Nach einem Jahr im Amt: «Ich hatte eine Schonfrist», sagt Wolfgang Giella

In seinem ersten Jahr als Stadtpräsident wurde Wolfgang Giella schon mit der harten Gossauer Realität konfrontiert. Im Interview spricht er über Baublockaden, Vakanzen und den Verkehr.

Interview: Johannes Wey
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Wolfgang Giella mit dem Geschäftsbericht: Der Kernaufwand wird weiter steigen. (Bilder: Ralph Ribi (6. Juni 2019))

Wolfgang Giella mit dem Geschäftsbericht: Der Kernaufwand wird weiter steigen. (Bilder: Ralph Ribi (6. Juni 2019))

Zu Beginn Ihrer Amtszeit machte es den Eindruck, Sie wüssten nicht, wo Ihnen der Kopf steht. Trifft das zu?

Wolfgang Giella: Das trifft zu, ist aber besser geworden. Ich wurde schon früher gewarnt, dass man sich zu Beginn – die einen sagten drei Monate, die anderen fünf Jahre – fühlen werde, als befinde man sich unter Wasser. So geht es mir noch immer, aber ich kann nun routinierter damit umgehen.

Sie wirken wie eine Person, die ein Problem lieber an der Wurzel packen, statt es rasch lösen möchte.

Tatsächlich? Ich bin der Meinung, dass wir viele Probleme schon rasch lösen konnten.

«Den grossen Themen, die Gossau seit Jahren beschäftigen, muss ich aber auf den Grund gehen.»

Bei einer schnellen Lösung müsste ich mich sonst auch schnell wieder um das Problem kümmern.

In einem früheren Interview vermissten Sie die Zeit, um konzeptionell zu arbeiten.

Damit habe ich jetzt begonnen. Ich erarbeite Konzepte oder lasse sie erarbeiten und kann natürlich auch auf das zurückgreifen, das schon vorhanden ist. Aber wie in vielen Städten dieser Grösse hat man beispielsweise auch in Gossau keine exakte Vorstellung davon, wo man als Stadt aktiv Grundstücke erwerben und allenfalls entwickeln soll. Heute kann man nicht mehr nach Gutdünken einzonen. Das heisst, es braucht eine strategisch durchdachte Bodenpolitik.

Zu den grundsätzlichen Problemen gehört auch der sinkende Cashflow bei steigendem Kernaufwand. Das Parlament mahnt das bei jeder Budgetsitzung an.

Ich bin mit dem Finanzamt dabei, den Kernaufwand unter die Lupe zu nehmen, um zu entscheiden, wo wir etwas steuern können. Rein buchhalterisch wird der Kernaufwand sicher weiter steigen, weil etwa die werterhaltenden Investitionen neu der Erfolgsrechnung belastet werden.

Zusammen mit Behörden aus Ausserrhoden wollten Sie sich für die Aufnahme eines Autobahnanschlusses Gossau Ost in den Netzbeschluss 2020 einsetzen. Wieso?

Ich glaube, wir müssen auch von Gossau aus aktiv werden, um beispielsweise mit Studien den wirtschaftlichen Nutzen dieses Anschlusses für die ganze Region aufzuzeigen. Mit dem Wechsel im Herisauer Gemeindepräsidium muss ich nun abwarten, wie der neue Präsident das beurteilt.

Also bremste Sie die Abwahl von Renzo Andreani?

Nein. Ich habe gemerkt, dass ich nicht so unter Druck stehe, wie ich noch im Herbst dachte. Es gibt genügend andere Akteure wie die Handels- und Industrievereinigung Gossau oder die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, die auch ein Interesse am Anschluss haben. Zudem haben sich die Ostschweizer Kantone positiv zu seiner Notwendigkeit geäussert.

Der Verkehr ist auch das Thema im Zentrum. Laut Stadtentwicklungs- und Raumkonzept sollen Pförtneranlagen und Tempo 30 das Problem lösen. Wollen die Gossauer das?

Ganz ehrlich, das kann ich nicht einschätzen. Was wir erreichen müssen, ist eine stellenweise Trennung von Velo- und motorisiertem Verkehr und eine Verstetigung.

«Pförtner können nur ein Teil der Lösung sein, abgestimmt mit umliegenden Gemeinden.»

