So lebt es sich mit «Handydaumen» -Merkel-Raute verspricht Besserung

Schmerzhaft ist die neumodische Krankheit. Dennoch hält sich das Mitleid von Bekannten in Grenzen. Rorschach-Volontärin Valentina Thurnherr schildert den Alltag mit «Handydaumen».

Valentina Thurnherr
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Wer viel Zeit am Smartphone verbringt kämpft unter Umständen mit körperlichen Beschwerden. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Wer viel Zeit am Smartphone verbringt kämpft unter Umständen mit körperlichen Beschwerden. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Er kam schleichend – der Schmerz in meinem rechten Daumen. Die ersten Tage ging ich noch davon aus, ich hätte mich irgendwo gestossen und das nicht bewusst wahrgenommen. Als sich der Schmerz mit der Zeit jedoch verschlimmerte und sich über zwei Wochen hinzog, wurde ich langsam misstrauisch. Und was macht der moderne Mensch? Jawohl, er googelt seine Symptome. Im Normalfall enden solche Selbstdiagnosen damit, dass man unheilbar krank ist und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Ich aber hatte Glück: Ich leide lediglich an der Zivilisationskrankheit «Handydaumen».

Geil. Denn ich trage deswegen jetzt eine Daumenstütze. Was mich von weitem irgendwie draufgängerisch erscheinen lässt. Als wäre ich Extremsportlerin und sei bei einem spektakulären Stunt nicht ganz einwandfrei gelandet. Die Ernüchterung folgt, wenn Leute mit besorgtem Blick auf mich zukommen und fragen, was denn passiert sei. «Ja, Handydaumen», meine banale Antwort. Man höre im Hintergrund ein Quietschen, das üblicherweise dann entsteht, wenn die Nadel abrupt von der Schallplatte entfernt wird. Die Reaktionen meiner Gegenüber: ein sekundenwährendes Schweigen. Das Mitleid hält sich dann auch in Grenzen.

Immerhin keine Kerbe am kleinen Finger

Allerlei nützliche Tipps, wie man bei einen Handydaumen vorzugehen hat, findet man selbstverständlich ebenfalls im Internet. Wer den Begriff bei Google eingibt, wird gleich mit einer Un- mengen an Artikeln zu diesem Thema überschwemmt. So zum Beispiel mit «Handydaumen: Experten geben Tipps». In diesem Lesestück wird der Handydaumen auch als «WhatsAppitis» und «WhatsApp Disease» bezeichnet. Die neue «orthopädische» Zivilisationskrankheit. Auch gut, ich liege momentan also voll im Trend.

Wovon ich bis jetzt aber noch verschont geblieben bin, ist die Kerbe im kleinen Finger. Jawohl. Man schaue sich den kleinen Finger an und wenn an der Seite, die zum Ringfinger zeigt, eine kleine Kerbe zu erkennen ist, so ist auch das auf eine allzu regelmässige Handybenutzung zurückzuführen. Für die Smartphone-Generation kommt es zudem noch ärger. Laut einer neuen wissenschaftlichen Studie wächst dieser Generation am Hinterkopf, wo der Nacken in den Schädel übergeht, eine Art Horn. Betroffen sind vor allem die 18 bis 30-Jährigen. Also ich. Wobei ich bis jetzt noch kein Horn ertasten konnte. Kommt aber vielleicht noch, dann wäre mein Daumen nicht mehr so alleine.

Socken anziehen geht gar nicht

Besagter Finger macht mir auch den Alltag nicht gerade leichter. Für das Tippen am Computer brauche ich ihn zwar nicht, aber bereits am Socken Anziehen scheitere ich. Und vom BH wollen wir gar nicht erst anfangen. Glücklicherweise aber existiert ja das Internet. Bestimmt finde ich auf irgendeiner Website eine nützliche Anleitung, wie ich Socken und BH ohne die Benutzung meiner Hände anziehen kann.

Wie dem auch sei. Jetzt heisst es, erst einmal den Daumen so gut es geht schonen und zwischendurch die Merkel-Raute machen – das wird zumindest in einem der tausend Artikeln empfohlen. Bis dahin quäle ich mich mit der Computermaus herum, die ich trotz meiner Linkshändigkeit rechts benutze, weil man die eben früher noch nicht umstellen konnte. Das ewige Umgewöhnen – ein Grund, warum Linkshänder angeblich früher sterben. Ich hab aber auch gar kein Glück.

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