Mörschwilerinnen geben in der Küche Vollgas: Der Zmittag für alli holt einsame Herzen aus der Isolation

Über 90 Mörschwiler treffen sich monatlich zur geselligen Tafelrunde. Dabei geht es um mehr als volle Bäuche.

Melissa Müller
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Informatiker André Bolliger, seine Tochter Enya und ihre Gspänli gehören zu den 95 Gästen beim Zmittag für alli.

Informatiker André Bolliger, seine Tochter Enya und ihre Gspänli gehören zu den 95 Gästen beim Zmittag für alli.  

Nik Roth

Allein essen, kann eine triste Angelegenheit sein. Beim Zmittag für alli in Mörschwil bleibt hingegen niemand einsam. Jeden zweiten Mittwoch im Monat lädt eine Frauengruppe zu Speis mit Trank in den Räumen der evangelischen Kirchgemeinde ein. Der Mittagstisch wird überrannt: Beim letzten Mal verköstigten sich 95 Mörschwiler im Backsteinhaus hinter dem «Adler». Kinder spielen Fangis, Paare fachsimpeln über den neusten Dorfklatsch. Der Magen knurrt. Doch was auf den Teller kommt, ist jedes Mal eine Überraschung.

Der Zmittag für alli ist ein soziales, verbindendes Angebot für die Dorfbewohner. Die katholische und reformierte Kirchgemeinde ermöglichen das Projekt.

Der Zmittag für alli ist ein soziales, verbindendes Angebot für die Dorfbewohner. Die katholische und reformierte Kirchgemeinde ermöglichen das Projekt. 

Nik Roth

In der Küche hantieren Bettina Reit, Melanie Osterwalder und Daniela Manser. Sie richten Salat an und ziehen eine köstliche Lasagne aus dem Ofen.

22 Mörschwilerinnen arbeiten hinter den Kulissen und wechseln sich mit ihren Einsätzen monatlich ab.

22 Mörschwilerinnen arbeiten hinter den Kulissen und wechseln sich mit ihren Einsätzen monatlich ab.

Nik Roth

«Zuhause koche ich nie so aufwendig», sagt eine Mutter. Schon seit 9 Uhr schnippeln die Frauen Rüebli. Ehrenamtlich, versteht sich. Ein Kilo Butter, 16 Liter Milch und acht Kilo Hackfleisch stecken im Hauptgericht. «Wir haben auch schon exotische Speisen zubereitet», sagt eine Helferin. Kulinarische Experimente seien bei den Stammgästen jedoch unerwünscht. Sie bevorzugen Hausmannskost.

Mohrenkopforte mit Banane kommt gut an

An den Tischen geht es munter zu und her. Die Lasagne ist schon verputzt. Claire Eisele schiebt einen Dessertwagen voller Tortenstücken aus der Küche und schenkt Kaffee ein. Dazu gibt es Guetsli.

Claire Eisele verwöhnt die Gäste.

Claire Eisele verwöhnt die Gäste.

Nik Roth

«Ich liebe Süsses!», sagt die 89-jährige Annemarie Hasler und löffelt die cremige Mohrenkopftorte mit Banane. Ihr Mann, der 95-jährige ehemalige Dorflehrer Jakob Hasler, ist der älteste Gast der Tafelrunde. Das Paar kommt jedes Mal, «ausser wenn wir krank oder in den Ferien sind».

Jakob Hasler, mit 95 Jahren der älteste Gast, mit seiner Frau Annemarie.

Jakob Hasler, mit 95 Jahren der älteste Gast, mit seiner Frau Annemarie.

Nik Roth

Auch die Mörschwiler Gemeinderätin Doris Schultz sitzt mit ihrem 20-jährigen Sohn Marlin am Tisch. Sie schwingt gelegentlich ebenfalls den Kochlöffel in der Frauengruppe.

Gemeinderätin Doris Schultz mit Sohn Marlin.

Gemeinderätin Doris Schultz mit Sohn Marlin. 

