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«Seich», Gejohle und anonyme Flyer: So spaltet der Autobahnanschluss Plus die Region Rorschach

Einmalige Chance oder Ressourcenverschwendung? Die Fronten zum Autobahnanschluss Plus sind verhärtet – das war nicht nur auf dem «Tagblatt»-Podium am Montag spürbar. Sowohl Gegner als auch Befürworter der Vorlage werfen einander vor, Fakten zu verdrehen.
Jolanda Riedener/Sheila Eggmann
Befürworter und Gegner werfen sich gegenseitig vor, Fakten zum Millionenprojekt zu verdrehen. Am «Tagblatt»-Podium diskutierten Thomas Müller und Raphael Frei (Pro) sowie Felix Gemperle und Lukas Reichle (Contra). Das Gespräch leiteten Ostschweiz-Redaktor Marcel Elsener und Leiter Stadtredaktion Daniel Wirth. (Bild: Urs Bucher)

Befürworter und Gegner werfen sich gegenseitig vor, Fakten zum Millionenprojekt zu verdrehen. Am «Tagblatt»-Podium diskutierten Thomas Müller und Raphael Frei (Pro) sowie Felix Gemperle und Lukas Reichle (Contra). Das Gespräch leiteten Ostschweiz-Redaktor Marcel Elsener und Leiter Stadtredaktion Daniel Wirth. (Bild: Urs Bucher)

Die Abstimmung zum Projekt «Autobahnanschluss Plus» polarisiert in der Stadt am See. Gut 450 Zuhörerinnen und Zuhörer haben sich am Montagabend im Rorschacher Stadthofsaal eingefunden, um die Argumente der Befürworter – Raphael Frei (FDP, Präsident IG Mobil) und Thomas Müller (SVP, Stadtpräsident Rorschach) – und der Gegner – Felix Gemperle und Lukas Reichle (beide vom Verein «Kein 3. Autobahnanschluss») – zu hören. Der Saal ist gut gefüllt, mehrheitlich männliche und vor allem ältere Personen zeigen Interesse an der «Tagblatt»-Veranstaltung, wie eine spontane Umfrage einer anwesenden Votantin bei der Fragerunde zum Schluss verdeutlicht.

Rudolf Hirtl, Redaktionsleiter in Rorschach, betont in seiner Einleitung, dass das Grossprojekt kontrovers und emotional diskutiert werde. Hart sind die Fronten auch auf dem Podium, das Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion, und Ostschweiz-Redaktor Marcel Elsener moderieren. Bereits bei Elseners Einstiegsfrage «Wie lange und wo stehen Sie im Stau?» gehen die Wahrnehmungen der Befürworter und Gegner stark auseinander. «Zweimal pro Jahr im Postauto», sagt Felix Gemperle, der konsequent mit Zug oder Bus zur Arbeit fährt. «Ich stehe seit zehn Jahren im Stau, egal mit welchem Verkehrsmittel», entgegnet Raphael Frei.

Einige Argumente der Pro- und Contraseite sind den Zuhörern bekannt. So zeichne sich laut Frei das vorliegende Projekt durch die Verzahnung verschiedener Verkehrsmittel und die Entlastung der Quartiere aus. «Es geht um mehr als nur einen Autobahnanschluss.» Anderer Meinung ist Reichle: «Die St.Gallerstrasse in Goldach würden trotzdem täglich 12000 Fahrzeuge passieren. Gemütliches Grillieren im Garten geht nach wie vor nicht.»

«Mehr Strassen bringen mehr Verkehr»

Welche konkreten Vorschläge die Gegner denn haben, um das Verkehrsproblem zu lösen, will Moderator Wirth wissen. «Mit etwa drei Unterführungen auf der Linie Goldach-Rorschach und der Optimierung neuralgischer Punkte ist das Problem zu lösen», sagt Reichle. «Die Gemeinden sind seit 1999 dabei, Lösungen zu finden. Unterführungen alleine reichen nicht aus», kontert Frei. Dies scheint eine der grössten Uneinigkeiten der beiden Parteien zu sein. Felix Gemperle sagt, er sei Kantonsrat gewesen, als die Autobahnvarianten geprüft wurden. Man habe es versäumt, eine Option ohne Autobahnanschluss, dafür mit Unterführungen zu erarbeiten. Auch habe man mit zu hohen Verkehrszahlen gerechnet, denn der Individualverkehr würde nur noch analog mit der Bevölkerungszahl wachsen. «Die jetzige Situation ist auch für mich nicht befriedigend», sagt Gemperle.

«Seich», schaltet sich Stadtpräsident Müller ein, es sei ein «widerlicher Mist», dass keine Variante ohne A1-Anschluss geprüft worden sei. Jetzt kochen die Emotionen hoch. «Neue Strassen bringen mehr Verkehr, das zeigt auch das Beispiel Meggenhus. Was halten die Befürworter dem entgegen?», fragt Moderator Daniel Wirth. «Mir geht es ums Jetzt und um die Region», sagt Frei. Die Lösung dafür habe man auf dem Tisch. Nicht für Gemperle, der keine «19 Fahrspuren» will. Er sagt:

«Der Bodenverschleiss ist das grösste Problem für die nächste Generation.»

Beide Parteien erhalten Zuspruch und Applaus für ihre Voten aus dem Publikum. «Hätte man die Zuwanderung gedrosselt, gäbe es dieses Problem jetzt nicht», doppelt der Stadtpräsident in gewohnter Müller-Manier nach.

