Mit seiner Flucht aus dem Entzug hat sich ein süchtiger St. Galler das abgekürzte Verfahren verscherzt

Ein 40-jähriger Drogensüchtiger ist aus dem therapeutischen Massnahmenvollzug geflohen. Nun muss er erneut vor Gericht erscheinen.

Claudia Schmid
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Der Beschuldigte wurde mit 250 Gramm Heroin in einem Robidog-Beutel erwischt.

Der Beschuldigte wurde mit 250 Gramm Heroin in einem Robidog-Beutel erwischt.

Symbolbild: Stefan Kaiser/ Neue Zuger Zeitung

Der bald 40-jährige Schweizer ist seit vielen Jahren stark drogenabhängig und wurde aufgrund seiner Sucht schon mehrfach straffällig. Nachdem er nach der Verbüssung einer Haftstrafe im Herbst 2019 aus der Strafanstalt entlassen wurde, verkaufte er in der Stadt St. Gallen erneut Heroingemisch an verschiedene Abnehmer in seinem näheren Umfeld.

Ab diesem Jahr bestellte er grössere Mengen

Laut Anklageschrift waren es zunächst Kleinstmengen, die der Beschuldigte zur Finanzierung seiner eigenen Sucht veräusserte. Ab Januar 2020 fing er jedoch an, bei einem serbischen Drogenhändler grössere Mengen zu bestellen. Zur Übergabe traf er sich jeweils in Gossau mit sogenannten Drogenläufern.

An seinem Wohnort in St. Gallen verpackte er das Heroingemisch in Einzelportionen. Mit dem Gewinn aus dem Verkauf finanzierte er sich einerseits seinen Lebensunterhalt und andererseits seinen erheblichen Eigenkonsum.

Als Kurier erwischt

Im Februar übernahm er auch Kurierdienste für die Drogenhändlerbande. Als er erneut rund 250 Gramm Heroingemisch in einem Robidog-Beutel von Gossau nach St. Gallen transportierte, wurde er von der Polizei kontrolliert.

Die Staatsanwaltschaft ging später davon aus, dass er innerhalb eines Monats rund 770 Gramm Heroingemisch bei der Drogenbande bezogen hatte, wobei ein grosser Teil für die Weitergabe an Dritte bestimmt gewesen sei. Der Beschuldigte habe dadurch zumindest in Kauf genommen, die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr zu bringen.

Im abgekürzten Verfahren angeklagt, dann ausgebüxt

Die Staatsanwaltschaft klagte den Mann im abgekürzten Verfahren an. Mit dem Einverständnis des Beschuldigten und seines Verteidigers beantragte sie dem Gericht, es sei eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und eine Busse von 500 Franken auszusprechen. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei zu Gunsten einer stationären suchttherapeutischen Massnahme aufzuschieben.

Bereits im April begab sich der Beschuldigte in den vorzeitigen Strafvollzug. Im Sommer konnte er in den Massnahmenvollzug mit entsprechender Drogentherapie wechseln. Die stationäre Behandlung verlief aber nicht ohne Probleme. Wie der zuständige Staatsanwalt an der Verhandlung am Kreisgericht St. Gallen erklärte, kam es zweimal zu Konsumrückfällen. Ein paar Tage später verliess er die stationäre Massnahme und tauchte unter.

«Stadtbekannter Drogenkonsument» zum ersten Mal in Behandlung

Beim Beschuldigten handle es sich um einen langjährigen, stark abhängigen und stadtbekannten Drogenkonsumenten, betonte der Staatsanwalt vor Gericht. In der Untersuchungshaft habe er sehr starke Entzugserscheinungen gezeigt. Soweit den Behörden bekannt sei, habe der Mann vorher noch nie eine Entzugstherapie gemacht. Nun aber habe er zum ersten Mal einer Behandlung zugestimmt. Der Grund dafür sei unter anderem wohl darin zu finden, dass er vom jahrzehntelangen Leben auf der Gasse müde geworden sei.

Mit der Anklage im abgekürzten Verfahren habe die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten eine Chance geben wollen. Da er aber aus dem Massnahmenvollzug entwichen und damit auch nicht an der Gerichtsverhandlung erschienen sei, werde nun das Gericht entscheiden müssen, ob die Anklageschrift zur Neubeurteilung zurückgewiesen werde.

Traurig und wütend auf sich selber

Der Verteidiger bat das Gericht, seinem Mandanten nochmals eine Chance zu geben und ihn ein zweites Mal zur Verhandlung im abgekürzten Verfahren vorzuladen. Der Beschuldigte habe in der Vergangenheit nie den Willen gezeigt, sich auf eine Therapie einzulassen. Nun aber habe ein Umdenken stattgefunden. Es sei bedauerlich, dass es nicht beim ersten Mal geklappt habe. Es sei jedoch allgemein bekannt, dass es gerade bei jahrzehntelanger Sucht nicht einfach sei, von den Drogen loszukommen.

Nach den beiden Konsumrückfällen im Massnahmenvollzug habe er betont, er sei traurig und wütend auf sich selber, jedoch habe er die innere Anspannung nicht mehr ausgehalten. Er könne sein altes Leben einfach nicht loslassen, obwohl er es wolle. Sein Mandant brauche wohl einfach noch etwas mehr Zeit, um den Weg aus der Sucht illegaler Drogen zu finden.

Möglichkeit der Suchttherapie besteht weiter

Das Kreisgericht St. Gallen entschied sich, die Anklageschrift an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen, um ein ordentliches Verfahren einzuleiten. Damit sei aber keineswegs gesagt, dass der Beschuldigte keine zweite Chance erhalte. Noch immer bestehe die Möglichkeit, den Vollzug einer Freiheitsstrafe zu Gunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben. Dies werde das Gericht aber erst entscheiden können, wenn eine Verhandlung im Beisein des Beschuldigten stattfinde.