Nik Roth

Hier nimmt man sich noch Zeit für gemeinsames Geniessen. Für ein gutes, ausschweifendes Essen, statt im Gehen rasch eine Pizza zu verdrücken oder vor dem Computer in die Tastatur zu krümeln. Für Bernadette Stadler, eine der Gastgeberinnen, geht es beim Schmausen nicht nur darum, sich den Bauch zu füllen. «Es geht um ein lebendiges Dorf», sagt die 47-Jährige. «Ich liebe grosse Tische mit vielen Menschen dran.» Seit zehn Jahren serviert sie beim Zmittag für alli, sorgt dafür, dass sich alle wohl fühlen; «und es macht mir immer noch Spass.»

Daniela Manser (links) und Bernadette Stadler.

Daniela Manser (links) und Bernadette Stadler.

Nik Roth

Grad mal vier Franken kostet das Drei-Gang-Menu für Kinder, Erwachsene zahlen nur acht Franken. Wozu braucht eine reiche Gemeinde ein so günstiges Mittagsangebot? «So bleibt man nicht in der Anonymität», sagt eine Helferin. Der Zmittag für alli sei auch ein guter Anlass für Neuzuzüger, um Anschluss zu finden.

Verwitwete Frauen und Männer schätzen das Angebot ganz besonders. Gerade im Alter fällt das Essen manchen schwer, weil sie weniger Appetit verspüren. Dazu kommt die Einsamkeit. Wie erfrischend ist hingegen das fröhliche Stimmengewirr und Gelächter im Saal der Kirchgemeinde.

Auch junge Mütter geniessen es, einfach Platz zu nehmen. «Ich bin froh, dass ich nicht selber kochen muss», sagt eine Besucherin. Ramona Harré wohnt nebenan in der Überbauung «Alti Moschti». Seit einem halben Jahr besucht sie den Zmittag für alli. «Es ist super hier.» Man wisse nie, was aufgetischt wird. Solche Menus koche sie zuhause nie, weil die Kinder Bonnie und Kyle heikel sind. «Meine Tochter isst fast nur Brot, Nüdeli und Salatsauce.»

Ramona Harré mit Bonnie und Kyle finden den Zmittag super.

Ramona Harré mit Bonnie und Kyle finden den Zmittag super.

Nik Roth

Pensionierte Männer stellen die Tische auf

Es waren Xaver und Edith Kistler, die den Anlass vor über zehn Jahren ins Leben riefen. Hinter den Kulissen ist aber ein grosser Effort nötig: 22 Frauen wechseln sich ab, planen Menus, kaufen ein, kochen, räumen auf. Drei pensionierte Männer unterstützen die Frauen beim Aufräumen und stellen jeweils die Tische auf und ab. Und zu Weihnachten basteln die Kinder Tischdekorationen. «Es ist ein grosses Miteinander», sagt Bernadette Stadler. «Anders würde es auch gar nicht gehen.»

An diesem Mittwochmittag ist die Kapazitätsgrenze erreicht. Elisabeth Braun, die jeweils die Einladungen entgegen nimmt, musste sogar einigen absagen. «Wir haben auch einmal Asylbewerber aus dem Dorf zum Zmittag eingeladen», sagt sie. Leider seien keine anderen jungen Leute im Alter der Flüchtlinge da gewesen. Das Publikum besteht vor allem aus Familien und Pensionären.

Elisabeth Braun nimmt die Anmeldungen entgegen.

Elisabeth Braun nimmt die Anmeldungen entgegen. 

Nik Roth

Einige Gäste liegen den Gastgeberinnen in den Ohren: Sie hätten gern öfters einen Zmittag für alli. Doch Grafikerin und Organisatorin Daniela Uhlmann winkt ab. Zu gross wäre der Aufwand. Und: «Es soll etwas Besonderes bleiben.»

Der grosse Abwasch nach dem Schmaus: Melanie Osterwalder nimmts' mit Humor.

Der grosse Abwasch nach dem Schmaus: Melanie Osterwalder nimmts' mit Humor. 

Nik Roth