Wirth will die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene holen und hakt bei Hans Kästli nach, der ehemalige Strasseninspektor ist als unabhängiger Experte eingeladen: «Reichen Unterführungen aus, um das Verkehrsproblem zu lösen?» Das sei schwierig zu beurteilen, sagt Kästli und macht kein Geheimnis daraus, dass er ein Ja in die Urne legen würde.

Die letzte Chance für immer?

Die Gegnerseite macht klar, für sie ist der Autobahnanschluss Plus keine Option. Lukas Reichle verweist auf Projekte in Frauenfeld oder im spanischen Pontevedra, wo die Fussgänger die Stadt zurückerobert hätten. Ein «falsches Projekt» sei laut Felix Gemperle nicht die Lösung, auch wenn die Finanzierung sichergestellt sei.

Für Raphael Frei bringt das Projekt einen nötigen Schub in die Region Rorschach. Er sagt:

«Wenn wir Nein sagen, geht das Geld einfach in andere Regionen und wird trotzdem für Strassen ausgegeben.»

Elsener fragt nach, ob die Jetzt- oder Nie-Zuspitzung gerechtfertigt sei. «Wenn wir die Chance jetzt nicht packen, kommt sie nicht mehr», sagt Müller. Man müsse sich nur die weiteren 600 Projekte vergegenwärtigen, die auch auf Bundesgelder warten. Und: In der Vergangenheit sei es in Rorschach immer wieder vorgekommen, dass zwar jemand eine gute Idee hatte, ein Zweiter aber einen noch besseren Vorschlag, und passiert sei schliesslich nichts.

Die Befürworter würden laut Elsener von 100 Direktbetroffenen und 1000 Entlasteten sprechen: «Wie kommen Sie auf diese Zahl?» Das sei plakativ formuliert, sagt Frei. Er verstehe, wenn sich Anstösser am neuen Anschluss stören, man müsse aber das Ganze sehen. Elsener wendet ein, noch wisse man nicht, wer in Zukunft vom Autobahnanschluss belastet werde, sollte dieser am 17. November angenommen werden.

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Stimmen aus dem Publikum: «Ich will in 30 Jahren nicht wieder über das Gleiche diskutieren»

Das Thema bewegt. Beim Podium im Rorschacher Stadthofsaal zum Projekt «Autobahn Plus» hat das Publikum ihre Meinung oft kundgetan, auch während der moderierten Diskussion: Es gab Gelächter, Szenenapplaus, Raunen, gar Gejohle. Sowohl für die Befürworter als auch die Gegner des Projekts. Doch welche der beiden Seiten hat mehr überzeugt? Die Meinungen dazu klaffen nach Ende des Podiums auseinander.

«Ich werde am 17. November Ja stimmen», sagt Walker Bräker aus Goldach. «Denn wir müssen die Zukunft jetzt planen. Ich will in 30 Jahren nicht wieder über das Gleiche diskutieren», sagt der 67-Jährige. Ebenfalls für das Projekt spricht sich der Rorschacher Rudolf Keller aus: «Die Argumente der Pro-Seite haben mich mehr überzeugt. Sie waren klarer, besser und vernünftiger.»

Anja Kohler (26) aus Rorschach ist anderer Meinung, zumindest was die Argumente angeht. «Mich haben die Argumente von beiden Seiten nicht überzeugt. Das Pro-Lager hat sich zu oft wiederholt, die Gegner blieben zu oberflächlich.» Die Kauffrau hätte sich von den Podiumsteilnehmern eine bessere Vorbereitung gewünscht. Zufrieden mit der Veranstaltung war wiederum der Student Andrin Hanselmann (20). Vor allem fand er es erfreulich, dass der Stadthofsaal gut gefüllt war: «Das ist ein gutes Zeichen für die direkte Demokratie.» Auch der Goldacher hat sich bereits entschieden, wie er abstimmen wird: «Ich vertraue in die Vorarbeit der Behörden und werde ein Ja in die Urne werfen.»

Der Rorschacher Stadthofsaal war gut gefüllt. (Bild: Urs Bucher)

Der Rorschacher Stadthofsaal war gut gefüllt. (Bild: Urs Bucher)

Fehlende Alternativen und anonyme Flyer-Verfasser

«Es gibt bestimmt bessere Lösungen, als alles zuzubetonieren. Mit mehr Strassen löst man kein Verkehrsproblem», sagt Fabian Wenger (22) aus Rorschach. Auch die 52-jährige Natalie Blöchlinger ist gegen den «Autobahnanschluss Plus». «Je mehr Strassen, desto mehr Verkehr», sagt die Rorschacherin. Sie sagt:

«Ich werde Nein stimmen. Ich bin generell nicht für die Zubetonierung und für mich ist das Projekt keine wirkliche Alternative. Es wird oft vergessen, dass es wieder mindestens 20 Jahre dauern würde, bis alles stehen würde.»

Eine mögliche Lösung wären für die Erwachsenbildnerin Bahnunterführungen.

Die Juristin Ines Alther (52) aus Goldach stimmt mit der Meinung von Blöchlinger überein und fügt an: «Das Projekt ist überdimensioniert und die Alternativen wurden zu wenig geprüft.» Bruno Weiersmüller (72) sieht das anders. Die Argumente der Gegner überzeugen den ehemaligen Feuerwehrkommandanten nicht:

«Ich bin für das Projekt. Lastwagen können so in Zukunft schneller auf die Autobahn, das nützt dem Gewerbe.»

Der Goldacher störte sich ausserdem bereits im Vorfeld zum Podium an den Flyern der Gegner. «Die Fakten stimmen nicht, sind ohne Quellenangaben und manche Verfasser stehen nicht mit Namen hin, sondern bleiben anonym.»

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