Umstrittener Autobahnanschluss: Zu Fuss auf der geplanten Strasse vom See zur Autobahn in Goldach

Am Wochenende hat die IG Mobil zu einer Begehung vor Ort eingeladen. Sowohl Befürworter als auch Gegner des Autobahnanschluss Plus kommen auf dem Spaziergang zu Wort.

Jolanda Riedener
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Raphael Frei (links) und Felix Gemperle im Streitgespräch. (Bild: Jolanda Riedener)

Raphael Frei (links) und Felix Gemperle im Streitgespräch. (Bild: Jolanda Riedener)

«Mit oder ohne?» Mit dieser Frage haben sich am Samstag rund 30 Personen auseinandergesetzt. Zum zweiten Mal veranstaltet die IG Mobil im Zusammenhang mit der Abstimmung Autobahnanschluss Plus eine Begehung vor Ort. Auch Gegner habe man eingeladen, sagt Präsident Raphael Frei, der sich während des gut zweistündigen Spaziergangs mit Felix Gemperle vom Verein «Kein 3. Autobahnanschluss» ein Streitgespräch liefert. Start ist der Werkhof in Rorschach. Alle Teilnehmenden werden mit Kopfhörern ausgestattet, damit sie nicht nur die Befürworter und Gegner gut verstehen, sondern auch die Experten Thomas Kieliger und Ueli Strauss.

Die Schar erinnert an eine asiatische Reisegruppe mit Dresscode Trekkingschuhe und Regenjacke. Mit den Stöpseln im Ohr geht es erstmals aufwärts Richtung Bahnübergang Industriestrasse – folglich werden vor allem Schnaufgeräusche über die Hörer empfangen. Zur Meinungsbildung trägt die Veranstaltung allerdings nur beschränkt bei: Die Meinungen sind bereits gemacht. «Mein Abstimmungscouvert ist schon abgeschickt», sagt ein älterer Herr. Eine junge Frau aus Rorschacherberg darf zwar nicht an die Urne, sie habe sich aber schon lange einer Seite angeschlossen. Man ist gekommen, um sich zu unterhalten oder sich in seiner Entscheidung zu bestärken. Gegen einen Spaziergang an der frischen Luft am Samstagmorgen ist schliesslich nichts einzuwenden.

Für die Gegner überdimensioniert, für die Befürworter eine Chance

Der Motor eines weissen BMW heult auf, dank Mikrofon versteht man trotzdem jedes Wort. Der Herbstspaziergang wird vor dem Bahnübergang unterbrochen, die Autos reihen sich seewärts. Raphael Frei lässt sich von der Natur inspirieren und hält ein Laubblatt zwischen zwei Fingern: «In der Mitte entsteht die Hauptachse, Verästelungen führen nach aussen – analog zum Projekt.» Vor der Kornhausbräu sieht er schon die Sommerbestuhlung eines Biergartens – Gemperle hingegen eine Schneise. Jeder hat eine Studie parat, welche die eigene Aussage beweist. «Das Projekt ist überdimensioniert und würde eher zu Zürich passen», sagt jemand aus dem Publikum. «Das Projekt bringt einen Mehrwert für die ganze Region», sagt ein Zweiter. Und: Das Finanzierungsmodell sei ein Glücksfall.

Laut Felix Gemperle würden etwa durch flankierende Massnahmen noch Kosten hinzukommen. Dass man als Direktbetroffener gegen den Anschluss sei, kann Raphael Frei verstehen. «Aber nicht, wenn man das Projekt als Ganzes betrachtet.» Man müsse für die junge Generation nach vorne schauen.

Naherholungsgebiet oder Niemandsland?

Im Gänsemarsch geht es von der Industriestrasse Richtung Pestalozzistrasse. Hier ist eine Tunneleinfahrt geplant. Lastwagen zu Froneri oder Permapack sollen besser durchkommen, gleichzeitig sollen Velo- und Fusswege gebaut werden. «Das Gewerbe braucht den Anschluss, die Wirtschaft steht hinter dem Projekt», sagt Frei. Einige Gewerbetreibende würden sich nicht trauen, sich kritisch zu äussern, will hingegen Gemperle wissen.

Weg von der Industrie, rein ins Grün: Das von den Veranstaltern empfohlene Schuhwerk macht sich bezahlt. Es geht einen steilen Hang hinauf und über nasse Wiesen Richtung Hohrain. Für die Befürworter ist der Hang Niemandsland, für die Gegner wichtiges Naherholungsgebiet, das trotz Tunnelführung unter Lärm leiden würde. Der Weg führt über Kies und Gras, für diese Aussicht nimmt man aber gerne dreckige Sohlen in Kauf. Bei der Ankunft an der Autobahn zeigt sich die Sonne von ihrer besten Seite und lockt die Bienen aus ihrem Versteck. Danach bringt ein Car die Gruppe zurück in die Stadt. An der Goldacher Bahnschranke wartet der Chauffeur zwei Züge ab, bevor er sich für den Umweg via Sulzstrasse entscheidet.