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Auswanderin Madeleine Ware-Jud kommt jeweils mit Lachs in die Schweiz - und kehrt mit Käse zurück

Madeleine Ware-Jud lebt seit 30 Jahren in Kanada. Die ersten Jahre waren hart, die Sprache bereitete ihr buchstäblich Kopfschmerzen. Nun will sie nie mehr weg vom Meer. Trotzdem vermisst sie vieles aus der Heimat.
Johannes Wey
2016 erhielt Madeleine Ware-Jud (rechts) in ihrer neuen Heimat Kanada Besuch von ihrer Schwester und ihrer damals 88 Jahre alten Mutter. (Bild: PD)

2016 erhielt Madeleine Ware-Jud (rechts) in ihrer neuen Heimat Kanada Besuch von ihrer Schwester und ihrer damals 88 Jahre alten Mutter. (Bild: PD)

Von einer «neuen Heimat» kann man bei Madeleine Ware-Jud nicht mehr sprechen. Seit 30 Jahren wohnt sie nun in Kanada, seit langem im Städtchen Nanaimo auf Vancouver Island in der Provinz British Columbia. Ihre Alltagssprache ist schon so lange Englisch, dass der 60-Jährigen gewisse Wendungen auf Deutsch nicht mehr auf Anhieb in den Sinn kommen. So spricht sie von ihrer «Bucket List» und meint damit ihre Pläne für den Ruhestand, der vor rund zwei Wochen begonnen hat: «Wieder mehr Reisen, mehr Aufmerksamkeit für den Garten, mehr Wandern.»

Andere Schweizer Wendungen kommen der St. Gallerin, die acht Jahre in Kronbühl gelebt und unterrichtet hat, hingegen noch ganz selbstverständlich über die Lippen. Beispielsweise, dass man in Kanada «nicht so ein Büro machen» müsse, wenn man Gäste einlade.

Eine Insel, die alles zu bieten hat

Madeleine Ware-Juds Zuhause ist nun die grösste nordamerikanische Pazifikinsel und damit mehr als nur ein kleines Paradies. «Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, abseits des Meeres zu leben.» Die Natur rund um Nanaimo, etwa gleich gross wie St. Gallen, ist für sie etwas vom schönsten am Leben in Kanada. Sie wohnt in einem Haus mit Umschwung. «Wir hören die Seelöwen, sehen Seeadler und bekommen Besuch von Fasanen. Und die Waschbären, Rehe und Hasen sind schon fast eine Plage.» Die Stadt liege in jeder Hinsicht ideal: In zwei Stunden erreicht man mit der Fähre die Metropole Vancouver, in vier Stunden Autofahrt die Wildnis im Norden der Insel, wo man auf Wandertouren ganze Seen für sich alleine hat. Dorthin will das Ehepaar nun nach der Pensionierung öfter. Bemerkenswerterweise seien sie bislang vor allem bei ihren Besuchen in der Schweiz wandern gegangen. «Dort hat es auf jedem Hügel eine Beiz. Das gefällt meinem Mann besonders.»

Kennengelernt hat Madeleine Ware-Jud ihren heutigen Mann Russell vor elf Jahren in einem Salsakurs. Geheiratet haben sie im vergangenen Jahr. «In unserem Alter hat man es nicht mehr so eilig», sagt sie.

Eine weitere Attraktion ihrer neuen Heimat Vancouver Island sei die wilde Westseite der Insel. «Eine der schönsten Küsten der Welt», sagt die weit gereiste Madeleine Ware-Jud.

Das Reisen führte ursprünglich auch dazu, dass Madeleine, die damals noch Jud zum Nachnamen hiess, die Schweiz verliess. Nach dem Lehrerseminar war sie vor rund 40 Jahren nach Kronbühl gezogen, um dort zu unterrichten. Nach vier Jahren nahm sie unbezahlten Urlaub, um ein Jahr lang auf Reisen zu gehen. In Südamerika lernte sie einen kanadischen Reiseleiter kennen und lieben. Drei Jahre führten die beiden eine Fernbeziehung. «Damals hiess das Briefe schreiben.» Hinzu kamen gelegentliche Besuche in der Schweiz oder auf den Touren von Reiseleiter Dennis, in Südamerika, Asien oder Afrika. Nach weiteren drei Jahren in Kronbühl fasste Madleine Jud den Entschluss, es zu versuchen. Und obwohl die Ehe nicht lange hielt, blieb die Ostschweizerin in Kanada – auch wenn die ersten Jahre hart waren.

Hürden genommen, um anzukommen

«Anfangs ist in einem neuen Land alles aufregend – und dann merkst du, was du alles vermisst», sagt Ware-Jud: Freunde, Familie, das soziale Umfeld, das einem Sicherheit gibt. «Ich sass viele Jahre zwischen den Stühlen und war hin- und hergerissen zwischen Kanada und der Schweiz.» Die Sprache sei eine Barriere gewesen. «Bei Witzen habe ich die sprachlichen Nuancen nicht verstanden, und wenn ich mich selber einbringen wollte, formulierte ich Sätze wie ein Kind. Ich musste mich so auf ein Gespräch konzentrieren, dass ich buchstäblich Kopfweh bekam.»

Kam hinzu, dass Madeleine Ware-Juds Lehrerdiplom in Kanada nicht anerkannt wurde. Um an der Universität zugelassen zu werden, musste sie erst Englisch büffeln, das Studium danach selber finanzieren. Lehrerin wollte sie nicht mehr sein: «Ich sagte mir, dass ich etwas anderes machen will, wenn ich schon nochmals sechs Jahre studieren muss.» Nach dem Studium war sie in ihrer neuen Heimat richtig angekommen. «Ich hatte mir eine neue Sprache angeeignet, ein Studium durchgezogen und stand wieder auf eigenen Beinen. Das ist ein tolles Gefühl.» Sie wurde Logopädin und blieb das bis zu ihrer Pensionierung vor zwei Wochen. Schon lange hat sie den kanadischen Pass und ist Doppel­bürgerin – wie viele Menschen in Kanada. Diese Multikulturalität schätzt Madeleine Ware-Jud an ihrer neuen Heimat. Sie habe Freunde, die aus China, Kuba, Chile, Korea oder Vietnam stammten. «Da schwingen immer zwei Kulturen mit.»

Sie und ihre Familie halten den Kontakt mit gegenseitigen Besuchen aufrecht. «Vor zwei Jahren waren meine Schwester und meine Mutter hier. Dass sie mit 88 Jahren nochmals so eine Reise auf sich genommen hat, hat mir viel bedeutet.» Doch nicht nur Verwandte kommen gerne auf Vancouver Island vorbei: «Ich hatte in den vergangenen Jahren einige witzige Begegnungen mit Kindern von ehemaligen Schülern und Arbeitskollegen aus Kronbühl.» Die Region Vancouver ist bei Schweizern eine beliebte Destination, beispielsweise für Sprachaufenthalte.

In Kanada fehlen Madeleine Ware-Jud unter anderem die historisch gewachsenen Schweizer Städte. «Hier sieht alles ziemlich ähnlich aus. Und eine Gartenbeiz unter einem alten Baum sucht man vergebens.» Auch das Essen vermisst sie, vor allem Bratwurst mit Bürli und den Käse. «In die Schweiz reise ich mit viel geräuchertem Lachs, zurück mit Appenzeller Käse und Schokolade.»

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