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Den Aufstieg zu den Bösen im Visier

Der schwingende Geschäftsführer Lars Geisser zählt am St. Galler Kantonalen in Tübach nicht zu den Favoriten. Aber der Mörschwiler Kranzschwinger darf auf den zweiten Lebendpreis hoffen.
Urs Huwyler
Lars Geisser einmal als Geschäftsmann und bei seinem bisher einzigen Sieg beim Wolzenalp-Schwinget.

Lars Geisser einmal als Geschäftsmann und bei seinem bisher einzigen Sieg beim Wolzenalp-Schwinget.

Am 25. August 2019, kurz vor 16 Uhr, möchte der Mörschwiler Lars Geisser nach dem achten Gang jubeln wie noch nie in seinem Sportlerleben. Dann hätte er am Eidgenössischen in Zug den Kranz gewonnen. Sich dadurch lebenslang «Eidgenosse» nennen zu dürfen und zu den «Bösen» aufzusteigen, das kommt bei den Schwingern dem Gewinn einer olympischen Medaille gleich.

Der Traum könnte für den am 12. Mai 29 Jahre alt gewordenen Geschäftsführer der Bachofer AG (Zäune, Geländer, Metallbau) in Arbon Realität werden. Trotz einiger «Schwingerverletzungen» (Kreuzbandriss, Bänderverletzung) während der letzten Jahre gehört er zu den Nordostschweizer (NOS) Teamstützen. Auf der obersten Ebene schwingen Armon Orlik, Samuel Giger oder Daniel Bösch, dahinter folgt die von weiteren Eidgenossen angeführte zweite Reihe. «Ich stufe mich dort ein», erklärt der bisher neunfache Kranzgewinner.

Wer sich mit Lars Geisser über die Sägemehl-Karriere unterhält, kommt nicht um die Doppelbelastung «Beruf und Sport» herum. Die Verantwortung für 25 Mitarbeitende, (mindestens) 15-Stunden-Tage vor den abendlichen Trainings, das muss Substanz kosten. «Manchmal fehlt mir die Erholungszeit etwas, und gegen Ende der Woche spüre ich die Müdigkeit. Aber ich hoffe, künftig firmenintern gewisse Aufgaben delegieren zu können», weiss der Turner-Schwinger um die Gratwanderung und fügt an, im Winter habe er relativ wenig trainiert, vor dem Eidgenössischen müsse und werde sich dies ändern.

Einmal Rind und einmal Festsieg

Dass der 186 Zentimeter grosse, 110 Kilo schwere gelernte Metallbauer schwingerisch etwas kann, bewies er unter anderem vor einem Jahr am Glarner-Bündner-Kantonalen – nach Gestellten (Unentschieden) gegen zwei Eidgenossen – mit Rang drei. Daniel Bösch, Nöldi Forrer und weitere acht Eidgenossen lagen am Ende des Tages hinter dem Überraschungsmann. Ein Rind, und damit der erste Lebendpreis, war der verdiente Lohn. «Stimmt nicht ganz», kontert Lars Geisser mit einem herzhaften Lachen, «eigentlich war es der zweite Lebendpreis. Meine Freundin habe ich auch an einem Schwingfest kennen gelernt.»

2015 feierte der Athlet des Schwingklubs St. Gallen und Umgebung beim Wolzenalp-Schwinget oberhalb von Krummenau den ersten Festsieg. Also an einem Anlass, der von seiner urchig traditionellen Schwinger-Atmosphäre lebt. Diese an den Kranz-(Gross)Anlässen weitgehend verloren gegangene Stimmung brachte ihn einst dazu, sich als «Zwilchhosler» zu versuchen. Die Kameradschaft, das Umfeld behagten ihm und er blieb hängen. «Wer Schwingen in seiner ursprünglichen Form erleben möchte, sollte ein Fest wie jenes auf der Wolzenalp besuchen», empfiehlt der «Allesesser», der sich ab und zu ein Bier gönnt.

Premieren 2010 und 2017

Mit 21 Jahren durfte Lars Geisser erstmals bekränzt nach Hause fahren. Vier Siege und zwei Niederlagen reichten ihm in Engelburg für den begehrten Kopfschmuck. Eine ebenso wichtige Prestige-Premiere glückte ihm 2017 am Nordostschweizer Teilverbandsfest in der Davoser Eishalle. Punktgleich mit fünf Eidgenossen (u. a. Michael Bless, Raphael Zwyssig) sicherte sich der aus keiner Schwingerfamilie stammende St. Galler Teamleader den bisher einzigen Teilverbands-Kranz. «Sportlich gesehen war dies mein bisher grösster Erfolg», betont Geisser.

Noch dürfte er sein Potenzial nicht ausgeschöpft haben, sondern vielleicht bei 70 bis 80 Prozent liegen. Dies sehen offensichtlich auch die Verantwortlichen so. Neben den Festen im eigenen Verbandsgebiet (NOS, Kantonale, Schwägalp) darf er diese Saison die hoch gehandelten Bergfeste auf der Rigi und dem Weissenstein bestreiten. Ein Berg-Kranz wäre der nächste Tritt auf der Karrierenleiter. «Grundsätzlich», erläutert Lars Geisser, «ist der Kranz immer das erste Ziel. Ob Rang vier, fünf oder sechs spielt eine Nebenrolle.»

Ausser beim Gang zum Gabentempel, der zu überborden droht. 100 000 Franken sind auch bei Kantonalen als Gesamtwert längst «normal». Wer viermal auf dem Rücken liegt und vorzeitig ausscheidet, erhält oft eine Gabe, mit der in andern Sportarten die Sieger zufrieden wären. Inzwischen schnappen sich manche Sonntagssportler bewusst Artikel, die sie im Internet verkaufen. «Das kommt für mich nicht in Frage. Ich wähle Gaben, die wie eine Glocke oder eine Truhe einen Erinnerungswert haben, die ich zu Hause, in der Firma oder jemand in der Familie gebrauchen kann. Es darf auch ein Gutschein sein.»

Erster Sieg gegen Eidgenossen

Am Kantonalen am 27. Mai in Tübach soll es nach Kränzen am Thurgauer und Zürcher Kantonalen (Niederlage gegen Samuel Giger) die dritte Erfolgsmeldung werden. «Der Druck vor eigenem Publikum wird bestimmt grösser sein. Aber ich bin vorbereitet, fühle mich gut.» Neben dem Jubiläumskranz (10.) strebt er ein Nebenziel an: den ersten Sieg über einen Eidgenossen. Bisher reichte es nur zu Unentschieden. «Es ist teilweise eine Kopfsache. Man muss es sich zutrauen, gegen sie zu gewinnen.»

Am 30. August 2020 beim Jubiläumsfest 125 Jahre ESV in Appenzell sollen sich die Teilverbandskranzer an Eidgenosse Geisser die Zähne ausbeissen. Die Basis bilden Trainings im Klub und bei regionalen Zusammenzügen. Das war schon bei den Vorgängern Hugo Cozzio und Peter Oertig, den letzten richtig «Bösen» im Raum St. Gallen und Umgebung so. Seither fehlen die Aushängeschilder. «Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Jungen im Klub und in der Umgebung sehen, was sie durch Training, Wille und Ehrgeiz erreichen können.» Ein Foto mit einem Lebendpreis wäre dafür ideal.

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