Nach Hautinfektionen am St.Galler Schulhaus Engelwies: 400 Kinder und 50 Lehrpersonen müssen zum Untersuch

Im St.Galler Schulhaus Engelwies grassiert seit Monaten das MRSA-Bakterium. 27 Fälle sind bis heute bekannt. Mit einer dreitägigen Reihenuntersuchung gehen die Ärzte dem Erreger nun auf die Spur.

Linda Müntener
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Alle Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrpersonen des Schulhauses Engelwies müssen zum Untersuch. Betroffen sind Primar- und Oberstufe. (Bild: Ralph Ribi)

Alle Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrpersonen des Schulhauses Engelwies müssen zum Untersuch. Betroffen sind Primar- und Oberstufe. (Bild: Ralph Ribi)

Die neue Woche startet im Schulhaus Engelwies etwas anders als sonst. 400 Schülerinnen und Schüler und 50 Lehrpersonen müssen zur Kontrolle. Reihenuntersuchung. Die Ärzte analysieren die Haut, machen allfällige Abstriche mit Wattestäbli, führen Gespräche mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie wollen einem Bakterium auf die Schliche kommen, das seit Monaten im Schulhaus grassiert.

Der erste Fall einer bakteriellen Hautinfektion im «Engelwies» war Ende 2018 aufgetreten. Das Krankheitsbild: Hautausschlag, rote Stellen auf Händen und Füssen, Eiter, Pusteln. Im März dieses Jahres hatte der schulärztliche Dienst Kenntnis von 15 Betroffenen – und informierte die Öffentlichkeit. Die Ärzte gingen bereits dazumal von einer höheren Fallzahl aus. Diese stieg bis Ende November tatsächlich auf 25 an. Der Kanton schaltete sich ein und ordnete eine Reihenuntersuchung an.

Danuta Reinholz, St.Galler Kantonsärztin. (Bild: PD)

Danuta Reinholz, St.Galler Kantonsärztin. (Bild: PD)

Erste Analysen zeigten, dass es sich um ein MRSA-Bakterium handelt. Bis heute hätten sich 27 Personen im Schulhaus damit angesteckt, sagt die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz. Sie ist die Leiterin der interdisziplinären Fachgruppe, die für diese Fälle eingesetzt wurde. Symptome zeigt derzeit aber niemand. «Wir haben schon seit Wochen keine neuen Fälle und hoffen nun natürlich, dass wir das Ganze nun noch weiter eindämmen können.»

Was ist eine MRSA-Infektion?

Bei MRSA handelt es sich um das Bakterium Staphylococcus aureus. Dieses ist bei rund 30 Prozent aller Menschen Teil der normalen Hautflora und kommt auch in der Nase oder im Rachen vor. Meistens ist es empfindlich auf gängige Antibiotika. Die multiresistente Form MRSA kam in den letzten drei Jahren bei rund sechs Prozent der Bevölkerung in der Ostschweiz vor. Meistens treten im Kontakt mit MRSA-Bakterien keine Infektionen auf, also auch keine Beschwerden oder Symptome. Falls doch, sind für Menschen mit einem intakten Immunsystem solche Infektionen in der Regel ungefährlich. Wenn ein Mensch geschwächt ist, können sich die Bakterien jedoch im ganzen Körper ausbreiten – und etwa eine Lungenentzündung auslösen. 

MRSA-Bakterien sind nicht aggressiver als «normale» Staphylokokken. Der Unterschied liegt in ihrer teilweisen Antibiotikaresistenz, was die Behandlung erschwert. Die Behandlung von Infektionen erfolgt deshalb mit ausgewählten Antibiotika. Ausgelöst wird MRSA vorwiegend durch Hautläsionen. Solche entstehen etwa, wenn man sich einen Insektenstich aufkratzt. Wie alle Staphylokokken werden auch die MRSA-Bakterien meistens durch direkten Hautkontakt, über Hände oder gemeinsam benutzte Gegenstände wie beispielsweise Handtücher übertragen.

Der Unterricht findet wie gewohnt statt

Der Unterricht läuft in diesen Tagen weiter, die Untersuchungen finden parallel dazu in den Räumen des schulärztlichen Dienstes am Bahnhofplatz statt. «Die Lehrer begleiten ihre Klassen dorthin», sagt Schulhausleiter Marco Battilana, «das geht relativ zackig». Der schulärztliche Dienst der Stadt St. Gallen hat die Eltern über dieses Vorgehen bereits Ende Oktober schriftlich informiert und übernimmt die Organisation der Termine. «Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut», sagt Battilana.

Die Reihenuntersuchung soll einerseits zeigen, mit welchem Antibiotikum der resistente Keim gezielt behandelt werden kann. Andererseits wollen die Ärzte die Suche nach dem Übertragungsort vertiefen. Fest steht, dass das Bakterium von Mensch zu Mensch übertragen wird. «Der Keim wohnt auf der Haut», sagt Danuta Reinholz. Streicht ein betroffenes Kind die Hautstelle etwa an einem Turngerät ab, kann der Keim dort eine gewisse Zeit haften bleiben. Schimmel an der Wand oder sonstige äussere Einflüsse kann die Kantonsärztin als Keimherde aber ausschliessen.

Für das Ärzteteam sei die Suche nach dem Ursprung des Erregers interessant, sagt Reinholz. Dies sei aber nicht der einzige Zweck der Reihenuntersuchung. «Wir wollen die Öffentlichkeit sensibilisieren. Viele glauben, multiresistente Keime kommen nur im Ausland oder im Spital vor», sagt Reinholz und fügt an:

«Seit den Fällen im Schulhaus Engelwies schauen Eltern genauer hin. Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen von Hausärzten, die auf das Thema angesprochen werden.»

Man habe eine wichtige Diskussion angestossen. Reinholz ruft zu einem sinnvollen Umgang mit Antibiotika auf. In der Grippezeit neigten viele dazu, schnell ein Antibiotikum zu nehmen. «Das ist der grösste Fehler. Denn es wirkt nicht gegen Viren.» Und wenn man tatsächlich ein Antibiotikum verschrieben bekommt, soll man dieses wie angeordnet zu Ende nehmen, «statt mitten drin aufzuhören, wenn es einem etwas besser geht». Nur so könne man die Erreger eliminieren.

Hygieneregeln befolgen – auch in der Küche

Ganz grundsätzlich ist das Befolgen der wichtigsten Hygieneregeln besonders wichtig. Damit meint die Ärztin nicht, alles mit Desinfektionsmittel zu desinfizieren, sondern die alltägliche Hygiene. Viele multiresistente Keime kommen aus dem Lebensmittelbereich. Wie man einer Übertragung vorbeugen kann? Rohes Fleisch – vor allem Poulet – und Gemüse nicht auf dem gleichen Brett schneiden, Messer reinigen, Geschirrtücher regelmässig heiss waschen.

Zurück im Schulhaus Engelwies. Die Reihenuntersuchung läuft bis Mittwoch, danach werden die einzelnen Proben ausgewertet. Das wird einige Zeit dauern, sagt Reinholz. Sollte die Suche ohne Erfolg bleiben, müsse man den Kreis allenfalls erweitern – auf Eltern, Geschwister oder Spielkameraden.

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