Mit Schweiss zum perfekten Tännli: Christbaum-Produzenten haben auch im Sommer alle Hände voll zu tun

Ein schöner Christbaum braucht Pflege – das ganze Jahr hindurch. Produzenten treffen sich deshalb in Goldach zu einem Schnitt- und Formkurs: Mitten im Sommer, bei 20 Grad im Schatten.

Jolanda Riedener
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Der Goldacher Sepp Germann (Zweiter von links) ist einer der grössten Christbaumproduzenten in der Region Rorschach. (Bild: Jolanda Riedener)

Der Goldacher Sepp Germann (Zweiter von links) ist einer der grössten Christbaumproduzenten in der Region Rorschach. (Bild: Jolanda Riedener)

Wie sieht der perfekte Christbaum aus? Eine schöne Spitze, gleichmässig rund, nicht zu gross, nicht zu klein und bloss nicht zu dicht. Doch wie wird aus einem Tännlein der perfekte Christbaum? Die Antwort auf diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten – auch unter Experten nicht.

Christbaumproduzenten aus der ganzen Schweiz treffen sich jährlich zu einer Weiterbildung. Die Interessensgemeinschaft IG Suisse Christbaum hat dazu kürzlich nach Goldach eingeladen. 50 Produzenten sind der Einladung gefolgt und haben sich die Kultur des Goldacher Landwirt Sepp Germann näher angeschaut.

Perfektes Produkt verlangt ein ganzes Jahr Arbeit

«Zum Glück ist es heute nicht so heiss wie gestern», sagt ein Teilnehmer erleichtert. Die knapp 20 Grad sprechen dennoch eine deutliche Sprache: Bis Weihnachten dauert es noch lange. Stefan Oberholzer, Präsident der IG Suisse Christbaum, sagt:

«Ich höre immer wieder, ob ich denn den ganzen Sommer in der Badi hocke, zu tun hätte ich um diese Zeit ja sicher nichts.»

Das stimme so natürlich nicht. Im Gegenteil: Allein fünf bis zehn Mal unter dem Jahr werden Pflegearbeiten an den Bäumchen durchgeführt – das Schneiden im Dezember nicht mitgerechnet.

Sepp Germann ist einer der grössten Christbaumproduzenten in der Region. Vor fünf Jahren haben er und seine Frau Claudia den Hof von den Eltern übernommen. Zwölf Hektaren Christbäume in Goldach sowie in Neukirch-Egnach gehören zum Betrieb. Die eine Hälfte der Tännchen verkauft Germann direkt ab Hof. Die andere liefert er an Grossverteiler. Einige der Tannen oberhalb des Hofs in Goldach pflanzte er 2012 an.

Frost setzt Christbäumen zu

«Dieses Jahr sind wir noch mit einem blauen Auge davon gekommen», sagt Stefan Oberholzer. Frost kann den Tannen übel zusetzen. Deshalb kommen nicht nur bei den Obstplantagen, sondern auch bei den Christbäumen Frostkerzen zum Einsatz, wenn es hart auf hart kommt. Oberholzer sagt:

«Die Schäden blieben heuer zum Glück minim, aber es ist immer eine Zitterpartie.»

Oft könne man Frostschäden auch erst spät erkennen. Gemäss Oberholzer hat sich die Branche erst vor etwa zehn Jahren professionalisiert. Die Interessensgemeinschaft will deshalb auch Fachwissen unter den Produzenten weitergeben und so die Qualität sichern. Wenn die Landwirte ihre Bäume an Grossverteiler wie Coop oder Migros verkaufen, gelten strenge Richtlinien. In der Schweiz gibt es ausserdem, im Vergleich zum Ausland, nur sehr wenige richtig grosse Christbaumproduzenten.

Weiter haben Christbaumkulturen gemäss Oberholzer einige nützliche Nebeneffekte, sie begünstigen etwa die Artenvielfalt. Zwischen den Tännchen entstehe wertvollen Lebensraum.

Bricht die Spitze, ist das Bäumchen nichts wert

Drei Kursleiter geben den anwesenden Produzenten an diesem Nachmittag Tipps und Tricks für die Baumpflege. Rote Plastikspitzen sollen verhindern, dass der Spitz des Bäumchens bricht, wenn sich ein Vogel darauf setzt. Das wäre fatal, denn der Spitz ist das Wichtigste an einem Christbaum.

Damit keine Lücke zwischen den obersten Ästen und der Baumspitze entstehen, schneiden die Landwirte diese Stelle ein, um das Wachstum zu hemmen. Hier wird ein Ast gekürzt, dort ein Trieb weggedrückt – die Tannen sollen möglichst gleichmässig wachsen. Ein Kursleiter sagt:

«Ich empfehle euch, Bäume zu opfern.»

Besser einige Bäume rausnehmen, damit dafür die Nachbarn gut wachsen können. «Wir müssen perfekte Qualität bringen, um den Import von Christbäumen zu verhindern.»

Hier gibt's Christbäume frisch vom Feld

Wer noch einen Christbaum sucht, wird bei vielen Landwirten in der Region St.Gallen fündig. Kunden können die Tannen direkt auf dem Feld auswählen und bekommen sie vor Weihnachten frisch geschnitten.
Elena Fasoli