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Mutter und Tochter zum zweiten Mal gemeinsam am Frauenstreik: «Die Ungleichheit ist heute versteckter»

Jenny Heeb war acht Jahre alt, als sie ihre Mutter Eveline Falk 1991 zum Frauenstreik begleitete. Heute, fast 30 Jahre später, gehen die beiden Frauen wieder auf die Strasse. Ein Gespräch über die Schubladisierung von Frauen, Sexismus und andere Streikgründe.
Christina Weder
Tochter Jenny Heeb und Mutter Eveline Falk: 1991 gingen sie gemeinsam an den Frauenstreik, am Freitag sind sie erneut zu zweit unterwegs. (Bild: Ralph Ribi - 6. Juni 2019)

Tochter Jenny Heeb und Mutter Eveline Falk: 1991 gingen sie gemeinsam an den Frauenstreik, am Freitag sind sie erneut zu zweit unterwegs. (Bild: Ralph Ribi - 6. Juni 2019)

Jenny Heeb bekennt Farbe. Sie trägt ein violettes Tuch um den Kopf und einen gleichfarbigen Anstecker. So erscheint sie mit ihrer Mutter, der Dokumentarfilmerin Eveline Falk, zum Gespräch im Kaffeehaus in St.Gallen. Die beiden nehmen am Freitag zum zweiten Mal am Frauenstreik teil – die Mutter als Teilnehmerin, die Tochter als Mitorganisatorin. Sie ist heute selbst berufstätige Mutter.

Sie waren zusammen am Frauenstreik von 1991 dabei. Woran erinnern Sie sich?

Jenny Heeb: Ich war damals acht Jahre alt und erinnere mich kaum mehr daran. Aber ich habe meine Mutter an viele ähnliche Anlässe begleitet – etwa an den 1. Mai oder den Frauentag am 8. März. Das hat mich geprägt.

Eveline Falk: Ich weiss noch, dass ich freibekommen habe. Ich arbeitete beim Radio DRS, in einem Beruf also, in welchem damals vor allem Männer tätig waren. Deshalb fiel es nicht so ins Gewicht, dass ich nicht arbeitete. Schon damals ging eine Polemik los, ob man streiken durfte oder nicht. Wir waren denn auch gespannt, wie viele Frauen kommen würden. Ich habe heute noch das Bild vor Augen: Die unglaublich vielen Frauen, die sich im Kantipark versammelten.

Zu den Personen

Die Sozialpädagogin Jenny Heeb Riedl arbeitet bei der Frauenzentrale St.Gallen und leitet dort die Fachstelle Familie und Kind. Die 36-Jährige hat drei Kinder im Alter von zwei, vier und sechs Jahren. Heeb sitzt für die SP im Stadtparlament und engagiert sich im Frauenstreikkomitee St.Gallen.

Ihre Mutter, Eveline Falk Riedl, ist Dokumentarfilmerin. Sie hat unter anderem beim Dokfilm «Die sieben Bundesrätinnen» des Schweizer Fernsehens (SRF) mitgearbeitet. Von ihr stammt zudem ein Film über die Klosterfrauen von der Notkersegg. Die 57-Jährige ist verheiratet, hat zwei Töchter und drei Enkel. Obwohl sie seit rund 30 Jahren in Zürich arbeitet, ist sie ihrem Wohnort St.Gallen immer treu geblieben. (cw)

Gehörten Sie damals zu den Organisatorinnen – wie heute Ihre Tochter?

Falk: Nein, ich war damals 29 und politisch unerfahren. Es war der Zeitgeist. Ich gehörte zu jener Generation Frauen, die arbeitete und Kinder hatte und sich organisieren musste. Es war klar, dass man sich auch engagierte.

Nach fast 30 Jahren gehen Sie heute wieder auf die Strasse. Warum?

Falk: Wegen meiner Tochter. Ich bin nicht so politisch aktiv wie sie, engagiere mich nicht in einer Partei. Für mich ist es kein politischer Akt, sondern ein Akt der Frauensolidarität. Deshalb gehe ich hin.

Heeb: Ich bin mit diesen Themen aufgewachsen. Als ich 20 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, dass mir alle Türen offenstehen, dass ich frei bin, alles kann und darf. Doch dann bin ich ins Berufsleben eingestiegen, und habe gemerkt, dass das so nicht zutrifft. Immer wieder werde ich aufs Frausein reduziert.

Wie zum Beispiel?

Heeb: Als ich vor einem Jahr ins Stadtparlament nachrückte, war eine der häufigsten Fragen: «Wie schaffst Du das mit drei Kindern?» Der Durchschnittsparlamentarier in der Schweiz ist männlich, 50 Jahre alt und Jurist. Er ist sicher nie gefragt worden, wie er alles unter einen Hut bringt. Eine andere Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist, wer denn meine Kinder erzieht, wenn ich nicht zu Hause bin. Dabei arbeite ich nur 50 Prozent, und mein Mann ist während dieser Zeit zu Hause. Trotzdem muss ich mich rechtfertigen. Ich stelle also fest: Die Gleichstellung ist längst nicht erreicht.

Schon 1991 streikten in der Schweiz Tausende von Frauen für die Gleichberechtigung. (Bild: «Tagblatt»-Archiv - 14. Juni 1991)

Schon 1991 streikten in der Schweiz Tausende von Frauen für die Gleichberechtigung. (Bild: «Tagblatt»-Archiv - 14. Juni 1991)

Kämpfen Sie für dieselben Anliegen wie damals? Oder hat sich etwas verändert?

