«Wir sind keine normale WG» – in Gossau leben Jesus-Freaks in einem ehemaligen Bordell 

Sie widmen Ihren Alltag ganz dem Glauben - und wollen diesen unter die Leute bringen. In Gossau wohnen fünf junge Menschen in einer Jesus-WG. Ein Zimmer ist noch frei. 

Perrine Woodtli
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Céline Laager, Christoph Frischknecht, Patricia Studerus und Mark Walt (von links) in der «Jesus-WG», dem Open House Gossau. (Bild: Hanspeter Schiess)

Céline Laager, Christoph Frischknecht, Patricia Studerus und Mark Walt (von links) in der «Jesus-WG», dem Open House Gossau. (Bild: Hanspeter Schiess)

Schon von weitem sind die Weihnachtslieder zu hören, die aus den Boxen dröhnen. Gossaus Strassen sind leer an diesem Abend. Doch an der Herisauerstrasse 53 haben sich einige Leute versammelt. Draussen gibt es Glühwein, im Haus wärmen sich die Gäste auf. Seit August leben hier fünf Menschen aus dem Raum Ostschweiz. Alle sind sie zwischen 20 und 30 Jahre alt. Und alle sind sie tiefgläubig.

Unter dem Namen «Jesus-WG» haben sie am Samstag zum Adventsfest eingeladen. «So ein Anlass ist eine gute Gelegenheit, unser Haus zu zeigen», sagt Christoph Frischknecht. Der 24-jährige Theologiestudent hat die WG auf die Beine gestellt. Dass es sich nicht um eine normale Studenten-WG handelt, verdeutlicht ein Rundgang durch den dreistöckigen Altbau. Zahlreiche Bibelverse schmücken die Wände und im Bücherregal reihen sich Bibeln, der Römerbrief und andere biblische Lektüren aneinander. Jesus ist hier allgegenwärtig. Zumindest für die Bewohner.

«Jesus-Freaks» öffnen ihre Türen

Was heute eine «Jesus-WG» ist, war bis vor rund einem Jahr noch ein Bordell. In den Zimmern, wo Frauen ihre Dienste anboten, wird heute gebetet. Frischknecht sagt:

«Es bringt uns zum Schmunzeln, wenn wir bedenken, welche Veränderung dieses Haus durchgemacht hat.»

Die Gossauer WG ist ein sogenanntes Open House. In der Schweiz gibt es mehrere davon. Es handelt sich gemäss Website um eine Jesus-Bewegung. In einem Open House leben «Jesus-Freaks» gemeinsam den christlichen Lebensstil. Die Bewegung war es, die Frischknecht auf die Idee einer WG brachte. «Bei der Standortsuche standen St. Gallen und Gossau im Zentrum, da dort viele Leute leben.» Die Suche war beendet, als er auf das Haus beim Stadtbühlpark stiess. Er sagt:

«Es könnte nicht perfekter sein.»

Ein Open House steht jederzeit Gästen offen. Besucher können immer für ein Gespräch vorbeikommen. In Gossau sei dieses Angebot bislang rege genutzt worden, sagt Frischknecht. «Ich dachte aber, dass mehr Leute kommen. Aber für uns Schweizer ist die Hemmschwelle gross.» Im obersten Stock vermietet die WG auch ein Airbnb-Zimmer. Demnächst komme jemand aus Indien. Willkommen sei jeder – auch Ungläubige. «Wir finden es spannend, mit ihnen über Religion zu sprechen.»

Den Kebab-Laden segnen

In der WG dreht sich alles um den Glauben. «Wir möchten den christlichen Lifestyle nicht nur sonntags in der Kirche leben, sondern jeden Tag. Wie Jesus damals.» Der Glaube werde so Alltag. Jeder der Bewohner liest täglich in der Bibel. Wer sich für ein Gebet zurückziehen möchte, findet Ruhe im Gebetsraum. Beim Abendessen erzählt man sich von Begegnungen mit Gott und diskutiert über Bibelpassagen. Danach wird gebetet und gesungen.

Ein Zimmer ist noch ausgeschrieben. «Wir haben klar kommuniziert, dass wir keine normale WG sind.» Das Haus sei nicht etwas für jedermann.

«Es reicht nicht, gläubig zu sein. Man muss unsere Vision teilen.»

Dazu gehöre es, den Glauben unter die Leute zu bringen. Im Kebab-Laden etwa fragen die Bewohner, ob sie das Geschäft segnen dürfen. Sieht Frischknecht jemanden mit Gehstöcken, fragt er, ob er ein Gebet sprechen darf. «Die meisten freuen sich darüber.»

Trotz allem bezeichnet Frischknecht die «Jesus-WG» nicht als Freikirche. Auch, weil die Bewohner nach wie vor ihre Kirche besuchen.

«Wir sehen uns als christliche Gemeinschaft, bei der Jesus im Fokus steht.»