bekanntgegeben und begründet. Gegenüber der Vorinstanz fällte es mehrere zusätzliche Freisprüche und verurteilte ihn im Wesentlichen wegen Ausnützung der Notlage, Menschenhandel und Gläubigerschädigung. Es sprach eine bedingte Geldstrafe und eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 26 Monaten aus, wobei zehn Monate zu vollziehen sind. Von einer Landesverweisung sei abzusehen und er sei sofort aus der Sicherheitshaft zu entlassen.

Sachverhalte anders gewürdigt

«Die Strafkammer würdigt die angeklagten Sachverhalte sowohl in tatsächlicher als auch in rechtlicher Hinsicht anders als die Vorinstanz», schreibt das Kantonsgericht. In den Aussagen der einen Frau sei zu erkennen, dass sie von den Bedingungen des Gastwirtes gewusst habe. So habe sie erklärt:

«Er hat mir bei meinem Stellenantritt bereits gesagt, dass ich jeden Tag mit ihm Sex haben müsse, wenn ich die Stelle antreten möchte. Da ich Mutter von zwei Kindern bin und die besagten 500 Franken sehr viel Geld sind, habe ich anfangs zugesagt.»

Zudem habe sie über ein Billett und Geld für die Rückreise nach Serbien verfügt. Somit sei sie in ihrer Entscheidungsfreiheit nicht in einem Umfang eingeschränkt, wie es für eine Verurteilung wegen Ausnützung der Notlage vorausgesetzt sei. Dasselbe gelte für ihre mehrmalige Rückkehr zum Beschuldigten. Eine wucherische Ausbeutung ihrer Arbeitskraft liege ebenfalls nicht vor.

Bei den Aussagen des zweiten Opfers erachte die Strafkammer zwar die Voraussetzungen für eine Verurteilung des Beschuldigten wegen Ausnützung der Notlage und wegen Menschenhandels, nicht aber wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung als erfüllt, schreibt das Kantonsgericht weiter. Vor allem seien die erforderlichen Nötigungselemente nicht zweifelsfrei nachgewiesen.

Mit Blick auf die verbleibenden Schuldsprüche erscheine eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 26 Monaten als angemessen, wovon zehn Monate zu vollziehen seien. Zudem sprach das Kantonsgericht eine bedingte Geldstrafe aus und sah von einer Landesverweisung ab.

Mit diesem Urteil sind die Bedingungen für die Weiterführung der Sicherheitshaft nicht mehr gegeben. Das Kantonsgericht ordnete deshalb an, dass der 68-jährige Grieche sofort aus der Haftanstalt zu entlassen ist.

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