Mit Pomp, Puder und Perücke: 80 Gäste feiern im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen im Barockstil

Der Kostümverleih Jäger feiert im Historischen und Völkerkundemuseum mit dem «Kostümball Impérial» auch sein 140-Jahr-Jubiläum.

Laura Widmer
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Auch Tanzlektionen gehören zum Programm.

Auch Tanzlektionen gehören zum Programm.

Bild: Benjamin Manser

Der rote Teppich auf der Treppe ist ausgerollt und auch das Wetter spielt mit. Zwei offene Kutschen warten bereits am frühen Samstagnachmittag vor dem Historischen und Völkerkundemuseum. 80 Gäste feiern am Samstag am «Kostümball Impérial» eine Nacht lang im Rokoko- und Barockstil. Das ganze Haus steht zum Flanieren, Lustwandeln und Tanzen zur Verfügung.

Empfangen werden die Gäste auf der Treppe von den «Bediensteten» in Uniform und Kniesocken, welche den «Herrschaften» Getränke bringen oder sie zur Einkleide geleiten. Am Eingang werden kleine Phiolen für das Riechsalz verteilt. Wer will, bekommt auch eine Gesichtsmaske.

Schmal an der Taille, ausladend an den Hüften

Rund 40 Helfer sind an diesem Samstag für das Wohl der Gäste zuständig. Zofen in schwarzer Kleidung mit weissen Rüschenschürzen schminken Damen wie Herren im passenden Stil, mit weiss gepudertem Gesicht und Schönheitsflecken. Lippenstift und Wangenrouge sind rot. Sie setzen ihnen die hoch getürmten, lockigen Perücken auf, stecken ihnen lange, weisse Federn ins Haar und helfen beim Anlegen des Schmuckes. Alle Zofen tragen Masken oder Gesichtsschutz.

Die Verwandlung von der zeitgemässen Alltagskleidung in die Ballgarderobe im Stil des 18.Jahrhunderts ist erstaunlich. Die Kleider, in welche die Gäste schlüpfen, haben sie vorgängig beim Kostümverleih anprobiert und ausgesucht. Die Roben der Damen sind schmal an der Taille, ausladend an den Hüften und auffällig verziert. Jedes ist rund 3000 Franken wert und kann bis zu zehn Kilo wiegen.

18 Bilder

Bild: Benjamin Manser

«Ich könnte immer solche Kleider tragen», schwärmt eine Frau, als sie mit ihrem Mann auf einen freien Platz beim Schminktisch wartet. Schwer seien sie trotz Schnürung und Hüftpolstern nicht, stattdessen fühle man sich einfach erhaben.

Nie war Mode opulenter und verspielter

Die Herren tragen Kniehose, Weste und Herrenrock, eine reich verzierte Jacke mit Lagen von Rüschen an den Ärmeln. Nie war die Mode opulenter und verspielter, besonders für Männer, sagt Agnes Faisst, Geschäftsführerin von Kostüm Jäger. Das macht für sie auch den Reiz dieser Zeit aus:

«In solcher Kleidung bewegt man sich automatisch anders, jede Geste hat eine besondere Ausstrahlung.»

Einmal eingekleidet, treffen sich die «Herrschaften» im Foyer, trinken ein Glas Wein auf der Terrasse des Museums oder machen eine Kutschenfahrt durch das Quartier. Die auffällig gekleidete Gruppe zieht Schaulustige im Stadtpark an. Später an diesem Abend zeigen Tänzerinnen der Ballettschule Rossetti aus Au einen Pas de Quatre.

Zeremonienmeister führt durch den Abend

Durch den Abend führt Zeremonienmeister Stephan Mester. Er spricht mit starkem französischem Dialekt. Eine historisch informierte Entscheidung, wie er sagt: Französisch sei damals an den europäischen Königshäusern in Mode gewesen.

Mester zeigt einem Herrn, wie er eine Dame am Fest begrüssen kann und erklärt gleich der Dame, wie sie standesgemäss darauf reagiert. Er leitet auch die Tänze nach dem Diner und streut kleine Anekdoten aus der Zeit des Rokoko ein. «Sie sind hier, weil sie schön sind – oder zumindest schön gemacht!» Mit solchen Sprüchen hat er die Lacher auf seiner Seite.

Jubiläum von Kostüm Jäger

Mit dem «Kostümball Impérial» feiert der St.Galler Kostümverleih Jäger sein 140-Jahr-Jubiläum. 398 Franken kostet der Abend, Verpflegung sowie Kostüme und Schminken inklusive. Es ist der zweite festliche Anlass in diesem Rahmen, den Geschäftsführerin Agnes Faisst organisiert. Vor vier Jahren fand ein ähnlicher Ball im Schloss Oberberg in Gossau statt.

Für Faisst ist es jedoch nur passend, dass dieses Jahr im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen gefeiert werden kann. Ursprünglich war der Ball für den Mai geplant, musste dann jedoch wegen Corona verschoben werden. Für Faisst war klar, dass der Anlass stattfinden musste, trotz erneuter Organisation und zusätzlicher Auflagen zum Schutzkonzept. «Es gibt sonst nichts Vergleichbares. Und die Gäste haben sich wahnsinnig gefreut, dass der Ball doch noch zustande kommt.»

Die Teilnehmer an diesem Abend kommen aus der Region, aber auch aus Deutschland und Österreich. Agnes Faisst ist sich sicher: «Den Mut und die Offenheit, etwas Neues zu probieren, verbindet heute alle.»

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