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Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufstieg der Stadt St.Gallen: Am Anfang stand ein Babyboom

An der diesjährigen Gallusfeier hat Peter Stahlberger über das Ende des Zweiten Weltkriegs in St.Gallen berichtet. Wie schon das Ende des Ersten Weltkriegs von 1918 markiert auch 1945 für die Stadt eine Wende. Aus der Depression der Textilkrise in der Zwischenkriegszeit kam es zu einem erneuten Aufschwung.
Reto Voneschen
Eine der Siedlungen, wie sie in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre als Massnahme gegen die Wohnungsnot rasch hochgezogen wurden: die Wohnkolonie Sömmerli. Im Bild von 1946 sind links hinter den zweigeschossigen Neubauten die beiden damaligen Häuser der Sömmerli-Altersheime zu erkennen. Entstanden ist das Bild von der Kreuzung Sömmerli- und Schönaustrasse her. Rechts hinter der Kreuzung liegt heute die Sömmerliwiese. (Bilder: Stadtarchive politische und Ortsbürgergemeinde SG/Sammlung Foto Gross)

Eine der Siedlungen, wie sie in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre als Massnahme gegen die Wohnungsnot rasch hochgezogen wurden: die Wohnkolonie Sömmerli. Im Bild von 1946 sind links hinter den zweigeschossigen Neubauten die beiden damaligen Häuser der Sömmerli-Altersheime zu erkennen. Entstanden ist das Bild von der Kreuzung Sömmerli- und Schönaustrasse her. Rechts hinter der Kreuzung liegt heute die Sömmerliwiese. (Bilder: Stadtarchive politische und Ortsbürgergemeinde SG/Sammlung Foto Gross)

Der 8. Mai 1945 ist der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Dieses Ereignis jährt sich im kommenden Frühling zum 75. Mal. Genau wie das Ende des Ersten Weltkriegs im Herbst 1918 ist 1945 auch lokal ein wichtiger Wendepunkt. Die Zwischenkriegszeit war mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie eine Phase des Niedergangs. Das änderte sich ab 1945 wieder: Es ging aufwärts – zuerst langsam, ab den 1950er- Jahren immer schneller.

Feier zu Ehren des Stadtheiligen und Namenspatrons

In der Stadt St.Gallen wird der 16. Oktober zu Ehren von Namensgeber Gallus seit den 1950er-Jahren mit einer öffentlichen Feier begangen. Im Zentrum steht ein meist historisches Referat: 2018 sprach Stadtarchivar Marcel Mayer über das Ende und die Folgen des Ersten Weltkriegs für St.Gallen. Am Mittwochabend lieferte an der diesjährigen Gallusfeier Historiker und Journalist Peter Stahlberger die Fortsetzung: Er referiert über das Ende und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Stadt. Er tat dies mit Hilfe von vielen Illustrationen, Fakten und Anekdoten untermauert, was beim Publikum im gut gefüllten Pfalzkeller sehr gut ankam. (vre)

An der diesjährigen Gallusfeier vom Mittwochabend im Pfalzkeller beschrieb Peter Stahlberger den Übergang von der Textilkrise zum wirtschaftlichen Wiederaufschwung. Der Historiker und Journalist ist für so ein Festreferat prädestiniert: Er ist nämlich daran, die St.Galler Stadtgeschichte von 1945 bis heute für eine Publikation aufzuarbeiten.

Vier-Tage-Woche für Schulen, weil Kohle fehlt

Der 8. Mai 1945 als Tag des Waffenstillstands war für St.Gallen zuerst einmal ein Freudentag. Die Stadt wurde beflaggt, viele Angestellte (darunter jene der Verwaltung) erhielten den Nachmittag frei, am Abend gab’s Glockengeläut und Gottesdienste. Die Zeit des Mangels, der die Kriegsjahre prägte, war damit allerdings nicht schlagartig vorbei. Die letzten Produkte wurden erst 1948 aus dem System der Rationierung entlassen.