Abgesehen davon gibt es Entwicklungen wie die Digitalisierung. Sie bringt selbstfahrende Autos oder mehr Onlinehandel, der den Verkehr reduziert. Und dass man Autos nicht mehr kauft, sondern teilt, planen mittlerweile auch die grossen Autohersteller.

Sie haben sich auch für mehr Intercity-Halte eingesetzt. Haben Sie etwas erreicht?

Bei so vielen Akteuren erreicht man nicht so einfach etwas. Aber ich habe gemerkt, dass die grundsätzliche Planung der SBB sehr sinnig ist. Wir werden einen immer dichteren Takt in Richtung Zürich bekommen.

«Es könnte zu einem 15- oder in vielen Jahren gar 10-Minuten-Takt kommen.»

Die Erhebungen zeigen, dass der Takt den Passagieren am wichtigsten ist: Zum Bahnhof gehen, ohne vorher den Fahrplan zu studieren. Bei den Buslinien werden wir das leider nicht vollends erreichen, weil wir die kritische Grösse nicht haben. Trotzdem müssen wir uns als viertgrösster Umsteigebahnhof im Kanton dafür einsetzen, dass wir nicht abgehängt werden.

Die Erhebungen zeigen, dass der Takt den Passagieren am wichtigsten ist: Zum Bahnhof gehen, ohne vorher den Fahrplan zu studieren. Bei den Buslinien werden wir das leider nicht vollends erreichen, weil wir die kritische Grösse nicht haben. Trotzdem müssen wir uns als viertgrösster Umsteigebahnhof im Kanton dafür einsetzen, dass wir nicht abgehängt werden.

Zu Ihrem Departement gehört die Stadtentwicklung, wo viele Projekte blockiert sind. Wie frustrierend ist das?

Sehr. Wo gebaut werden soll, gibt es Einsprachen, das hat nichts mit Gossau zu tun. Bei Sana Fürstenland, Poststrasse oder Bushof handelt es sich um alte Fälle, bei denen Formfehler gemacht wurden. Diese werden heute härter beurteilt als vor wenigen Jahren. Diese Projekte müssen wir jetzt durch alle Instanzen vertreten. Wenn wir das durchgestanden haben, wissen wir, was gebaut werden kann und was nicht.

Sie sprechen Formfehler an und haben früher schon im öffentlichen Rahmen implizit Ihren Vorgänger kritisiert.

Alex Brühwiler hat seine Prioritäten sicher anders gesetzt als ich. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Das Parlament hat Ihnen drei zusätzliche Stellen bewilligt. Ein Vertrauensvorschuss?

Ich habe allen Parteien erklärt, weshalb es die Stellen braucht, und was die Konsequenzen eines Neins sind. Das möchte ich auch künftig so handhaben. Mir ist klar, dass ich auch eine Schonfrist hatte. Die Stellen sind nun weitgehend besetzt. Ich freue mich, bald eine erfahrene Juristin in der Stadtentwicklung zu haben.

Stellen gilt es auch in der Geschäftsleitung der Stadtwerke zu besetzen, wo Sie sich eingeschaltet haben. Weil das Chefsache ist?

Nein, das ist Sache von Claudia Martin. Ich unterstütze sie, wo ich kann, und habe grosses Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten. Ich glaube fest, das wird gut werden. Wir haben ein gutes Interimsmanagement und einen Experten, der die Szene gut kennt und uns bei der Suche nach einem Geschäftsführer hilft.

Arbeiten und Schlafen: So beschrieben Sie in einem früheren Interview Ihren Alltag in Gossau. Wie sieht es heute aus?

Das ist noch immer so. Ich freue mich extrem darauf, dass meine Familie bald hier wohnt. Auch das ist ein Zeitfaktor, ich schaffe es leider nicht einmal, täglich anzurufen. Und ich muss mich ständig bemühen, pünktlich in Chur und wieder zurück zu sein. Alleine schaffe ich es kaum, den Haushalt zu führen. Auch möchte ich mehr kochen und nicht nur im Restaurant essen. Aber um zu kochen, müsste der Kühlschrank stets gefüllt sein. Zudem lebe ich jetzt hier. Ich will hier auch gesehen werden und die Leute besser kennen lernen.