Mitfahrbänkli statt Bushaltestelle: Weil der Kammelenberg keine ÖV-Verbindung erhält, sind andere Ideen gefragt

Dem Kammelenberg bleibt eine ÖV-Verbindung verwehrt. Nun soll Eigeninitiative des Quartiers Abhilfe schaffen.

Rafael Hug
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Philip Schneider an der Gessnerstrasse, wo er das Mitfahrbänkli zu platzieren vorschlägt.

Philip Schneider an der Gessnerstrasse, wo er das Mitfahrbänkli zu platzieren vorschlägt.

Lisa Jenny

Nicht zum ersten Mal wurde im vergangenen Oktober die Forderung für einen Anschluss des Quartiers Biserhof/Kammelenberg ans städtische Busnetz abgelehnt. Trotz einer Petition des Quartiervereins mit rund 500 Unterschriften entschied sich der Stadtrat gegen einen Pilotversuch mit einem Shuttlebus. Grund: Die Kosten wären zu hoch – der Ertrag zu niedrig. Die Bewohner müssen sich weiterhin ohne Anschluss ans St.Galler ÖV-Netz auskommen. Jetzt werden sie selbst aktiv.

Da im treppenreichen Quartier, das rund zehn Minuten zu Fuss von St.Georgen entfernt ist, viele ältere Menschen leben, ist das Bedürfnis nach einer neuen Mobilitätslösung für die Wohngegend nach wie vor gross. Jüngst hat sich Philip Schneider, Präsident der Siedlungsgenossenschaft Kammelenberg, mit einem offenen Brief an den Stadtrat gerichtet. Darin fordert der im Quartier wohnhafte Rechtsanwalt ein sogenanntes Mitfahrbänkli.

Dabei soll eine mit auffälliger Farbe bestrichene und beschriftete Bank am Strassenrand stehen. Leute, die sich auf der Bank niederlassen, signalisieren die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Das Mitfahrbänkli basiert auf dem Vertrauensprinzip: Die Quartierbewohner kennen sich und lassen Wartende mitfahren. Im überschaubaren Quartier soll sich die Nachbarschaft gegenseitig aushelfen, um dem Problem der fehlenden ÖV-Anbindung entgegenzuwirken.

Pragmatischer Ansatz – bequemes «Stöpple»

Für das Mitfahrbänkli verfolgt Schneider einen pragmatischen Ansatz. «Das Konzept des bequemen, persönlichen ‹Stöpple› ist eine gute Lösung für das Quartier darstellen. Deshalb soll man es einfach ausprobieren.» Die Umsetzung kostet nicht viel und ist mit wenig Umtrieb verbunden. «Als positiver Nebeneffekt wird der Verkehr besser ausgelastet und der Gemeinschaftssinn gestärkt», sagt Schneider.

Das Konzept wurde bereits andererorts umgesetzt. Zum Beispiel im Tessin und in Basel. Erste Erfahrungsberichte fallen laut Schneider positiv aus. Die Idee mit dem Mitfahrbänkli wird auch als Reaktion auf den demografischen Wandel – ältere Menschen wohnen abgelegen und sind in ihrer Mobilität eingeschränkt – angesehen.

«Der Bedarf ist im Quartier Kammelenberg definitiv da, und die Idee stösst auf positive Resonanz.»

Sicherheitsbedenken hat Schneider keine. «Im Quartier kennt man sich, und niemand ist gezwungen, mitzufahren oder andere mitzunehmen.» Natürlich gäbe es Aufklärungsbedarf, insbesondere bei Kindern. Doch er habe hier keine Bedenken. «Das Angebot ist auch nicht für Kinder gedacht, sondern speziell für ältere Leute.» Die Bank möchte Schneider an der Kreuzung Gessnerstrasse/Biserhofstrasse platzieren – im Idealfall bereits kommenden Frühling. «Ich hoffe sehr, dass das Projekt nicht an formellen Hürden scheitert.»

Stadtrat prüft Anfrage: «Grundsätzlich möglich»

Maria Pappa, Stadträtin Direktion Planung und Bau, sagt auf Anfrage: «Innert nützlicher Frist wird die Anfrage im Stadtrat geprüft.» Denn formell gesehen unterscheidet sich das Mitfahrbänkli wenig von einer gewöhnlichen Aussichtsbank. Und für eine solche sei das Bewilligungsverfahren unkompliziert. Eine weitere Frage, die sich stellen werde, sei die Beschriftung der Bank, so die Stadträtin. «Vielleicht ist ein grosser Schriftzug auf der Banklehne gar nicht zwingend nötig.» Die Quartierbewohner würden die Bank und deren Zweck ja kennen.

Einzig bezüglich Standort der Bank äussert Pappa Bedenken: «Die grosse Herausforderung wird sein, einen passenden Ort zu finden, wo die Bank weder Fussgänger noch Verkehr behindert.» Doch wenn es einen geeigneten Ort gebe, habe das Mitfahrbänkli grundsätzlich gute Chancen, umgesetzt zu werden.