Flugaufnahme der Stadt St.Gallen im Winter 1956 von Osten her. Gut zu erkennen sind im Vordergrund die Fussballplätze Espenmoos (rechts) und Krontal. Und natürlich fehlt im Bereich des Bahnhofes St.Fiden auch noch die Stadtautobahn.

Flugaufnahme der Stadt St.Gallen im Winter 1956 von Osten her. Gut zu erkennen sind im Vordergrund die Fussballplätze Espenmoos (rechts) und Krontal. Und natürlich fehlt im Bereich des Bahnhofes St.Fiden auch noch die Stadtautobahn.

Viele Produkte des täglichen Lebens blieben also über 1945 hinaus rationiert. Dies trotz der immer noch 170 Hektaren Ackerfläche der Anbauschlacht auf Stadtgebiet. Schwer zu schaffen machte im Winter 1945/46 der Mangel an Kohle zum Heizen und zur Gasproduktion. Engpässe gab’s als Folge davon auch bei der Stromversorgung. Mit dem Ziel Kohle zu sparen, wurde beispielsweise die Vier-Tage-Woche an der städtischen Volksschule eingeführt.

Voraussetzung für den Wiederaufschwung

1945 markiert für St.Gallen aber auch eine Zeit des Übergangs in die Nachkriegsjahre. Begonnen hatte der Wiederaufschwung bereits in den späten 1930er- und in den Kriegsjahren. Ganz zentral fürs erneute Erstarken der Stadt war die Bevölkerungsentwicklung. Und da bekam St.Gallen nicht wirklich geplante Unterstützung von Seiten des Bundes.

Luftaufnahme der Kreuzbleiche 1953: Die Grünfläche dient als Parkplatz fürs Jubiläum «150 Jahre Kanton St.Gallen». Links sind am Rand der Wiese zwischen Militärkantine und Reithalle die Kaserne und das alte Zeughausmagazin zu erkennen; diese beiden Bauten mussten 1980 dem Autobahnanschluss weichen. Am rechten Rand der Wiese fehlt oberhalb der Turnahlle noch die grosse Sporthalle Kreuzbleiche.

Luftaufnahme der Kreuzbleiche 1953: Die Grünfläche dient als Parkplatz fürs Jubiläum «150 Jahre Kanton St.Gallen». Links sind am Rand der Wiese zwischen Militärkantine und Reithalle die Kaserne und das alte Zeughausmagazin zu erkennen; diese beiden Bauten mussten 1980 dem Autobahnanschluss weichen. Am rechten Rand der Wiese fehlt oberhalb der Turnahlle noch die grosse Sporthalle Kreuzbleiche.

1910 auf dem Höhepunkt des Textilbooms zählten St.Gallen, Tablat und Straubenzell – die heutige Stadt – 75'000 Einwohner. 1941 waren es nur noch 62'000, also rund ein Sechstel weniger. 1941 begann die Bevölkerung, aber überraschend wieder zu wachsen. Ursache dafür war ein Familien- und Babyboom. In den 1930er-Jahren lag die Zahl der Eheschliessungen in St.Gallen bei etwa 400, jene der Geburten bei rund 800 pro Jahr. Ab 1940 verdoppelte sich die Zahl der Heiraten auf jährlich 800 und ab 1941 kamen 1000 bis 1200 Kinder pro Jahr zur Welt.

Babyboom als nicht geplante Nebenwirkung

Ursache für diese – für die Stadt längerfristig positive – Entwicklung war eine Massnahme des Bundes. Aufgrund der Erfahrungen im Ersten Weltkrieg hatte er für die Armee eine Erwerbsersatzordnung (EO) geschaffen. Sie garantierte Soldaten im Aktivdienst die Fortzahlung des Lohns. Die Höhe der Ersatzzahlung hing von der Höhe des Lohns ab.

