«Der Flughafen ist unser Zuhause»: Ein Unteregger ist musikalischer Leiter des Zürcher Flughafenorchesters

Sandro Oberholzer aus Untereggen leitet das Flughafenorchester Zürich. Sein Werdegang als Dirigent ist einzigartig. Für das anstehende Konzert in der Tonhalle St.Gallen hat sich Oberholzer voll ins Zeug gelegt.

Ralf Rüthemann
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Wenn Passagiere in der Abflughalle spontan singen und tanzen, dann hat Sandro Oberholzer aus Untereggen seine Finger im Spiel. (Bild: PD)

Wenn Passagiere in der Abflughalle spontan singen und tanzen, dann hat Sandro Oberholzer aus Untereggen seine Finger im Spiel. (Bild: PD)

Man steht mit dem grossen Koffer in der Schlange beim Check-in am Flughafen Zürich und es geht nur schleppend voran. Die Vorfreude auf die Reise ist da, trotzdem hat sich die innere Unruhe noch nicht ganz gelegt. Nachher muss schliesslich noch die Sicherheitskontrolle überstanden werden. Auf einmal wird der Gedankenstrom unterbrochen: Musik erklingt aus der anderen Ecke der Halle. Das Flughafenorchester hat begonnen, zu spielen. Einige Leute hören aufmerksam zu und honorieren danach die musikalische Unterhaltung mit Applaus, andere lassen die Koffer stehen und tanzen hemmungslos mit.

Solche Szenen soll es nur in Zürich geben. «Wir haben jedenfalls noch von keinem anderen Flughafenorchester gehört», sagt Dirigent Sandro Oberholzer. Der gebürtige Aargauer wohnt in Untereggen und ist musikalischer Leiter des Zurich Airport Orchestra. Typischerweise treten die Musikerinnen und Musiker dieser Bigband in der Abflughalle 2 am Flughafen auf. «Der Flughafen ist unser Zuhause», sagt Oberholzer. «Wir treten nicht nur am Flughafen auf, sondern proben hier auch regelmässig.» Am Sonntag ist das Konzertlokal jedoch ein anderes: Nämlich die Tonhalle in St.Gallen. Das Flughafenorchester spielt zusammen mit den Streichern von «Zurich Virtuosi» unter dem Motto «Strings and Wings».

Im Militär zum Dirigenten geworden

Vor vier Jahren hat Sandro Oberholzer die musikalische Leitung des Zürcher Flughafenorchesters übernommen. Damals zog er auch mit seiner Frau, die gebürtige St.Gallerin ist, und seinen drei Kindern im Jugendalter von Schneisingen nach Untereggen. Beruflich ist Oberholzer noch immer im Kanton Aargau tätig: Er gibt Schlagzeugunterricht. Als Schlagzeuger genoss er auch eine fundierte Ausbildung.

Orchester widerspiegelt Vielfalt der Berufe

Das Orchester Flughafen Zürich ist musikalischer Botschafter und Repräsentant des Flughafen Zürich im In- und Ausland. Es soll zudem den Zusammenhalt und die Kultur der Mitarbeitenden am Flughafen Zürich fördern. Das Orchester wurde 2003 unter dem Motto «Musik verbindet» gegründet. Es setzt sich zusammen aus 25 Musikerinnen und Musikern, die mehrheitlich Mitarbeitende der Flughafen Zürich AG und deren Partnerunternehmen sind.

Zuerst studierte er in der Schweiz an der Dante Agostini Schlagzeugschule, danach absolvierte er in Paris das Solistendiplom «Supérieur d’excellence». Am Konservatorium Schaffhausen liess er sich schliesslich noch zum Arrangeur und Kompositeur ausbilden. «Ich kann mich in meiner heutigen Tätigkeit oftmals auf all das, was ich in dieser Ausbildung gelernt habe, stützen», sagt Oberholzer.

Eine klassische Ausbildung zum Dirigenten absolvierte er hingegen nie – das Militärspiel hat ihn automatisch dazu gebracht. Oberholzer war als Schlagzeuger beim Repräsentationsorchester der Armee und liess sich an einem internationalen Anlass in Hannover vom Auftritt der Holländischen Formation inspirieren: Während die Bläser marschierten, spielte das Rhythmusregister stehend mit. So beantragte er, dies im Schweizer Repräsentationsorchester ebenfalls auszuprobieren. Was daraus resultierte, war eine zwölfköpfige Unterformation, die er von Anfang an dirigieren konnte. «So bin ich einfach in die Funktion als Dirigent reingerutscht», sagt Oberholzer.

Geiger haben ihn zum Weinen gebracht

Sandro Oberholzer wirkt seriös und abgeklärt, er gibt zu jeder Frage ausführlich Auskunft. Probleme, sich auszudrücken, hat er keine – er findet immer passende Worte. Vor allem, wenn es um musikalische Themen geht. «Für mich ist es das Wichtigste, dass der Groove stimmt», sagt er. Nicht nur bei der Rhythmusgruppe achte er auf Präzision, sondern auch bei den Bläsern. «Nicht nur präzis, sondern pedantisch genau muss es sein», sagt er. Wenn etwas noch nicht stimmt, bringt er dies den Musikantinnen und Musikanten schonend bei. «Mir wurde sogar schon gesagt, ich lobe zu viel», erzählt er.

«Es braucht aber in der Tat einfach viel Lob. Das ist viel wirksamer als wenn man immer herumnörgelt.» Oberholzer interessiert sich allgemein für solche Lehr- und Lerntheorien, sagt er. So sehr, dass er die Lektüre von Lehr- und Lernbüchern als Ausgleich zur Musik erwähnt. Trotzdem ist er kein typischer Kopfmensch, erklärt er:

«Für mich hängt das alles zusammen. Je präziser und qualitativ besser gespielt wird, desto besser kommt der Groove daher, was wiederum Voraussetzung für die Entstehung von Emotionen ist.»

Es ist nicht das erste Mal, dass das Flughafenorchester am kommenden Wochenende zusammen mit den Streichern von «Zurich Virtuosi» spielt. Bereits vor einem Jahr haben sich die beiden Formationen zusammengetan, damals aber für ein Konzert im Flughafen. In einer Probe war Oberholzer damals völlig überwältigt, wie er erzählt: «Wir haben irische Stücke gespielt und bei einer Passage, bei der die Geigen so richtig fiedeln mussten, sind mir einfach die Tränen runtergelaufen.»

Auf Stärken und Besetzung abgestimmt

Oberholzer hatte für das Konzert vor einem Jahr die meisten Musikstücke selbst arrangiert. «Ich stimmte das Arrangement genau auf die Besetzung und die Stärken der Musikerinnen und Musiker ab. Es waren massgeschneiderte Arrangements.» Auch dieses Jahr ist er wieder als Arrangeur am Drücker: Auf dem Programm steht unter anderem ein George Gershwin Medley, die Filmmelodie aus «Tatort», «Star Wars» und wieder irische Musik. Das Konzert in der Tonhalle St.Gallen findet am Sonntag, 17. November, um 17 Uhr statt.

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Ramona Riedener