Falk: Damals waren die Ungleichheiten stärker im Bewusstsein der Frauen präsent. Doch die grossen Themen sind heute noch dieselben, sie sind einfach kaschierter und versteckter. Noch immer kämpfen wir für Tagesschulen. Noch immer gibt es den unerklärbaren Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern. Auch die Mehrfachbelastung, die wir mit Familie, Beruf, Karriere und Haushalt hatten, ist geblieben.

«Vor 30 Jahren war das Bewusstsein für die Ungleichheit stärker.»
Eveline Falk, Dokumentarfilmerin

Jenny Heeb, Sie sind berufstätig, politisch aktiv, engagieren sich im Streikkomitee und haben drei kleine Kinder. Das führt nun doch zur Frage: Wie schaffen Sie das alles?

Heeb: Ich habe einen Mann. Aufgrund des Familienmodells, das wir gewählt haben, ist das möglich. Wir teilen uns die Erwerbs- und Familienarbeit zu gleichen Teilen. Mein Mann kann die Arbeitszeit flexibel einteilen. Dieses Modell bringt aber auch den Verzicht auf materielle Güter mit sich: Wir haben nur ein Einkommen, dafür mehr Familienzeit.

Eveline Falk, wenn Sie Ihre Tochter anschauen: Hat sie es heute nicht einfacher, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Falk: Ich finde es toll, wie sich unsere Tochter und unser Schwiegersohn organisieren. Aber ich denke nicht, dass sie es einfacher haben. Was sich aber geändert hat: Heute darf man wieder über Feminismus sprechen. Das war viele Jahre ein Schimpfwort.

«Streiken soll nicht heissen, dass man riskiert, die Stelle zu verlieren.»
Jenny Heeb, Sozialpädagogin

Heeb: Ja, der Feminismus ist nicht mehr so belastet. In unserer jungen Bewegung blüht er wieder auf. Dabei ist es uns wichtig, dass die Männer sich mit uns solidarisieren. Wir wünschen uns, dass sie uns unterstützen. Aber wir wollen nicht, dass sie uns sagen, wie wir uns zu organisieren haben. Das erleben wir im Alltag oft genug.

Haben Sie sich schon aufgrund des Geschlechts benachteiligt oder diskriminiert gefühlt?

Falk: Krass fand ich, als ich zum ersten Mal Grossmutter wurde. Ich sass gerade an einer Redaktionssitzung des Fernsehens und erzählte davon. Darauf gab es zwei Kommentare. Der erste war: «He, Du siehst aber noch gut aus!» Und der zweite: «Reduzierst Du nun das Pensum, damit Du hüten kannst?» Einen Grossvater würde man das nie fragen. Es ist eine Schubladisierung, die uns Frauen immer wieder widerfährt – genau wie der alltägliche Sexismus. Die Bemerkung «Du siehst gut aus!» ist zwar lieb gemeint, aber sie reduziert uns auf das Geschlecht.

Die 1.-Mai-Kundgebung war in diesem Jahr auch in der Stadt St.Gallen eine Art Generalprobe für den Frauenstreik vom 14. Juni. (Bild: Urs Bucher - 1. Mai 2019)

Die 1.-Mai-Kundgebung war in diesem Jahr auch in der Stadt St.Gallen eine Art Generalprobe für den Frauenstreik vom 14. Juni. (Bild: Urs Bucher - 1. Mai 2019)

Welches ist denn Ihre dinglichste Forderung am heutigen Streiktag?

Heeb: Die Gleichberechtigung soll endlich umgesetzt werden. Das ist mein grösstes Anliegen. Ich will nicht darauf reduziert werden, welches Geschlecht ich habe. Es soll auf die Fähigkeiten oder den Willen ankommen. Ich sehe es als meine Pflicht, dafür zu kämpfen – so wie schon viele Frauen vor mir gekämpft haben.

Ist ein Streik denn das richtige Mittel?

Heeb: Absolut, für mich schon. Es geht um die Sichtbarkeit, ums Gehörtwerden: Wir sind laut, wir sind viele, wir streiken. Der Streiktag soll nichts Verharmlostes sein, er soll keinen «Jö-Charakter» haben. Dennoch soll Streiken auch nicht heissen, dass man riskiert, die Stelle zu verlieren. Es gibt viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die an diesem Tag frei geben. Jede Frau soll für sich entscheiden, was sie an diesem Tag macht und was nicht. Jede soll sich bewusst machen, wo die Ungleichheiten liegen, wo sie ein Zeichen setzen kann.

Jenny Heeb, Sie haben vor fast 30 Jahren Ihre Mutter beim Frauenstreik begleitet. Werden Sie diesmal Ihre Kinder mitnehmen?

Heeb: Nein, ich streike (lacht). Mein Mann wird die Familienarbeit übernehmen. Er hat zusammen mit unserem ältesten Sohn ein Transparent gemalt. Dieses werden sie zum Streikplatz tragen. Es ist wichtig, dass meine Kinder sehen, was das für eine Bewegung ist. Meine Tochter ist mit zwei Jahren zwar noch zu klein, um etwas mitzubekommen. Ich hoffe aber, dass ich in 30 Jahren nicht mehr dasitzen und mit meinen Kindern über die Gleichstellung diskutieren muss.

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