Der Botanische Garten im Stephanshorn 1958. Noch liegt er im Grünen. Hierhin dehnten sich die Wohnsiedlungen der Stadt erst in den 1960er- und 1970er-Jahren aus. Der Garten befand sich ursprünglich im Stadtpark. 1914/15 musste er im Zuge des Neubaus des Historischen und Völkerkundemuseums ins Stephanshorn verlegt werden.

Der Botanische Garten im Stephanshorn 1958. Noch liegt er im Grünen. Hierhin dehnten sich die Wohnsiedlungen der Stadt erst in den 1960er- und 1970er-Jahren aus. Der Garten befand sich ursprünglich im Stadtpark. 1914/15 musste er im Zuge des Neubaus des Historischen und Völkerkundemuseums ins Stephanshorn verlegt werden.

Die EO sah aber auch Zulagen für Familien und Kinder vor. Das hatte eine unerwartete Wirkung: Es machte gemäss Peter Stahlberger die Gründung einer Familie mit Kindern finanziell attraktiv (und für viele auch erst erschwinglich). Die Negativseite des Babybooms war, dass es in St.Gallen in der Nachkriegszeit zu einer ersten gravierenden Wohnungsnot kam.

Leerwohnungsbestand: 0,0 Prozent

In Zeiten der Textilkrise war in St.Gallen kaum mehrt neuer Wohnraum erstellt worden, und das rächte sich jetzt. 1946 und 1947 wies die Stadt einen Leerwohnungsbestand von 0,0 Prozent aus. Es gab also keine freien Wohnungen mehr. Die Reaktion der Behörden darauf, veränderte das Stadtbild massiv und prägt es bis heute in vielen Quartieren.

Bund, Kanton und Stadt begannen, vor allem den genossenschaftlichen Wohnungsbau mit Subventionen zu unterstützen. Das führte letztlich zu einer regen Bautätigkeit, zu einem grossen Betrugsfall und der Entspannung der Wohnungssituation im Laufe der 1950er-Jahre.

In jener Zeit entstanden verschiedene typische Wohnsiedlungen mit relativ kleinen, in Zeilen angeordneten Häusern. Zwischen den Häuserzeilen gab's grosszügigen Freiraum mit Gärten und viel Grün. Typische Vertreter dieser Bauweise finden sich bis heute an der Nestweierstrasse, an der Haggenhalde, im Buech unterhalb des Mannenweiers oder auf dem Hügelrücken des Sömmerli.

Zu hohe Preise verlangt

Das Programm zur Förderung des Wohnbaus in der Stadt St.Gallen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde rasch gestartet und ebenso rasch durchgezogen. Die Kontrolle kam dabei offenbar etwas zur kurz. Auf jeden Fall machte irgendwann das Gerücht die Runde, dabei sei es zu Unregelmässigkeiten gekommen, erzählte Peter Stahlberger am Mittwochabend an der Gallusfeier.

Der Stadtrat setzte schliesslich eine Untersuchungskommission ein, die in einem Fall tatsächlich fündig wurde. Ein stadtbekannter, bei einer Baugenossenschaft aktiver Architekt und einer seiner Lieferanten hatten der Versuchung nicht widerstehen können, Geld aus dem Honigtopf der Wohnungssubventionen abzuzweigen. Der Lieferant hatte der Genossenschaft zu hohe Rechnungen gestellt, die der Architekt bezahlte. Den erwirtschafteten Überschuss teilten sich die beiden.

Unter diesem Schwindel hatten am Ende etliche Mieterinnen und Mieter in neuen Wohnsiedlungen zu leiden. Dies, weil ihre Mieten bei der Bereinigung des Falls plötzlich in die Höhe kletterten. Für sie dürfte es eine kleine Genugtuung gewesen sein, dass die Urheber des Schwindels vom Bezirksgericht wegen Betrugs verurteilt wurden. (vre)

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